Bachs Weihnachtsoratorium: Was macht es so einzigartig?

Stand: 25.12.2022 07:45 Uhr

Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach verströmt Jubel und Freude wie kaum eine andere Musik. Für viele ist das Oratorium fest mit dem Weihnachtsfest verbunden.

von Marcus Stäbler

"Jauch-zet, Froh-lo-cket!" - dieser Unisono-Ausruf des Chores ist für viele Menschen das Startsignal für die festliche Stimmung. Er erklingt zu Beginn des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach und bündelt die Vorfreude auf die Geburt des Christkinds in einer prägnanten musikalischen Geste. Einer Geste, deren tänzerischer Schwung schon die Einleitung des Orchesters grundiert, mit Pauken und Trompeten. 

Vor fast 300 Jahren, am 25. Dezember 1734, erlebt das Stück seine Uraufführung mit dem Thomanerchor, in der Leipziger Nikolaikirche. Bach hat seine Musik für den Gottesdienst geschrieben. Das "Oratorium zur Heiligen Weihnacht" besteht aus sechs Kantaten von jeweils etwa einer halben Stunde Dauer. Jede Kantate gehört zu einem der sechs christlichen Festtage zwischen dem ersten Weihnachtstag am 25. Dezember und dem Dreikönigstag am sechsten Januar. 

Gute Stücke neu verwertet

Johann Sebastian Bach, Porträt von Elias Gottlob Haussmann © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
Johann Sebastian Bach wurde 1685 in Eisenach geboren. In seiner Hauptschaffenszeit war er Thomas Kantor in Leipzig.

Wie im 18. Jahrhundert üblich hat Bach sein groß angelegtes Werk nicht komplett neu komponiert, sondern früher entstandene Stücke recycelt - etwa indem er sie mit einem anderen Text versieht. Knapp ein Drittel der Nummern aus dem Weihnachtsoratorium stammt ursprünglich aus anderen Zusammenhängen. Darunter auch der so beliebte Chor aus der ersten Kantate, den er zuvor mit dem Titel "Tönet, ihr Pauken! Erschallet Trompeten!" in einer Glückwunsch-Kantate zum Geburtstag von Maria Josepha, Kurfürstin von Sachsen, verwendet hat. 

Das Geniale daran: Bachs Musik wirkt trotzdem keine Sekunde lang wie zweitverwertet. Sie passt perfekt zu den Affekten und Bildern der Weihnachtszeit. Sie findet einen Ton, der Tausende Menschen Jahr für Jahr aufs Neue begeistert, ob als Sängerinnen und Sänger oder im Publikum. Deshalb ist das Weihnachtsoratorium von Bach das mit großem Abstand meistaufgeführte Klassik-Werk der Advents- und Weihnachtszeit, zumindest in Deutschland. 

Weihnachtsoratorium im Michel - ein Publikumsmagnet

Auch an St. Michaelis, Hamburgs bekanntester Hauptkirche, steht das Stück wieder auf dem Programm. Jörg Endebrock, seit Anfang 2020 Kantor am Michel, leitet am 17. und 18. Dezember nicht weniger als fünf Konzerte: drei mit den Kantaten eins bis drei, und zwei mit den Kantaten vier bis sechs. "Ich finde, es gibt keine andere Weihnachtsmusik, die so viel Fröhlichkeit verströmt, soviel Jubel und Freude, und gleichzeitig Wärme", sagt Endebrock. "Deshalb kann für viele Leute gar nicht Weihnachten werden ohne dieses Stück. Das merken wir auch an der Nachfrage. Es war ja dieses Jahr nicht einfach mit den Konzerten, viele Menschen waren noch sehr zurückhaltend. Aber die Aufführungen vom Weihnachtsoratorium sind schon quasi ausverkauft, zumindest bei den Kantaten eins bis drei."

Große Bandbreite der Kantaten

Die ersten drei Kantaten und die sechste sind die bekanntesten. Nummer vier und fünf werden dagegen etwas seltener aufgeführt. Auch Endebrock hat sie im vergangenen Jahr zum ersten Mal dirigiert. "Da habe ich mich noch einmal ganz frisch verliebt, das ist wunderschöne Musik. Die vierte Kantate rückt die Beschneidung und die Namensgebung Jesu ins Zentrum, sie erzählt keine wirkliche Handlung, das ist eher eine Art Meditation. In der fünften und sechsten geht es dann um die Heiligen Drei Könige." 

Die sechs Kantaten umspannen eine große Bandbreite an musikalischen Formen und Stimmungen. Trotz dieser wechselnden Affekte sieht Jörg Endebrock eine Konstante für seine Interpretation. "Bach muss schwingen, Bach muss tanzen. Auch die getragenen Sätze haben oft einen tänzerischen Duktus. Und natürlich möchte ich es gern durchsichtig haben." Für diese Ideen vereint der Kantor rund 80 Sängerinnen und Sänger vom Chor St. Michaelis, ein professionelles Instrumental-Ensemble mit Mitgliedern Hamburger Orchester und ein erstklassiges Quartett aus Solistinnen und Solisten. 

Weitere Informationen
Die Familie des Komponisten Johann Sebastian Bach auf einem Holzstich von 1870. Der Komponist sitzt im Zentrum an einem Klavier, um ihn herum ist seine Familie gruppiert. © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images

Empfindsam und Galant - Adventliche Musik der Bach-Söhne

Johann Sebastian Bachs vier Söhne haben sich ebenfalls einen Namen als Komponisten gemacht, nicht zuletzt mit geistlichen Werken zur Adventszeit. mehr

Das Weihnachtsoratorium im Norden

Mit ihrem Raum für rund 2.500 Sitzplätze zählt St. Michaelis zu den größten Kirchen im Norden. Aber natürlich ist sie bei Weitem nicht die einzige, in der das Bachsche Weihnachtsoratorium zu hören ist oder schon war. Am 17. Dezember erklingt das Stück etwa in den Hamburger Hauptkirchen St. Petri und St. Jacobi. Von 16. bis 18. Dezember jauchzt und frohlockt in der Marktkirche auch der Bachchor Hannover. Am 17. die Kantorei St. Nikolai Elmshorn. Und zum zweiten Weihnachtstag singt die Plöner Kantorei die Kantaten vier und fünf in der dortigen Nikolaikirche.  

Neben dem Dauerbrenner von Bach gibt es selbstverständlich auch noch eine Fülle anderer schöner Werke zur Weihnachtszeit. Die Kantorei Wismar feiert in diesem Jahr mit dem Weihnachtsoratorium von Camille Saint-Säens in St. Laurentius, am 21. und 22. Dezember. Ein Stück aus der Romantik, das mit einem schlicht geführten Chor und intimen Solopartien eine pastorale Stimmung beschwört. Auch der Kantatenchor Rendsburg widmet sich dem Oratorium von Saint-Säens und lädt am 18. Dezember zu einem Konzert unter dem Motto "Weihnachten in Paris 1884" in die Christkirche. Und die Ensembles Musica Fiata und La Capella ducale, spezialisiert auf die sogenannte Alte Musik, präsentieren unter Leitung von Roland Wilson Weihnachtswerke von Heinrich Schütz und Michael Praetorius, am 16. Dezember in der Hauptkirche Beatae Mariae Virginis in Wolfenbüttel. 

Weitere Oratoriums-Alternativen

Wer zu Weihnachten etwas anderes als Bachs Oratorium hören möchte, kann natürlich auch zu einer Aufnahme greifen. Zum Beispiel von Hector Berlioz‘ Kantate "L‘enfance du Christ", eins der beliebtesten Werke des Komponisten, mit reizvollen Farben und Melodien. Spannend auch das Weihnachtsoratorium von Nicola Porpora, in dem allegorische Figuren wie der Frieden und die Gerechtigkeit auftreten und sich um einen Platz an der Krippe drängeln.

Eine der jüngsten großformatigen Weihnachtskompositionen ist das im Jahr 2000 uraufgeführte Stück "El Niño" von John Adams. Es verbindet die biblische Geschichte mit aktuellen politischen Themen.

Dagegen gilt die "Historia der Geburt Christi" von Heinrich Schütz als eines der frühesten Beispiele einer musikalischen Weihnachtserzählung. Es ist um 1660 entstanden und fesselt seine Hörerinnen und Hörer mit einer abwechslungsreichen Vertonung des Evangelienberichts. Wie Bachs späteres Meisterwerk, hat auch die Weihnachts-Historie von Schütz bis heute ihre Faszination bewahrt.

Weitere Informationen
CD-Cover: Nicola Porpora - Il Verbo in carne © Sony Classical

Nicola Porporas Weihnachtsoratorium

Bachs Musik gehört zum Weihnachtsfest wie Lebkuchen und Tannenbaum. Aber es gibt auch Alternativen - wie das erst kürzlich wiederentdeckte Weihnachtsoratorium von Nicola Porpora. mehr

Johann Sebastian Bach, Porträt von Elias Gottlob Haussmann © picture-alliance / akg-images Foto: akg-images
15 Min

Weihnachtsoratorium: Bachs Musik der Weihnachtstage

Die Uraufführung der ersten Kantate war am 25. Dezember 1734. Dann geriet Bachs Werk für mehr als 100 Jahre in Vergessenheit. 15 Min

Ursula Haselböck, die Intendantin der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern © picture alliance/Danny Gohlke/dpa Foto: Danny Gohlke

Herzenswärmer: Ursula Haselböck und Bachs Weihnachtsoratorium

Die Intendantin der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern verrät, was ihr beim Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach das Herz wärmt. mehr

Ein Notenblatt. © Screenshot
3 Min

Marne: Wiehnachtsoratorium op platt

Ein Weihnachtsoratorium vom Kirchenchor ist ein Erlebnis. Man so een wie dat in Marne hebbt de Lüüt no nie hört. 3 Min

Eine kleine Weihnachtsmütze auf einem Haufen Münzgeld © photocase.de Foto: David W

Weihnachts-Umfrage: Weniger Konsum, mehr Besinnlichkeit

Wie blickt die #NDRfragt-Community im Krisenjahr auf Weihnachten? Für viele rückt der Sinn des Festes in den Vordergrund. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 24.12.2022 | 14:00 Uhr

Schlagwörter zu diesem Artikel

Klassik

Mehr Kultur

Porträtfoto von Autor und Lektor Gerhard Wolf. © picture-alliance / akg-images | akg-images / Bruni Meya

Autor und Lektor Gerhard Wolf ist tot

Der Ehemann von Christa Wolf starb im Alter von 94 Jahren in Berlin. Das teilte der Aufbau Verlag mit. mehr