Abbildungen dunkelhäutiger Personen bei der Sklavenarbeit. © SHMH

Ausstellung zeigt Hamburgs Umgang mit seiner Kolonialgeschichte

Stand: 29.09.2020 18:14 Uhr

Das Hamburger Museum der Arbeit zeigt ab Mittwoch die Ausstellung "Grenzenlos", in der es um "Kolonialismus, Industrie und Widerstand" geht. Einer der beiden Kuratoren ist Christopher Nixon.

Herr Nixon, in Ihrer Ausstellung geht es speziell um Hamburg, denn ein beträchtlicher Teil des Reichtums der Kaufleute der Freien und Hansestadt Hamburg basiert auf Waren und Rohstoffen aus Kolonien, die über den Hafen in die Stadt gelangten. Kratzen Sie da ein bisschen am Ruhm der ehrbaren hanseatischen Kaufleute?

Christopher Nixon: Ja, das hoffen wir doch. Es ist tatsächlich so, dass sich nicht nur die hamburgischen Kaufleute, sondern auch die Industrie ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Hamburg an den europäischen, auch deutschen Kolonien bereichert hat. Diesen Zusammenhang wollen wir zeigen, indem wir diesen verharmlosenden Begriff der Kaufmannsindustrie versuchen zu dekonstruieren und zu zeigen, dass diese Kaufmannsindustrie eigentlich eine koloniale Industrie ist.

Was war das für eine Industrie, die ab dem 17. Jahrhundert, später speziell im 18. und 19. Jahrhundert, stattgefunden hat?

Nixon: Um mit einem direkten Beispiel zu starten: Auf den Plantagen ist unter Zwang und Gewalt etwa Kautschuk gewonnen worden, der in Fabriken in Barmbek und Harburg zu Schuhen und Hartgummikämmen industriell verfertigt worden ist. Diese Kämme - neben anderen Waren aus Hartgummi - produzierte auch die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie noch bis 1945. Das ist das Gelände, auf dem heute das Museum der Arbeit steht. Neben Kautschuk waren es Elfenbein, Kakao und Öle, die in Hamburg verarbeitet worden sind und die zu dieser kolonialen Industrie beigetragen haben.

Kann man da von einer doppelten Bereicherung sprechen? Einerseits haben die Kaufleute durch den Import damit verdient, aber auch die verarbeitende Branche.

Nixon: Ja, definitiv. Es waren auch Alltagsprodukte, die massenhaft industriell verfertigt werden konnten, wodurch sich die Unternehmen in einer kapitalistischen Logik bereichern konnten.

In Hamburg hat man das Ganze eingekauft und verarbeitet und war sich womöglich gar nicht darüber bewusst, wo es herkam. Wo kam es denn her und wie ist es dort produziert worden?

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Abbildung, die den Produktionsprozess von Seife zeigt. © SHMH

Hamburger Ausstellung zeigt Reichtum auf Kosten der Kolonien

"Grenzenlos. Kolonialismus, Industrie und Widerstand" heißt ein Projekt, das im Hamburger Museum der Arbeit gezeigt wird. mehr

Nixon: Bleiben wir beim Beispiel Kautschuk: Die New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie bezog den Kautschuk aus Brasilien, aus Afrika und aus Indonesien. Wenn man das Beispiel Adolph Woermann nimmt, haben die Unternehmerinnen und Unternehmer zum Teil sehr wohl gewusst, welche Arbeitsbedingungen in den deutschen Kolonien geherrscht haben. Es gab unterschiedliche Arbeitsregime, die alle mit Zwang und Gewalt durchgesetzt worden sind. In der Ausstellung stellen wir die Zwangsarbeit vor, die Versklavung und die Indenturarbeit, also die Vertragsarbeit, die vor allem ostasiatische Arbeitskräfte betroffen hat - der Unterschied zur Zwangsarbeit und zur Versklavung fand aber nur auf dem Papier statt. In diesen Arbeitsregimen sind Personen zur Arbeit gezwungen worden, sie sind bestraft worden und sie sind dadurch auch zu Tode gekommen. Deswegen kann man mit Achille Mbembe auch von "Todeswelten" sprechen, die die Kolonisierten entrechteten und in einem kolonialen und kapitalistischen Wertschöpfungsprozess zu bloßen Werkzeugen gemacht haben.

Im Untertitel zu ihrer Ausstellung ist auch von "Widerständen" die Rede. Hat es die gegeben, und war das nennenswert?

Nixon: Ja. Das ist uns auch sehr wichtig, nicht nur die Perspektive einzunehmen, aus der heraus ergehen könnte, es würde sich nur um hilflose Menschen handeln. Natürlich gab es Widerstand, Sabotage und Kriege - die Kolonisierten haben sich gegen den weißen Blick des Kolonisators gewehrt. In der Ausstellung werden wir neben den bekannten antikolonialen auch namenlose Widerständlerinnen und Widerständler zeigen und ihnen auch postkoloniale Widerständlerinnen und Widerständler beiseite stellen. Das sind Autorinnen und Autoren, Aktivistinnen und Aktivisten, die global gegen den neokolonialen Kapitalismus und Rassismus angekämpft haben. Diesen Widerständlerinnen und Widerständlern wird man in der Ausstellung auf lebensgroßen Fahnen begegnen, die den Besucherinnen und Besuchern den Blick zurückwerfen können. Damit wollen wir einen Perspektivwechsel einleiten und die Besucherinnen und Besucher zu Beschauenden machen, die sich verantwortlich für ihre eigenen gegenwärtigen Verstrickungen zum Beispiel in neokolonialen Zusammenhängen zeigen müssen.

Sie wollen auch untersuchen, was an heutigen Machtstrukturen noch vorfindbar ist. Wirkt also das, was damals stattgefunden hat, bis ins Jahr 2020 nach?

Nixon: Richtig. Wir zeigen das auch an einem ganz konkreten Beispiel: den Autobatterien, die Rohstoffe benötigen, die zum großen Teil im globalen Süden gewonnen werden. Es sind Rohstoffe wie Kobalt, vor allem im Kongo, oder Lithium, in Argentinien und Chile. Diese Rohstoffe werden dort unter menschenverachtenden und menschenrechtsverletzenden Bedingungen gewonnen. Dabei werden auch Naturräume zerstört. Dieses Beispiel der Autobatterien zeigt, wie wir in Deutschland nationale Umweltpolitik betreiben, obwohl sie globale Auswirkungen hat. Der globale Süden spürt zumeist nicht nur direkt die Folgen des Klimawandels, sondern muss letztlich auch die Folgen unserer ökologischen Wende tragen.

Ein anderes Beispiel wären die Arbeitsbedingungen in den sogenannten Exportproduktionszentren, die für unseren europäischen Konsum vor allem Autos, Elektronik und Textilien herstellen. Die Ausstellung will auch an die Besucherinnen und Besucher appellieren, sich ihrer Verantwortung als Teil dieser Konsumgesellschaft bewusst zu sein, ihr eigenes Konsumverhalten zu hinterfragen und sich selber in diesen Verstrickungen von Ausbeutung und Gewalt zu begreifen.

Das Interview führte Jürgen Deppe

Abbildungen dunkelhäutiger Personen bei der Sklavenarbeit. © SHMH

AUDIO: Ausstellung zeigt Hamburgs Umgang mit seiner Kolonialgeschichte (8 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 29.09.2020 | 18:00 Uhr