Stand: 28.02.2020 18:59 Uhr

Berlinale 2020: Keine Überflieger in diesem Jahr

An diesem Wochenende geht die 70. Berlinale zu Ende. Insgesamt 18 Filme konkurrieren um die Bären-Trophäen. Im Interview spekuliert die Filmkritikerin Katja Nicodemus darüber, wer zu den Gewinnerinnen und Gewinnern zählen könnte.

Frau Nicodemus, was war das für ein Berlinale-Jahrgang - immerhin der erste unter dem neuen Leitungsteam Mariette Rissenbeek und Carlo Chatrian?

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Filmszene mit Sebastian Blomberg, Thorsten Merten und Michael Wittenborn aus Johannes Nabers Film "Curveball" © Sten Mende

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Katja Nicodemus: Das war ein sehr durchwachsener Jahrgang und im Bezug auf den Wettbewerb nach hinten raus ziemlich mau. Es ist klar, dass im Wettbewerb jedes großen Filmfestivals auch Filme mit Stars vorkommen müssen - aber die müssen schon ein gewisses Nievau haben. Und bei diesen Filmen war das Niveau teilweise sehr niedrig. Der Tiefpunkt war "Siberia" von Abel Ferrara mit Willem Dafoe. Es ist die Reise eines Mannes in sein Unbewusstes. Er geht durch Höhlen- und Wüstenlandschaften, die bevölkert sind mit Ureinwohnern. Dazwischen sieht man Sexszenen mit vielen nackten Frauen, die völlig austauschbar sind, also nur sexuelle Objekte. Der Film war flach und seltsam rätselhaft. Auf der anderen Seite gab es im Wettbewerb nur wenige Entdeckungen - obwohl es sie insgesamt gegeben hat, aber in anderen Sektionen.

Wie sah es in diesen Sektionen aus?

Nicodemus: Carlo Chatrian hat ja die neue Sektion "Encounters" installiert: einen zweiten Wettbewerb, in dem auch Preise vergeben werden - keine Bären, sondern Plaketten. Da lief zum Beispiel mein Lieblingsfilm dieses Festivals: "Shirley" von Josephine Decker mit der großartigen Schauspielerin Elizabeth Moss. Moss spielt da eine depressive Schriftstellern in den 50er-Jahren. Der Film ist ästhetisch unheimlich gewagt, wie er den Prozess des Schreibens zeigt und mit der Ästhetik und den Farben des Kinos der 50er-Jahre spielt.

Der Film "Gunda" von Victor Kossakovsky ist auch ein ganz interessanter Film, der in wunderbar silbrig- eleganten Schwarzweiß-Bildern die Geschichte eines Schweins zeigt, das seine Ferkel aufzieht. Am Schluss werden diese Ferkel weggebracht, und wir ahnen, was mit ihnen passieren wird. Dieser Film ist letztlich eine Mischung aus Tierdokumentarfilm und Melodram, aber wunderbar gefilmt. Das ist natürlich nichts für den roten Teppich - aber genau solche Farben und Überraschungen fehlten im Hauptwettbewerb, der so eine Art Glutkern des Festivals ist.

Welche Filme haben eine Chance, einen Preis zu gewinnen?

Nicodemus: Ich war in keinem Jahr so ratlos wie in diesem, weil es nicht die Bilder-Überflieger gibt, also die Filme, die in jedem Fall etwas gewinnen müssen. Es gab dennoch sympathische Filme, schöne Filme. Ich kann mir vorstellen, dass zwei Filme von zwei US-amerikanischen Regisseurinnen Preischancen haben. "Never Rarely Sometimes Always" von Eliza Hittman folgt mit fast dokumentarischer Kamera zwei 17-jährigen Mädchen aus der Provinz nach New York, weil man in der Großstadt ohne Einverständnis der Eltern abtreiben darf. Man sieht diese beiden Mädchen herumdriften, und es ist berührend, ihnen in ihrer Verlorenheit zuzuschauen, aber auch in der Solidarität, mit der sie diese Sache durchziehen.

Oder "First Cow" von Kelly Reichardt, ein ganz zarter Western. Er handelt von der Freundschaft zweier Männer während der Zeit des Goldrausches um 1880. Um sich durchzuschlagen, gründen sie ein kleines Bäckerei-Business: Sie backen Kekse. Für die Kekse brauchen sie Milch, und diese Milch müssen sie nachts heimlich bei einer Kuh klauen. Also Milchdiebe im Wilden Westen.

Vielleicht wird auch "Berlin Alexanderplatz" von Burhan Qurbani etwas bekommen. Ich fand den Film nicht überzeugend, aber er hat immerhin als einer der wenigen Filme Standing Ovations bekommen.

Was ist Ihr persönlicher Favorit auf den Goldenen Bären?

Nicodemus: "Shirley" kann ihn leider nicht bekommen - er kann aber eine Plakette in "Encounters" gewinnen. Mein absoluter Lieblingsfilm - ich glaube aber nicht, dass er Chancen hat - ist "Days" von dem Taiwanesen Tsai Ming-liang. Dieser Film hat sehr lange Einstellungen. In aller Ruhe, meditativ zeigt er zwei Männer im heutigen Taipeh. Der Jüngere verkauft am Markt Kleider, der Ältere hat offenbar schlimme Rückenschmerzen. Man sieht diesen beiden Männern beim Duschen, beim Kochen, beim Liegen in der Badewanne zu. Es hört sich nicht spannend an, aber das ist unglaublich toll gefilmt und hat eine große Intensität. Irgendwann kommen diese beiden Männer zusammen in eine Sexszene - offenbar arbeitet der Jüngere als Sexarbeiter. Diese Szene hat überhaupt nichts Obszönes, man sieht auch keine Geschlechtsteile - aber das ist eine der erotischsten Szenen, die ich in meinem Leben im Kino gesehen habe. Sie hat eine ganz große Kraft. Danach schenkt der ältere Mann dem jüngeren eine kleine Spieluhr, die dessen Leben weiter begleiten wird. Das hat überhaupt nichts Kitschiges. Es sind zwei Seelen in der Großstadt, die sich beim Sex berühren. Dem Film würde ich wenigstens einen Silbernen Bären für die schönste Sexszene geben - wäre ja auch mal was.

Das Gespräch führte Andrea Schwyzer

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NDR Kultur | Journal | 28.02.2020 | 19:00 Uhr