Rebecca Seidler © dpa Foto: Julian Stratenschulte

Nach Attacke vor Synagoge: "Wir fühlen uns im Stich gelassen"

Stand: 05.10.2020 17:00 Uhr

Am Sonntag wurde in Hamburg ein jüdischer Student von einem Mann schwer verletzt. Ein Gespräch mit Rebecca Seidler, der Vorsitzenden der Liberalen Jüdischen Gemeinde Hannover.

Frau Seidler, die Tat wird als versuchter Mord mit mutmaßlich antisemitischem Hintergrund eingeschätzt. Wie hat Sie die Nachricht über den Angriff in Hamburg erreicht?

Rebecca Seidler: Wir sind sehr erschüttert von diesem Anschlag, und wir sind sprachlos, dass so etwas passieren konnte. Es waren Sicherheitskräfte vor Ort, und trotzdem konnte es zu diesem Angriff kommen. Es ist wichtig zu prüfen, wie man zukünftig so etwas besser vermeiden kann. Letztlich zeigt es die Kernproblematik, die wir haben: Jüdisches Leben in Deutschland ist gefährdet. Wir benötigen Schutzmaßnahmen und die Unterstützung von Sicherheitsbehörden und auch der Zivilgesellschaft. Ich hoffe, dass es jetzt nicht wieder zu einer gebetsmühlenartigen Betroffenheit kommt, die geäußert wird, sondern dass konkrete Taten folgen, damit wir als jüdische Community unterstützt werden.

Der Täter konnte relativ schnell gefasst werden - dennoch stellt sich die Frage, ob die Schutzmaßnahmen ausgereicht haben. In Bezug auf Niedersachsen berichten Sie, dass der Schutz jüdischen Lebens theoretisch als gemeinschaftliche Aufgabe begriffen wird, es aber bei der praktischen Umsetzung Probleme gibt. Woran hapert es da konkret?

Seidler: Es hapert letztlich daran, dass uns direkt nach Halle finanzielle Mittel vom Land Niedersachsen für die Aufrüstung von Sicherheitsmaßnahmen zugesprochen wurden - und genau hierfür wurden auch Sicherheitskonzepte seitens der Landeskriminalämter erstellt. Diese liegen seit Anfang des Jahres vor, aber nun fühlt sich niemand mehr für die finanzielle Unterstützung zuständig. Das ist für unsere jüdischen Gemeinden ein massives Problem, und hier fühlen wir uns im Stich gelassen.

Der Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky hat nach dem Angriff gesagt, er wolle jetzt Taten sehen, fordert einen besseren und konsequenteren Schutz jüdischer Institutionen. Auch die frühere Zentralratspräsidentin Charlotte Knobloch klagt, die wiederkehrenden Empörungszyklen nach solchen Angriffen seien nicht genug - das gebe den jüdischen Menschen das Vertrauen in ihre Sicherheit in Deutschland nicht zurück. Was braucht es denn aus Ihrer Sicht?

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Seidler: Wir brauchen konkrete praktische Hilfe. Wenn uns zugesichert wird, dass man den Kampf gegen Antisemitismus ernst nimmt, dass man uns unterstützt und Gelder bereitstellt, dann hoffen wir natürlich, dass das umgesetzt wird. Denn kaum sind die Kameras aus, kann man sich an diese Worte nicht mehr erinnern. Das verärgert uns und lässt uns alleine. Es ist wichtig, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur dann propagiert wird, wenn es zu solch massiven Anschlägen kommt - das ist ein kontinuierlicher Bearbeitungsprozess. Es gibt sehr gute Projekte, auch in Niedersachsen, die sich gegen Antisemitismus und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit einsetzen. Doch diese sind meistens nur befristet, und das ist keine Kontinuität. Hier sehe ich ein großes Manko. Es muss ins Kernbildungssystem rein, dass man sich mit Antisemitismus auseinandersetzt, um diesen auch bekämpfen zu können.

Zentralratspräsident Schuster schlug vor, dass Hamburg den anderen Bundesländern folgen und einen Antisemitismusbeauftragten benennen solle. Unterstützen sie diese Idee?

Nach einer Attacke auf einen jüdischen Studenten liegt ein Blumenstrauß vor einer Synagoge. © NDR Foto: Anna Rüter

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Seidler: Ja, das ist in jedem Fall sinnvoll, denn dadurch ist das Thema Antisemitismus auch in politischen Gremien immer wieder auf dem Tableau und es bleibt im Bewusstsein. Das kann dabei helfen, dass das Thema nicht immer nur dann aufploppt, wenn ein antisemitischer Angriff passiert, sondern dass es dauerhaft im Bewusstsein bleibt und reflektiert wird.

Der Antisemitismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, längst nicht nur im rechtsextremistischen Milieu anzutreffen. Wie erleben Sie die Debatte in Deutschland derzeit?

Seidler: Für uns Betroffene ist es völlig irrelevant, aus welchem Milieu Antisemitismus kommt. Für uns ist er immer schmerzhaft, verstörend und verunsichernd. Es ist wichtig, dass man nicht damit beschäftigt ist, Antisemitismus bestimmten Milieus zuzuordnen und von dem eigenen Anteil an Antisemitismus abzulenken. Sondern es ist wichtig, mit der Selbstreflexion zu beginnen: Wie stehe ich eigentlich zu diesem Thema? Was mache ich in meinem Umfeld dagegen? Für die Präventionsarbeit ist es natürlich wichtig zu wissen, welche unterschiedlichen Ausdrucksformen es von Antisemitismus gibt, aber für die Betroffenen selbst ist das nur eine Verschiebung der Debatte und trägt nicht dazu bei, die Ursache zu bekämpfen.

Kommen wir zurück zu dem konkreten Fall in Hamburg. Welche Reaktionen bekommen Sie aus Ihrer Gemeinde, und wie stehen Sie mit der Gemeinde in Hamburg im Austausch?

Seidler: Wir stehen im Austausch mit anderen jüdischen Gemeinden, und es werden Unterstützungsangebote ausgesprochen, dass man hier helfen möchte, diesen Vorfall zu bewältigen. Hier nehme ich eine hohe innerjüdische Solidarität wahr.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Rebecca Seidler © dpa Foto: Julian Stratenschulte

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 05.10.2020 | 18:00 Uhr