Stand: 19.01.2020 09:00 Uhr

Premiere für "Caravaggio" am Theater Lüneburg

von Katrin Schwier

Die Bilder kennt fast jeder: Judith, die dem Tyrannen Holofernes die Kehle durchtrennt, oder Salome mit dem Kopf Johannes des Täufers. Es sind brutale Szenen, die der Barock-Maler Caravaggio auf Leinwand gebannt hat. Von diesen Bildern voller Gewalt und sexueller Spannung - auch von dem bewegten Leben des Malers - hat sich der Lüneburger Ballettdirektor Olaf Schmidt inspirieren lassen und das Tanzstück "Caravaggio" entwickelt. Am Sonnabend war Uraufführung am Theater Lüneburg. Ein Bericht von den Proben.

Drei Tänzerinnen stehen auf der Bühne, wie eingefroren, ihre Kleider sind blutbefleckt, die Hände erhoben, als würden sie unsichtbare Angreifer abwehren. Der Gesichtsausdruck zeigt Entsetzen, ist schmerzverzerrt. Nach und nach beginnen sie, sich zu bewegen: zunächst roboterhaft, dann in fließenden Bewegungen. Eine Tänzerin wirft ihren Kopf hart in den Nacken. Mit den Händen fährt sie in ihren Mund und reißt ihn gewaltsam auf.

Es sei ein harter, brutaler Tanz, sagt Christina Schmidt. Als Dramaturgin hat sie das Tanzstück mit entwickelt: "Diese Bilder sind Frauenporträts. Die Frauen sind so lebendig, dass sie aus ihrem Bild herauskommen, in der Realität herumirren, um dann wieder in ihr Bild einzusteigen", so die Dramaturgin.

Bewusst keine Gemälde von Caravaggio nachgestellt

Caravaggios-Motive sind Frauen wie Judith, die Holofernes köpft, oder Salome, mit dem Kopf Johannes des Täufers. Ballettdirektor Olaf Schmidt wollte bewusst nicht einzelne Bilder von Caravaggio nachstellen. Gemeinsam mit seinem Ensemble hat er sich die Werke des Malers angeschaut und sich davon inspirieren lassen - welche Emotionen beim Betrachten der Bilder in Bewegung umgesetzt werden könnten und wie.

Die Choreografie ist aus Improvisationen entstanden. Dabei lässt Schmidt seinen Darstellern teilweise viel Freiraum: "Es gibt Sequenzen, in denen ich den Tänzern sage: 'Ich möchte, dass ihr diese Emotionalität tanzt, diese Aggression'."

Livemusik von den Lüneburger Symphonikern

Bei der Musik - live gespielt von den Lüneburger Symphonikern - orientiert sich Schmidt an der Zeit Caravaggios. Einen Großteil nimmt Max Richters moderne Klangfantasie über Vivaldis "Vier Jahreszeiten" ein. Hinzu kommt moderne Musik von Bryce Dessner. Auch das Bühnenlicht ist von Caravaggios Kunst inspiriert. Schmidt beleuchtet die Bühne stark von der Seite, sodass Teile der Bühne und der Gesichter im Schatten liegen. "Diese extreme Caravaggio-Beleuchtung hat sehr viele Maler beeinflusst - dieser starke Licht-Schatten-Kontrast." Es sei eine Art von Licht, die man so auf der Bühne sonst nicht habe, erklärt Schmidt.

Ungewöhnliche Tanzabende

Schmidts außergewöhnliche Ballett-Choreografien sind mittlerweile weit über die Grenzen Lüneburgs bekannt. Seine Fans nehmen weite Wege in Kauf, um seine Uraufführungen zu erleben. Im Dezember wurde er mit dem Lüneburger Kunstpreis für Musik und Theater ausgezeichnet. Dramaturgin Christina Schmidt hielt damals die Laudatio: "An ihm ist außergewöhnlich, dass er ein Choreograf ist, der sich immer weiterentwickelt, dass er offen ist für andere Künste." Er arbeite auch mit Schauspielern zusammen und habe literarische Vorlagen als Grundlage für Tanzabende genommen, erzählt Christina Schmidt. "Das macht seine Tanzabende sehr ungewöhnlich."

Wenig Fluktuation im Team

In seinen sechs Jahren am Theater Lüneburg feierte Schmidt Erfolge mit Choreografien etwa über Kaspar Hauser, Wolfgang Amadeus Mozart und den "Zauberberg" von Thomas Mann. In seinem Team gibt es wenig Fluktuation - das ist ungewöhnlich in der Welt des Ballettes. So kennt Schmidt jeden einzelnen Tänzer und jede einzelne Tänzerin genau und kann jedem die Rolle auf den Leib choreografieren. Ihm gehe es nicht um die perfekt getanzte Arabeske, er sehe jeden Tänzer als Künstler. Und als solche beute er sie regelrecht für seine Choreografien aus, so Schmidt über seine Arbeit.

Premiere für "Caravaggio" am Theater Lüneburg

Der Barockmaler Caravaggio ist bekannt für brutale Szenen mit starken Licht-Schatten-Kontrasten. Am Theater Lüneburg feierte Olaf Schmidts Ballett über Caravaggio am Sonnabend Uraufführung.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Theater Lüneburg / Großes Haus
An den Reeperbahnen 3
21335Lüneburg
Telefon:
(04131) 421 00
Preis:
von 20 bis 32 Euro
Hinweis:
Caravaggio - Tanzstück von Olaf Schmidt
Choreographie: Olaf Schmidt
Bühnenbild: Manuela Müller
Musikalische Leitung: Ulrich Stöcker
Mit: Sarah Altherr, Júlia Cortés, Rhea Gubler, Gabriela Luque, Claudia Rietschel, Wallace Jones, Wout Geers, Paul Perez Piqué
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Dieses Thema im Programm:

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