Reinhard Spieler © dpa - Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

Auch Museen müssen schließen: "Das ist reine Symbolpolitik"

Stand: 30.10.2020 17:11 Uhr

Kultureinrichtungen wie Theater oder Kinos müssen ab Montag geschlossen bleiben. Aber was passiert mit den Museen? In der Regierungserklärung von Angela Merkel tauchten diese nicht auf. Ein Gespräch mit dem Museumsdirektor Reinhard Spieler.

Herr Spieler, wie haben Sie die Regierungserklärung von Angela Merkel aufgefasst?

Reinhard Spieler: Zunächst mal bin ich auch der Meinung, dass etwas getan werden muss. Die Zahlen sind erschreckend und da stehe ich grundsätzlich dahinter. Was die Kultur betrifft, bin ich allerdings irritiert gewesen, dass weder die Museen noch die Bibliotheken genannt wurden. Ich habe mich gefragt, wie das sein kann, dass man in einer zivilisierten Gesellschaft Museen und Bibliotheken grundsätzlich gar nicht auf dem Radar hat. Ich habe dann versucht, wohlwollend zu unterstellen, dass vielleicht den Ländern die Möglichkeit gegeben werden soll, das individuell zu regeln, aber dem war offenbar nicht so. Ich habe später eine Ticker-Meldung gesehen, dass die Ministerpräsidentenkonferenz noch einmal nachverhandelt hat, und da wurden die Museen plötzlich aufgenommen. Das heißt, dass sie es wirklich vergessen haben - was ich schockierend finde. Das sagt auch viel über den Stellenwert, den die Kultur in der Corona-Zeit ohnehin verloren hat. Wir hatten viel zu wenige Stimmen. In Talk-Shows habe ich nicht ein einziges Mal Frau Grütters gesehen, da hatte die Kultur fast nie eine Präsenz. Und das setzt sich jetzt fort.

Auf der Internetseite der Bundesregierung taucht die Kultur unter der Marke "Freizeiteinrichtungen" auf: "Veranstaltungen, die der Unterhaltung dienen", heißt es. Fühlen Sie sich da richtig verstanden?

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Spieler: Wir sind ganz klar Bildungseinrichtungen - darüber kann überhaupt kein Dissens bestehen. Umso erstaunter sind wir natürlich. Etwas zynisch muss man sagen, dass die Museen in Bayern an einer Stelle vor den Bordellen auftauchen, ganz am Ende der Auflistung. Wir sind Bildungsträger und keine Unterhaltungsindustrie. Wir sind - mit den Theatern - die Plattform, die unsere Situation reflektiert, wo die Menschen ein Bild dafür bekommen, was gerade passiert, wo sie sich wiederfinden können, wo wir uns solidarisch in Gesprächen zusammenfinden können. Diese Solidarität wird jetzt aufgekündigt, wenn man Akzeptanz so spaltet. Für mich ist das reine Symbolpolitik. Im Sprengel Museum haben wir 8.000 Quadratmeter. Die höchste Besucherdichte haben wir an unseren freien Eintrittstagen - da kommen wir bei acht Stunden auf 800 bis 900 Besucher. Das ist weit davon entfernt, eine Gefahr zu bilden.

Beim ersten Lockdown haben wir das solidarisch mitgetragen, weil der ganze Traffic heruntergefahren wurde und die ganze Innenstadt lahmgelegt war. Aber wenn jetzt die Geschäfte offen sind, warum sollen dann die Museen, die relativ wenig frequentiert werden, schließen? Ich weiß nicht, wie man das vernünftigerweise erklären kann.

Sie haben sich im Deutschen Museumsbund beraten - welche Strategien wird es geben? Werden Sie den Teil-Lockdown schlucken?

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Spieler: Ich werde dann schließen, wenn eine Landesverordnung mich dazu anweist. Natürlich befolgen wir das Recht. Wir sagen aber klar und deutlich, dass wir es sachlich nicht gerechtfertigt und nicht zielführend finden, in dieser Situation die Museen zu schließen. Aber wenn es denn so ist, dann werden wir uns in der Schließzeit so perfekt wie möglich vorbereiten und versuchen, am ersten Tag, an dem wir dürfen, wieder an den Start zu gehen.

Im Sprengel Museum wollten wir am 13. November eine Ausstellung mit dem schönen Titel "How to survive - Kunst als Überlebensstrategie" eröffnen. Das sind genau die Themen, die uns im Moment umtreiben. Die werden wir dann zum nächstmöglichen Zeitpunkt eröffnen. Natürlich wirft das viele planungsstrategische Fragen auf. Wir müssen uns eigentlich auch schon für das ganze nächste Jahr anders aufstellen, weil wir auch damit rechnen müssen, dass das wieder passiert. Ob das Pandemiegeschehen in den nächsten vier Wochen so herunterzufahren ist, dass das in drei Monaten nicht wieder nötig sein wird - das kann niemand sagen. Aber wir hantieren mit viel Geld und wir müssen uns überlegen, ob es Sinn macht, eine große Ausstellung, die finanziell Publikum braucht, nächstes Jahr überhaupt aufzuschlagen. Oder müssen wir jetzt eher mit eigenen Sammlungsbeständen arbeiten, wo wir unabhängiger und finanziell flexibler sind.

Das Interview führte Claudia Christophersen.

Reinhard Spieler © dpa - Bildfunk Foto: Hauke-Christian Dittrich

AUDIO: Auch Museen müssen schließen: "Das ist reine Symbolpolitik" (7 Min)

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 30.10.2020 | 18:00 Uhr