Die Theologin Beate Gilles aus dem Bistum Limburg, neue Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz am 23. Februar © Sascha Steinbach/EPA Pool/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ Foto: Sascha Steinbach

Beate Gilles' Wahl wird der Herrenrunde gut tun

Stand: 23.02.2021 18:26 Uhr

Mit Beate Gilles hat die katholische Bischofskonferenz eine Frau zur Generalsekretärin gewählt. Bei der Auftakt-Pressekonferenz der deutschen Bischofskonferenz spielte die causa Rainer Maria Woelki auch eine wichtige Rolle.

von Ein Kommentar von Florian Breitmeier

Der Erzbischof von Köln Rainer Maria Kardinal Woelki im Porträt. © Marcel Kusch/dpa +++ dpa-Bildfunk + Foto: Marcel Kusch
Die Causa Rainer Maria Woelki und die negativen Folgen der Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln ärgern viele Katholikinnen und Katholiken.

Am Anfang war die Frau. Das traditionelle Auftakt-Statement des Vorsitzenden der deutschen Bischofskonferenz bei der Frühjahrsvollversammlung begann mit einer Personalie. Nein, nicht den Rücktritt eines Mannes galt es zu verkünden, sondern den Auftritt einer Frau inmitten der Herrenrunde. Erstmals nämlich hat die katholische Bischofskonferenz eine Frau zur Generalsekretärin gewählt. Natürlich spielte, wenngleich gar nicht offiziell auf der Tagesordnung, die Causa Rainer Maria Woelki und die negativen Folgen der Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln bei der virtuellen Pressekonferenz am Dienstag eine Rolle.

Die Theologin Beate Gilles wird als neue Generalsekretärin nicht nur die Arbeit zwischen den bischöflichen Kommissionen und die Tagungen der Vollversammlungen koordinieren. Sie wird auch den mächtigen Verband der Diözesen Deutschlands (VDD) als Geschäftsführerin künftig entscheidend prägen. Haushaltsfragen, die alle deutschen Bistümer betreffen, sind dort zum Beispiel ein Thema. Auch der diözesane Finanzausgleich und die Ordnung des kirchlichen Arbeitsrechts.

Gilles' Wahl - eine historische Entscheidung

Wichtige Fragen, einflussreiche Fragen, die künftig also nicht nur zwischen mächtigen Männern entschieden werden. Gilles' Wahl wird der Herrenrunde hoffentlich gut tun. Wenngleich diese historische Entscheidung nicht die düsteren Schatten zu vertreiben vermag, die die desaströse Missbrauchsaufarbeitung im Erzbistum Köln auf das virtuelle Treffen der Bischöfe legt. Wenn die Oberhirten auf ihrem Studientag über die Kirchenaustritte sprechen, wird zwangsläufig mitschwingen, dass beim Kölner Amtsgericht derzeit Server zusammenbrechen, wenn neue, zusätzliche Termine für den Kirchensaustritt angeboten werden. Es herrscht also viel Frust bei den Katholikinnen und Katholiken, auch Resignation.

Wucht der Wut über Missstände wird die Kirche verändern

Andererseits gibt es aber auch eine wütende Entschlossenheit, sich mit Missständen in der Kirche nicht mehr einfach abzufinden. Die Wucht dieser Wut wird die Institution über kurz oder lang verändern.

Florian Breitmeier © NDR Foto: Christian Spielmann
Florian Breitmeier leitet seit 2017 die Redaktion "Religion und Gesellschaft" bei NDR Kultur.

So sind es vor allem die klassischen katholischen Frauenverbände, aber auch die neue Reformbewegung Maria 2.0, die ein anderes Gesicht von Kirche und auch veränderte Strukturen fordern. Flankiert werden die mutigen Frauen in ihrer Kritik vielerorts auch von kritisch-konstruktiven Jugendverbänden wie dem BDKJ. Also vom Glutkern katholischen Gemeindelebens.

Viele Gläubige haben aber von bischöflichen Versprechungen, von Reuebekenntnissen bei gleichzeitiger Delegation persönlicher Verantwortungsübernahme nach Rom oder zwischen die Buchdeckel eines juristischen Gutachtens die Nase gestrichen voll. Der katholischen Kirche wird beim Thema Missbrauch und Aufarbeitung nur ein radikaler Perspektivwechsel helfen, der nämlich die Positionen und die Bedürfnisse der Betroffenen konsequent in den Mittelpunkt kirchlichen Handelns stellt. Und zwar deshalb, weil die Betroffenen und ihre Biographien der Kirche etwas sehr Wichtiges zu sagen haben.

Starre Systeme ändern sich nur durch die Störung von außen

Dieser radikale Perspektivwechsel wird auch Streit und Konflikte produzieren, keine Frage. Aber das ist gut so. Denn dieser Konflikt stellt letztendlich den Klerikalismus in Frage. Starre Systeme ändern sich nur durch die Störung von außen. Katholische Selbstgespräche allein helfen nicht weiter. Umso bitterer wird vielen Gläubigen und Betroffenen das Grußwort des päpstlichen Botschafters in Deutschland an die Bischofskonferenz aufgestoßen sein, eine Botschaft inmitten der Vertrauens- und Missbrauchkrise. Erzbischof Nikola Eterovic rief den deutschen Bischöfe mit einem Paulus-Zitat zu: "Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander". Die Betroffenen sexualisierter Gewalt und die über die Vorgänge im Erzbistum Köln und andernorts erzürnten Katholikinnen und Katholiken erwähnt der Nuntius mit keinem Wort. Vielmehr stuft er einen Konflikt als grundsätzlich schädlich für die kirchliche Gemeinschaft ein.

So als sei der Konflikt, der Meinungsstreit, immer schlecht und unter allen Umständen zu vermeiden. Dabei kann ein Konflikt, zum Beispiel unter Bischöfen in der Bewertung der Ereignisse von Köln, doch auch erhellend und produktiv, reinigend und zielführend sein. Die katholischen Bischöfe müssen also das Streiten lernen, nicht um sich als Gemeinschaft zu zerlegen, sondern um am Konflikt zu wachsen und daraus verändert hervorzugehen. Das ist Gebot der Stunde - nicht die Konfliktvermeidung um jeden Preis! Denn diese Haltung hat die systemische Vertuschung von Missbrauch begünstigt, sie ließ viele Täter ungestraft davonkommen und zahlreiche Betroffene bitter enttäuscht zurück.

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Glaubenssachen

In Essays, Features und Erzählungen stellt die Reihe "Glaubenssachen" religiöse und ethische Grenzfragen der Gegenwart zur Diskussion. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 23.02.2021 | 18:00 Uhr