Stand: 08.11.2018 12:29 Uhr

"Babylon Berlin" löst 20er-Jahre-Hype aus

von Elise Landschek
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Berlin Alexanderplatz: Schon in den 20er-Jahren war der Platz sehr belebt.

"Babylon Berlin" hat schon jetzt deutsche Seriengeschichte geschrieben. Auch wenn die Fortsetzung erst mal auf sich warten lässt: Die Serie hat auf jeden Fall den Golden-Twenties-Hype neu entfacht. Es gibt wieder 20er-Jahre-Tanztees, 20er-Jahre-Kleider und 20er-Jahre-Cocktails. Eine Berliner Agentur bietet Stadtführungen zu den Original-Drehorten an und lässt die Besucher eintauchen in das Berlin der Weimarer Republik.

Neonreklame bewirbt grell einen Elektronikmarkt, Menschen eilen mit ihren Einkaufstüten über den Platz, die Straßenbahn schiebt sich durch die Massen. Auf den ersten Blick erinnert hier nichts an die 20er-Jahre. Oder doch? Stadtführer Arne Krasting ist Historiker und spezialisiert auf diese Zeit. "Der Alexanderplatz ist einer der Plätze der 20er-Jahre - mit Verkehrschaos ohne Ende", erzählt er. 4,4 Millionen Menschen hätten damals in Berlin gelebt, so Krasting weiter. Das Leben spielte sich auf der Straße ab, ein Gewusel ähnlich wie heute also.

"Was ich am spannendsten finde: Heute sagt man, Berlin ist eine Partystadt. Eine Stadt, wo die Leute hingehen, um zu feiern, um die Gegenwart zu spüren", sagt Krasting. "Das war in den 20er-Jahren genau so."

Auf dem iPad laufen Ausschnitte der Serie

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Stadtführer Arne Krasting ist Historiker und spezialisiert auf die Zeit der Weimarer Republik.

Das Alexander- und das Berolinahaus am Platzrand gab es schon Ende der 20er-Jahre, genauso wie das Rote Rathaus im Hintergrund und die Straßenbahn. Jeder der zwölf Teilnehmer an der Stadtführung hat ein iPad bekommen, darauf: historische Aufnahmen der Stadt und Ausschnitte aus der Serie "Babylon Berlin". "Versuchen Sie mal herauszufinden, wo wir uns gerade bewegen", sagt Krasting zu den Teilnehmern und fordert sie auf, den Film auf dem iPad abzuspielen. Genau an der Stelle, an der die Gruppe steht, stand im Film ein Kiosk, wo die Protagonisten beim Zigaretten kaufen aufeinandertreffen.

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Das Rote Rathaus dient in "Babylon Berlin" als Kulisse für das Polizeipräsidium "Rote Burg".

Weiter geht es, zu anderen Drehorten. Zum Roten Rathaus, Drehort für das im Krieg zerstörte Polizeipräsidium "Rote Burg", zum 1928 gebauten Stummfilmkino "Babylon", weiter in Richtung Theater Volksbühne. "Für mich der emblematische Ort für die 20er-Jahre. Politik, Kultur und ein bisschen 'Babylon Berlin'", meint Krasting.

Viel 20er-Jahre-Gefühl im modernen Berlin

Nächstes Ziel ist der Rosa-Luxemburg-Platz. 1929 fand hier der Maiaufstand statt, Krasting zeigt die Filmbilder. Die Teilnehmer sind wie im Rausch, so viel 20er-Jahre-Gefühl hätten sie im modernen Berlin nicht erwartet. Die Epoche hat immer noch Sogwirkung. Arne Krasting weiß um den 20er-Jahre-Hype, den die Serie deutschlandweit ausgelöst hat. Seine Führung ist immer ausgebucht. "Ich find das nicht verkehrt, wenn man so feiert wie in den 20er Jahren, wenn man Charleston oder Swing tanzt, wenn man versucht, diesen Aspekt der Zeit in der Gegenwart zu spüren", sagt er. "Aber man nuss das auch mit dem Auge des Historikers sehen: Das war eine Zeit, die in den Nationalsozialismus führte."

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Der "Holländer" in Berlin heißt in Wirklichkeit Bar Tausend. Sie befindet sich in Berlin-Mitte am Schiffbauerdamm.

Die Teilnehmer der Stadtführung hören höflich interessiert zu, wenn es um die düsteren Kapitel geht - und doch überwiegt die Faszination für den Lifestyle und das verruchte Partyleben. Die Tour endet vor dem "Holländer", einer legendären 20er-Jahre-Bar nahe der Friedrichstraße, mit strikter Türpolitik - bis heute.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Kultur | 08.11.2018 | 06:55 Uhr

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