Stand: 03.04.2019 16:07 Uhr

Barbara Esser erinnert an Anni Albers

von Martina Kothe

Eigentlich will sie Malerin werden. Die junge Anni Albers, die 1899 in eine großbürgerliche Berliner Familie geboren wird, erhält schon früh privaten Kunstunterricht. 1919 geht sie, da heißt sie noch Annelise Fleischmann, an die Kunstgewerbeschule nach Hamburg. Von dort führt ihr Weg ans Bauhaus nach Weimar. 1922 nimmt sie dort ihr Studium auf und lernt den Maler und Pädagogen Josef Albers kennen, den sie 1925 heiratet.

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"Es wächst immer unter den Händen": Die Textilkünstlerin an Barbara Esser an ihrem Webstuhl.

Wie vielen Studentinnen am Bauhaus ist auch Anni Albers der Weg in die meisten Werkstätten versperrt. Sie will malen, soll aber weben. Zeitlebens kämpft Anni Albers um Anerkennung ihrer textilen Arbeiten. So soll sie gesagt haben: "Wenn eine Arbeit mit Fäden entsteht, dann wird sie als Handwerk betrachtet; auf Papier wird sie als Kunst angesehen." Die Textilkünstlerin Barbara Esser kennt das: "Diese Erfahrungen habe ich durchaus auch schon gemacht. Man muss damit leben - und kann die Leute nur eines Besseren belehren."

Viele Gemeinsamkeiten

Beide haben viel gemeinsam: Barbara Esser und Anni Albers. Da ist zuerst die Wahl des Webstuhls. Wie Anni Albers arbeitet Barbara Esser ihre geometrisch-genauen Webstücke an einem Schaftwebstuhl. Die klaren Formen, Vierecke, Dreiecke wandern in zart aufeinander abgestimmten Farben, manchmal auch klar abgegrenzt, über die großen Webstücke. Es gibt keinen Rapport, keine Wiederholung eines Musters.

Eine uralte Kulturtechnik

Beide Frauen haben sich auf eine uralte Kulturtechnik eingelassen. Das Weben erfordert Disziplin, eine gründliche Vorbereitung und einen langen Atem bei der Fertigung.

„An einem Tag sind es zehn Zentimeter an dem anderen sind es auch mal dreißig dann auch mal nur fünf, das ist sehr unterschiedlich. Es wächst immer unter den Händen und man hat nie das Gefühl, dass es nicht vorangeht. Solange man ganz frei arbeiten kann, ist die Zeit eigentlich zweitrangig." Barbara Esser

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Wie Anni Albers arbeitet Barbara Esser ihre geometrisch-genauen Webstücke an einem Schaftwebstuhl.

Anni Albers arbeitet zu ihrer Zeit am Bauhaus für die Industrie. Erst 1933 in Amerika, nach ihrer Emigration aus Nazi-Deutschland, öffnet sie sich der freien Kunst. Barbara Esser: "Das sind beides interessante Wege, aber mit anderen Herangehensweisen. Weil man einmal auf Schnelligkeiten und Erträglichkeiten achten muss, während man in der freien Weberei wirklich jedem Faden seinen Platz geben und sehr experimentell arbeiten kann."

Künstlerische Befreiung in Amerika

Die Jahre in Amerika, am Black-Mountain College, an dem auch Buckminster Fuller, Robert Rauschenberg oder John Cage studieren, sind für Anni Albers eine künstlerische Befreiung. 1966 bis 1967 entsteht eine ihrer wichtigsten Arbeiten: Im Auftrag des Jüdischen Museums New York webt Anni Albers sechs Stoffbahnen mit dem Titel "Six Prayers" als Mahnmal für die sechs Millionen im Holocaust ermordeten Juden.

Beeindruckendes Oeuvre

Anni Albers hätte eine der bedeutendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts werden können, hätte sie von Anfang an Malerei und freie Kunst studieren dürfen. Doch gerade weil sie sich die Kunst des Webens aneignete, Schmuck herstellte und Druckgrafiken entwarf, ist ihr künstlerisches Oeuvre umso beeindruckender.

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Dieses Thema im Programm:

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