Stand: 09.10.2021 13:42 Uhr

Klangexperte Michael Metzler am Staatstheater Oldenburg

von Helgard Füchsel

Die Oper "Les Boreades" von Jean-Philippe Rameau ist jetzt zum ersten Mal in Deutschland aufgeführt worden. Das Oldenburgische Staatstheater hat dafür verschiedene Spezialisten eingeladen.

Michael Metzler ist einer von wenigen Barockpercussionisten europaweit und als Experte für die Feinheiten bei Klang und Rhythmen gefragt. Für die Aufführungen von "Les Boreades" ist der Leipziger jetzt in Oldenburg. Immer wieder heult der Wind auf und es donnert zur Orchestermusik in der Oldenburger Aufführung von "Les Boreades" von Jean-Philippe Rameau. Michael Metzler schafft den Klang peitschender Winde und zerstörerischer Blitze. Der schlanke Riese mit Dreitagebart schlägt auf Donnerbleche und eine große Trommel in der Loge im großen Haus des Oldenburgischen Staatstheaters. Auf der Bühne wirbelt eine Videoprojektion über einem schlichten Bühnenbild aus umgefallenen Stühlen. Menschen versuchen verzweifelt sich dahinter in Sicherheit zu bringen, während der Gott der Nordwinde seinen Zorn auf sie herunterschickt.

Donner und Blitze auf der Bühne im Staatstheater Oldenburg

Michael Metzler steht in einem Raum, um ihn herum sind auf einem Tisch und auf dem Boden Percussioninstrumente platziert. © Helgard Füchsel Foto: Helgard Füchsel
Michael Metzler mit verschiedenen Percussioninstrumenten.

"Les Boréades" von Jean-Philippe Rameau ist die letzte und ausgefeilteste Oper des Komponisten und auch die mit den meisten Unwettern. "Gewitter und Stürme waren als dramatische Elemente beliebt bei vielen Barockkomponisten", erzählt Michael Metzler. "Normalerweise war es üblich, dass in jeder Barockoper ein Erdbeben oder ein Sturm vorkommt. Damalige Bühnenbauer trieben dafür großen Aufwand. In einigen Theatern wurden sogar über der Bühne Felsbrocken hin und hergerollt, damit es klingt wie Donner."

Er selbst hat für stürmische Szenen eine transportable Lösung - eine Windmaschine. Sie sieht aus, wie eine Art Wäschetrommel mit Kurbel. Wenn er an der Kurbel dreht, schleift eine grobe Leinwand über hölzerne Zargen und es gibt ein pfeifendes Geräusch. "Das ist damals gebaut worden tatsächlich und es gibt auch Bauzeichnungen noch aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Es gibt auch ein paar originale Instrumente, die noch vorhanden sind, also in Moskau weiß ich von einem und in Versailles auch im Theater am Schloss. Und die andere Möglichkeit ist dieser kleine keramische Blasstutzen. Das ist eher so ein gespenstischer Wind."

Der Barockpercussionist erweckt durch realistische Klänge eine Welt zum Leben

Der Percussionist bläst in eine kurze Tonpfeife. Mal umschließt er sie mit den Händen und dann löst er die Hände wieder. So gibt es einen heulenden Ton. Der international gefragte Schlagzeuger hat noch viele weitere Effekte auf Lager. Vogelflöten für idyllische Szenen, Ratschen für den frostigen Wald - für eine Art frühe Filmmusik. Die Klänge erwecken eine Welt zum Leben, die heute noch aktuell ist, sagt er. "Die Vorstellungen, die die Menschen damals hatten, die Komponisten und die Texter über Gut und Böse, über Schwarz und Weiß, über die Dramatik und Sinnhaftigkeit des Lebens, das jetzt in die neue Zeit rüberzuholen, da kann man eine Menge lernen und es ist einfach faszinierend, diese Welt wiederzubeleben."

Michael Metzler kam über Umwege zur Barockmusik

Michael Metzler hat das Gießereihandwerk gelernt, eine Familientradition. Dann studierte er Jazzpercussion in seiner Geburtsstadt Leipzig. Die Alte Musik begeistert ihn seit seiner Jugend und als er nach seinem Jazzstudium mehr darüber lernen wollte, bewarb er sich in Basel an der Schola Cantorum, der führenden Schule für alte Musik in Europa. "Die Leute kannten mich dort schon von verschiedenen Ensembles und der Rektor sagte dann: " Michael, wir haben leider niemanden, der dir was beibringen könnte, aber hast du nicht Lust zu unterrichten?" und dann ist daraus geworden, dass ich dort Kurse und Seminare gegeben habe und dort aber trotzdem auch forschen konnte und so sammelt man im Laufe des Berufslebens diese Informationen zusammen und gibt sie dann weiter."

Metzler zieht aus Gemälden Rückschlüsse auf alte Spieltechniken

Michael Metzler lächelt während er die Handtrommel spielt. © Helgard Füchsel Foto: Helgard Füchsel
Michael Metzler ist als Barockpercussionist in seinem Element und spielt auf der Handtrommel.

Aus alten Gemälden und anderen Zeitzeugnissen zieht er Rückschlüsse auf Spieltechniken und den möglichen Klang der Instrumente. Auf historischen Gemälden halten Musiker die kleine Handtrommel oft unten fest, ganz anders als es heute gemacht werde, erzählt er und zaubert gleich raffinierte Rhythmen aus der kleinen, unscheinbaren Trommel. Was er über Barockmusik weiß, hat er selbst akribisch erforscht. Das kommt ihm jetzt zugute. Denn während die Stimmen der anderen Orchesterinstrumente in Barockopern ausnotiert sind, gibt es für die Schlagzeugstimme oft nur knappe Hinweise der Komponisten. "Also, ich bin frei, das während der Proben vorzuschlagen. Und man muss auch noch eine gute Kommunikation mit dem Dirigenten haben und mit dem Orchester und das anbieten und entweder es gibt dann den Daumen hoch oder den Daumen runter."

Eine seiner Trommeln trägt der Schlagzeuger an Riemen vor sich her, eine sogenannte Landsknechtstrommel. Sie sieht genauso aus, wie die hölzerne Trommel eines Soldaten auf dem Gemälde "Die Nachtwache" von Rembrandt. Michael Metzler hat sie nach dem niederländischen Barockgemälde nachbauen lassen und er läuft damit auch in der Oldenburger Aufführung als Soldat über die Bühne. "Das ist ein eher dunkler Klang, und wenn ich das kombiniere mit den Schellen, wird es sofort weniger militärisch, sondern eher tänzerischer." Die Trommel mit den Schellen zusammen lassen gleich an einen historischen Kreistanz denken. Ob Landsknechtstrommel, Kastagnetten oder Schellenkranz - mit seiner raffinierten Percussion gibt Michael Metzler der Oper "Les Boreades" in Oldenburg den letzten Schliff. Die Oper von Jean Philippe Rameau wird noch bis um 20.11.2021 am Oldenburgischen Staatstheater aufgeführt und dann in der Spielzeit 22/23 wieder aufgenommen.

Weitere Informationen
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Regional Oldenburg | 02.10.2021 | 15:00 Uhr