Stand: 29.11.2019 15:22 Uhr  - NDR Kultur

Nicolas Mathieu: "Ich bin aus Büchern gemacht!"

Viele Kritiker sehen den Roman "Wie später ihre Kinder" von Nicolas Mathieu, der im Spätsommer auf Deutsch erschienen ist, in der Tradition der weit ausholenden Gesellschaftsromane von Balzac oder Zola. Und in der Tat: Wer wissen will, wie junge Westeuropäer Ende des 20. Jahrhunderts gelebt haben, wie sie gekifft, sich verliebt und mit ihren Eltern gerungen haben - der wird auch in ferner Zukunft noch zu diesem Buch greifen, über das Alexander Solloch mit Nicolas Mathieu spricht.

Roman über eine abgehängte Gesellschaft

Bücherjournal -

Anhand der Geschichte einer Gruppe Jugendlicher erzählt "Wie später ihre Kinder" von der Chancenungleichheit in der französischen Gesellschaft, die durch Eliten geprägt ist.

5 bei 4 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Manche Kritiker haben gemeint, in dieser insgesamt trostlosen Atmosphäre des Romans, die ja geprägt ist vom Gefühl der Perspektivlosigkeit, lasse sich schon der Keim der "Gelbwesten"-Bewegung erkennen. Ist das nicht aber ziemlich übertrieben und eigentlich auch anachronistisch? Da liegt ja viel Zeit dazwischen…

Bild vergrößern
"Das Schreiben ist für mich eine sehr kriegerische Waffe", sagt Nicolas Mathieu.

Nicolas Mathieu: Natürlich, ich sehe mich auch überhaupt nicht als denjenigen, dem es gelungen wäre, diese Bewegung vorauszuahnen. Ich war von ihr so überrascht wie jeder andere auch. Trotzdem finden sich manche ihrer Beweggründe auch in diesem Buch: die große Frustration unter den einfachen Arbeitern und Angestellten, die finden, die Globalisierung sei auf ihrem Rücken ausgetragen worden; das Gefühl, von niemandem mehr vertreten zu werden - all das schwingt subtil in diesem Buch mit. Ich beschreibe also das gesellschaftliche Umfeld der Bewegung. Wie sie sich tatsächlich ausprägen würde, davon habe ich nichts geahnt.

Wo stehen wir denn heute mit den Gelbwesten? Aus der Ferne hier in Deutschland scheint es schwierig, die Ziele und das Vorgehen der Bewegung einzuordnen. Handelt es sich um einen sozialen Aufstand oder eher um Vandalismus, ist es eine linke Bewegung oder neigt sie sich mehr und mehr der extremen Rechten zu? Was meinen Sie?

Mathieu: Auch aus der Nähe ist es schwierig, zu einer genauen Analyse zu kommen. Eins ist sicher: Das sind keine faschistischen Horden, die zurück wollen zur "tugendhaften Republik". Es spielt sich gerade ein großer Deutungskampf ab rund um diesen historischen Augenblick in Frankreich. Es ist eine ganz bunt gemischte Bewegung, die sich zum größten Teil spontan gebildet hat und sich außerhalb jeglichen institutionellen Rahmens ausdrückt. Also: sehr schwer zu greifen.

Aber was sie zusammenhält, ist die tiefe Unzufriedenheit mit der gegenwärtigen Lage der Dinge. Und die Verbitterung über die Art und Weise, wie Macht ausgeübt wird. Das heißt: Emmanuel Macron hat die Präsidentschaftswahl mit der Aussage gewonnen, er sei weder links noch rechts. Damit hat er gewissermaßen jede Ausdrucksmöglichkeit außerhalb seiner Person erstickt. Denn wenn er weder links noch rechts ist, ist er sowohl links als auch rechts und vereinnahmt damit das ganze Feld der Auseinandersetzung für sich. Das ist ein politisches Meisterstück, hat aber die politische Debatte unterdrückt.

Die Gelbwesten stellen dem "Macronismus" ein Stoppschild entgegen. Diese Politik ist an ein Ende gekommen. Was daraus jetzt folgen wird, etwa bei Wahlen, in den Parteien - das ist schwer zu sagen. Aus den Europawahlen ist man ja auch nicht so richtig schlau geworden. Was man auf jeden Fall sehen kann: Frankreich besteht nicht nur aus den großen Städten, nicht nur aus den Absolventen der Eliteschulen. Es gibt auch andere - und diese Leute sind sehr sehr wütend; das ist ein Pulverfass.

Buchtipp

Schicksalsprägende Herkunft

Anhand der Geschichte einer Gruppe Jugendlicher erzählt "Wie später ihre Kinder" von der Chancenungleichheit in der französischen Gesellschaft, die durch Eliten geprägt ist. mehr

Diese Frustration, diese Wut - teilen Sie die?

Mathieu: Es ist schwierig, das zu beantworten. Ich bin ja sozusagen ein Überläufer zwischen den Klassen. Ich habe diese Welt der einfachen Arbeiter verlassen, und in gewisser Hinsicht gehöre ich nicht mehr dazu und werde nie mehr dazu gehören, selbst wenn ich es wollte. Aber ich habe das alles verinnerlicht: eine bestimmte Art zu denken, eine bestimmte Erziehung, eine enge Bindung an den ländlichen Raum, sodass ich diese Frustration schon verstehe und größtenteils auch legitim finde.

Sie sind in der Kleinstadt Épinal in den Vogesen geboren worden, Ihre Mutter war Buchhalterin, Ihr Vater Elektriker. Inwiefern spielt also Ihre eigene Geschichte in diesen Roman hinein?

Mathieu: Schon allein insofern, als ich in diese Art von Frankreich hineingeboren worden bin. Ein Frankreich, das nicht Großstadt ist und nicht Vorort, sondern etwas dazwischen. Man spricht von der "Peripherie", tatsächlich ist es etwas dazwischen.

Und dann bin ich aufgewachsen in einer Familie, in der man keine höheren Bildungsabschüsse hatte. So erklärt sich auch ein großer Teil der Spannungen in Frankreich: Die Diplomierten von den Eliteschulen hier, all die anderen da - das ist eine der Spaltungen im Land.

Außerdem habe ich - wie Anthony im Buch - viele lange Sommerferien mit ganz viel Langeweile und unerwiderten Verliebtheiten verbracht, habe - wie Hacine - mit meinen Kumpels herumgehangen, gekifft und habe mich auch in bürgerlichen Familien herumgetrieben, zu der Stéphanie gehört. Meine Eltern hatten mich nämlich auf eine Privatschule geschickt, meine Freunde waren also Söhne von Anwälten, Ärzten und so weiter.

Nicolas Mathieu © imago

Nicolas Mathieu im Gespräch

NDR Kultur - Das Gespräch -

Viele Kritiker sehen den Roman "Wie später ihre Kinder" von Nicolas Mathieu in der Tradition der Gesellschaftsromane von Balzac oder Zola. Auf NDR Kultur spricht der Autor über sein Buch.

5 bei 3 Bewertungen

Mit von 5 Sternen

bewerten

Vielen Dank.

schließen

Sie haben bereits abgestimmt.

schließen

Download

Haben Sie da auch so etwas wie Demütigung erfahren?

Mathieu: (lacht) Oh ja, sehr oft! Vielleicht war ich auch einfach überempfindlich. Aber ich erinnere mich, dass in der Schule alle Mädchen, von denen ich träumte, absolut unerreichbar für mich waren. Und ich neigte dazu zu glauben, das sei meine Schuld, ich sei nicht cool genug, nicht gutaussehend genug, nicht schlau genug. Aber im Rückblick wird mir klar, dass es auch an meiner gesellschaftlichen Stellung lag. Warum war ich denn nicht cool? Vielleicht, weil ich nicht die Kleidung trug, die damals 'in' war; vielleicht fehlten mir "Nike Air"-Schuhe, um die schöne Stéphanie zu verführen. Ich stand einfach gesellschaftlich nicht auf der richtigen Seite.

Auch später noch habe ich Demütigungs-Erfahrungen gemacht. Ich habe sehr lange und sehr gründlich studiert, vielleicht auch ein bisschen blind, das heißt, ich habe sehr viel Zeit und Energie in Dinge investiert, die auf dem Arbeitsmarkt keinen Wert hatten. Als ich dann Arbeit gesucht habe, habe ich nur ganz einfache Jobs gefunden. Das war demütigend, das hat mich verdrossen. Und: in mir den energischen Willen geweckt, das, was da mit mir passiert ist, zu verstehen. Also wie im Bildungsroman: Die Demütigung ist nicht der Endpunkt, sondern hier fängt der Versuch an, sich Klarheit zu verschaffen.

Was ist also Ihre Waffe gegen die Demütigung? Vielleicht der Kugelschreiber bzw. der Computer? Sie haben ja mal in einem Interview gesagt: "Man kriegt die ganze Zeit auf die Schnauze, und Schreiben ist eine Art zurückzuschlagen."

Mathieu: Um all das zu überwinden, gibt es - vor dem Schreiben - schon das Lesen! Bücher waren für mich nicht nur Gefährten, sondern auch Waffen. Waffen, die es mir ermöglicht haben zu verstehen, was mit mir passierte, um das Gefühl der Einsamkeit zu bezwingen, um mich fortzureißen von meinem Milieu. Ich bin im Grunde aus Büchern gemacht!

Das Schreiben ist für mich eine sehr kriegerische Waffe, nicht nur in gesellschaftlicher Hinsicht. In diesem Roman spielt das Vergehen der Zeit eine sehr große Rolle; die Zeit, die uns in die Knie zwingt, die unsere Ambitionen zerstört, die die Menschen, die wir am meisten lieben, umbringt, die nach und nach unseren Körper angreift und so weiter.

Wenn man es schafft, solche Dinge zu sagen, sie zu Papier zu bringen, einen Text zu produzieren, der diese Vorgänge erhellt, dann überwindet man die Flüchtigkeit der vergehenden Zeit. Also - man schlägt zurück gegen die Zumutungen des Lebens.

Das Gespräch führte Alexander Solloch

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Das Gespräch | 30.11.2019 | 18:00 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Autor-Nicolas-Mathieu-im-Gespraech,mathieu110.html

Übersicht

NDR Kultur

Journal

NDR Kultur

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr

Mehr Kultur

04:23
Kulturjournal
04:56
Kulturjournal
04:56
Kulturjournal