Stand: 20.02.2019 09:07 Uhr

"Augenhöhe": Tanztheater mit einem Rollstuhl

von Juliane Voigt

"Vorpommern tanzt an" nennt sich ein Verein, der sich um die Entwicklung des Nordostens als Region für zeitgenössischen Tanz und Tanztheater bemüht. Dafür haben sich das Theater Vorpommern, die Jugendkunstschule Vorpommern-Rügen mit der Perform(d)ance-Compagnie und das Schloss Bröllin zusammengetan. "Augenhöhe" feiert nun als erstes gemeinsames Projekt in Greifswald Premiere.

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Beeindruckende Performance: Die Tänzerinnen Magali Saby und Dajana Voß liegen neben einem umgekippten Rollstuhl Rücken an Rücken.

Die Martinschule in Greifswald: Außen ein schmuckloser DDR-Bau, innen ist alles bunt und voller Kinder. 2018 wurde sie "Schule des Jahres". Denn hier lernen Kinder mit und ohne Handicap - auf "Augenhöhe" sozusagen. So heißt auch ein Tanztheater, das hier direkt ins Klassenzimmer kommt. Stefan Hahn von der Jugendkunstschule Perform(d)ance in Stralsund ist der Choreograf des Stücks: "Mir geht's darum, dass das zwei junge Frauen sind, die sich in dieser Schule so ein bisschen an ihre eigene Schulzeit zurückerinnern. Da gibt es viele Geschichten, die dann auch hochkamen. Magali hat zum Beispiel aufgrund ihrer Spastik die Schule zehn Jahre im Bett erlebt."

Theaterstück vs. Realität

Magali Saby, eine der Tänzerinnen, ist schon ihr ganzes Leben lang auf einen Rollstuhl angewiesen. Eine zarte junge Frau mit einer strahlenden Ausdruckskraft. Sie kann ihre Beine nicht bewegen. In dem Stück geht es um die mögliche Augenhöhe zwischen Menschen mit und ohne Rollstuhl. Wolfram Otto ist Lehrer an der Martinschule und hat das Projekt mit Schülern begleitet: "Sie treffen hier auf etwas, was in der Schule auch gelebt wird, nämlich Inklusion. Rollstühle sind bei uns an der Schule völlig normal. In dem Tanztheaterstück wird es ganz anders dargestellt. Eine Tänzerin, die im Rollstuhl sitzt, haben die Schüler noch nie in dieser Form kennengelernt."

Authentische Darstellung

Die Tänzerinnen Magali Saby Dajana Voß liegen neben einem Rollstuhl © NDR.de Foto: Juliane Voigt

Tanzstück "Augenhöhe" in Greifswald

NDR Kultur -

Das Tanztheaterstück "Augenhöhe" des Vereins "Vorpommern tanzt an" feiert in Greifswald Premiere. Das Besondere an dem Klassenzimmerstück: Eine der Tänzerinnen sitzt im Rollstuhl.

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Die Tänzerinnen gehen in dem Stück zurück in ihrer Erinnerung, werden zu frechen Schulmädchen. Sie schenken sich nichts, ziehen sich an den Haaren, stoßen sich herum. Und irgendwann kippt der Rollstuhl und Magali Saby rutscht langsam auf den Boden. Stefan Hahn weiß, wie schwer es für die Darstellerin war: "Um diese Bewegung so zu machen, kostet es Magali Überwindung und großen Mut. Das hat auch mehrere Wochen der Proben und Vertrauensfindung gebraucht."

Stolz trotz blauer Flecken

Magali Saby war in ihrer Heimatstadt Paris schon mit großen Tanz-Compagnien auf der Bühne - immer aber im Rollstuhl. Unter dem Trikot hat sie große blaue Flecken von den ersten Proben. Aber sie ist wahnsinnig stolz: "Es ist neu für mich, weil ich ganz neue Bewegungen und Möglichkeiten mit meinem Körper gelernt habe. Das ist sonst nicht möglich. Mein Körper ist sehr blockiert und verkrampft durch meine Behinderung."

Stück geht auf Tour

Die beiden Tänzerinnen werden geschmeidig zu einem Körper. Dajana Voß lässt ihre Partnerin auf ihren Füßen laufen, trägt sie wie eine Puppe: "Mit Magali hat man da noch mal ganz neue Türen und Welten öffnen können. Es ist auch sehr viel durch Improvisation entstanden. Was geht, was geht nicht? Wie fühlt sich das an für uns beide?" "Augenhöhe" soll bis Mai in 25 Klassenzimmern der Region gezeigt werden, auch in Schulen, in denen es keine Rollstühle gibt - mit anschließendem Gespräch. Es sind nur noch wenige Termine offen.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 20.02.2019 | 15:20 Uhr

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