Synagoge in Kiel © IMAGO / penofoto

Aufbau im Norden - jüdisches Leben in Kiel wächst

Stand: 26.02.2021 13:09 Uhr

Wie sieht jüdisches Leben in Norddeutschland aus? Wir haben die liberal ausgerichtete jüdische Gemeinde in Kiel besucht. Sie wurde 2004 gegründet und hat knapp 250 Mitglieder.

von Andrea Ring

Inna Shames freut sich, dass die Jüdische Gemeinde jetzt ein neues Zuhause hat. Sie bekommen eine neue Synagoge. Auch wenn das denkmalgeschützte Gebäude in der Kieler Innenstadt sanierungsbedürftiger war, als erwartet.

Immer noch steht das Gerüst an der gelben Backsteinfassade. Nur den Gebetssaal und die Büroräume konnten sie letztes Jahr beziehen. Fertig eingerichtet sei die Jüdische Gemeinde noch lange nicht, meint die zweite Vorsitzende.

Kieler Synagoge wird Integrations-, Bildungs- und Kulturzentrum

Die Kieler Synagoge wird gleichzeitig Integrations-, Bildungs- und Kulturzentrum mit Angeboten für Flüchtlinge, mit Fortbildungen oder Sprachkursen. Seniorenclub, Chor und Familienzentrum sollen im unteren Geschoss einziehen, wo jetzt noch Stahlträger freiliegen.

Die alten Holzbalken von 1891 mussten gestützt werden. Alexander Friedmann, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, erzählt: "Es gibt auch Schimmel - besonders im Kellergeschoss und feuchte Wände, da muss noch saniert werden. Es läuft nach zeitlicher Planung sehr gut, aber es ist sehr schwierig, weil das ein bisschen dauert."

Schabbat derzeit via Livestream

Doch es ist ein Projekt mit Zukunftsperspektive. 2028 kann die Gemeinde das zunächst gemietete Haus kaufen, so Friedmann: "Das sehr alte, sehr schöne Gebäude, hat auch Charme als religiöses Gebäude." Erbaut als Verbindungshaus, wurde der flachgedeckte Kubus seit 1919 hundert Jahre lang von einer christlichen Freikirche genutzt. Rund- und Spitzbogenfenster schaffen im Betsaal eine sakrale Atmosphäre.

Gottesdienste zum Schabbat finden hier schon statt, coronabedingt virtuell im Livestream. Geleitet vom neuen Landesrabbiner Isak Avestaad. Er ist seit 1. Juli im Amt: "Er ist ein junger Rabbiner - 41 Jahre alt. Es ist besonders wichtig, dass er zu dieser Generation gehört, die nach der Shoah ordiniert wurden. Das ist nicht selbstverständlich, dass Leute aus ganz Europa nach Deutschland kommen und hier als Rabbiner ausgebildet werden", so Inna Shames.

Proben für Musical im Videochat

Gut ist das auch für die Kinder- und Jugendarbeit. Gerade hat die jüdische Gemeinde ein neues Musical einstudiert - trotz Corona: "Es ist alles möglich, wenn Du kreativ bist," sagt Inna Shames. Geprobt haben die Kinder per Zoom und Facetime. Jetzt ist aus Videoaufnahmen ein Film entstanden. "Und das ist auch so ein Wunder: Corona hat uns nicht getrennt. Ganz im Gegenteil: Wir fühlen uns mehr verbunden."

Die Gruppe Koschere Küche tauscht Rezepte am Bildschirm, Schach am Telefon wurde erfunden. Ältere Gemeindemitglieder, besonders die Holocaust-Überlebenden, und Kranke werden von Ehrenamtlichen mit Schutzmasken und Desinfektionsmittel versorgt.

Einweihung der Synagoge im August?

Unterdessen wird im Haus weiter renoviert, nach den Sicherheitsvorgaben des Landeskriminalamts, so Alexander Friedmann: "Die Fassadenseite ist jetzt mit speziellem Sicherheitsglas gesichert, auf dieser Seite wird auch die Schleuse gebaut." Die Überwachungsanlage dient ebenfalls der Kontrolle. Wobei Friedmann in Kiel bis jetzt keine antisemitischen Vorfälle registriert hat: "Meine persönliches Gefühl ist, dass ich mich sicher fühle." Auch wenn er nicht mit Kippa auf die Straße gehen würde. Die Sicherheitsmaßnahmen seien leider notwendig, sagt Inna Shames: "Das ist genau der Schwachpunkt. Solange jüdische Gemeinden und jüdische Einrichtungen bewachen werden müssen, ist es keine Normalität."

Die liberale Jüdische Gemeinde Kiel hofft, ihre neue Synagoge im August einweihen zu können. Für Inna Shames wäre es viel mehr als die Einweihung eines Gebäudes: "Für mich ist es die Einbürgerung des jüdischen Lebens in Schleswig-Holstein, in mein Land, in meine Stadt Kiel."

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 26.02.2021 | 11:20 Uhr