Stand: 25.09.2018 19:28 Uhr

"Ich fühle mich schikaniert und ausgegrenzt"

Die katholische Bischofskonferenz hat die von ihr in Auftrag gegebene Studie zum sexuellen Missbrauch durch katholisch Geistliche öffentlich vorgestellt. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, hat sich entschuldigt und gesagt: "Ich schäme mich für das Vertrauen, das zerstört wurde, für die Verbrechen, die Menschen durch Amtspersonen der Kirche angetan wurden." Astrid Mayer ist selbst durch einen Diözesanpriester missbraucht worden und engagiert sich seit vielen Jahren im Betroffenenbeirat des Fonds "Sexueller Missbrauch".

Frau Mayer, wie haben Sie den Auftritt von Kardinal Marx empfunden?

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"Wir sind meilenweit entfernt von einer wirklichen Kommunikation", findet Astrid Mayer.

Astrid Mayer: Als ich hörte, wie er sagte, er habe auch Fehler gemacht, habe ich kurz gedacht, ich muss mich mal zwicken, vielleicht träume ich nur. Das Erwachen kam allerdings schon bald. Ich glaube schon, dass eine große Betroffenheit da ist und man sich sehr erschreckt - ich weiß nicht genau, ob über die Zahlen, die ich nicht so überraschend finde, oder über die Reaktion der Öffentlichkeit. Wenn es darum geht, konkrete Maßnahmen zu ergreifen, wird es dann leider doch wieder sehr vage. Es gab konkrete Nachfragen von der Presse, zum Beispiel über die Höhe der Anerkennungszahlungen, aber es fiel keine Zahl und irgendwie war man dann bei einem anderen Thema. Und als man Herrn Marx nach personellen Konsequenzen gefragt hat, hat er gesagt, er habe bei zwei Leuten personelle Konsequenzen gezogen. Bei der Menge von Tätern ist das eine sehr hilflose Reaktion. Sobald es also konkret wird, wird es doch sehr vage.

Das heißt aber, es war für Sie schon ein großer Schritt, dass er sich tatsächlich entschuldigt hat?

Mayer: Naja, Entschuldigungen haben wir schon sehr viele gehört. Nein, für mich war der große Schritt, dass er gesagt hat: "Auch ich habe Fehler gemacht." Die Anerkennung, dass es nicht einzelne Täter waren, die sich in die Reihen der Kirchen geschlichen haben, sondern dass auch die Hierarchie Fehler gemacht hat, welche das zugelassen und zum Teil auch geschützt hat, dass er "ich" gesagt hat - das fand ich doch bemerkenswert.

Wenn ich Sie richtig verstehe, dann zieht die Kirche bisher nicht genügend Konsequenzen aus dieser Studie. Welche genau fordern Sie?

Kommentar

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Mayer: Ich habe eigentlich noch gar keine Konsequenzen gesehen. Man sagt, man will mit Betroffenen reden - da bin ich gespannt. Diese kirchliche Missbrauchskommission in Köln wird abgeschafft, und das sollen Fachberatungsstellen übernehmen - das finde ich einen sehr guten Ansatz, das ist das, was wir auch fordern. Ich sage wir, weil es ja den offenen Brief an die Kirchengemeinden gibt, den auch viele Betroffenen-Vertretungen unterzeichnet haben. Wir verlangen eine Aufarbeitung, die bestimmten Standards genügt, die unabhängig ist, damit nicht das passiert, was mir auch passiert ist: dass man in die Fänge von einer Täterschutzkommission läuft, die nichts anderes zu tun hat, als einem zu beweisen, dass das eigentlich alles nicht sein kann oder dass man sich das während einer Therapie ausgedacht hat. Das ist das Erste, was ich sehe.

Was ich noch nicht sehe, ist, wie man mit den Kirchengemeinden umgehen wird, die "seelsorgerisch" betreut wurden von Kindesmissbrauchern. Fünf Prozent der Diözesanpriester sind sexuell übergriffig gewesen oder sind es noch - und das ist nur eine Dunkelziffer. Mindestens jede zwanzigste deutsche katholische Kirchengemeinde ist also von einem sexuellen Kindesmissbraucher seelsorgerisch betreut, und da muss man sich überlegen, was das mit den Leuten macht. Man muss sich auch überlegen, wie das die Gemeinden spaltet, wenn das rauskommt. Da muss auch gehandelt werden, und dazu habe ich noch gar nichts gehört. Ich glaube, das Problem ist noch gar nicht auf dem Schirm.

Fühlen Sie sich als Betroffene bisher nicht ernst genommen oder nicht genug einbezogen?

Mayer: Ich fühle mich schikaniert, diskriminiert und ausgegrenzt.

Das sind starke Worte. Was wäre für Sie ein Weg, um überhaupt wieder eine Art von Vertrauen in die Institution Kirche zu fassen? Ist das überhaupt möglich?

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Mayer: Ich brauche das nicht, aber viele Menschen brauchen das. Ich frage mich auch, ob sich die Kirche je mit dem sexuellen Missbrauch in den eigenen Reihen befasst hat. Man weiß ja, dass in vielen Priesterseminaren sexuelle Übergriffigkeit geherrscht hat. Ich sehe nicht, wie Menschen, die sich mit dem, was ihnen selbst passiert ist, nicht beschäftigen möchten, für andere da sein sollen oder können. Für mich fängt die Aufarbeitung damit an, dass die Kirche bei sich selbst aufarbeitet und sich auch für die Thematik bei den eigenen Mitarbeitern öffnet. Wir sind meilenweit entfernt von einer wirklichen Kommunikation.

Trotzdem nochmal die Frage: Was wäre ein Weg für Sie? Müssten mehr personelle Konsequenzen gezogen werden auf Seiten der Kirche? Wäre das ein guter nächster Schritt?

Mayer: Bei der Kirche ist es ganz normal, dass ein Priester, der sexuell übergriffig wurde, weiter seelsorgerisch tätig sein darf. Man steckt sie in ein Altenheim oder in die Mitarbeiterseelsorge - das ist ungeheuerlich, so etwas geht nicht, das hat auch mit Nulltoleranz nichts zu tun.

Das andere ist: Wenn Fälle bekannt werden, dass ein Priester sexuell übergriffig war, dann müssen alle, die mit ihm zu tun hatten, das erfahren, damit sie eine Chance haben, sich umzuhören, ob es vielleicht weitere Opfer gibt. Es ist ja nicht so, dass man als Opfer selbstverständlich anzeigt - wir haben die Verjährungsfristen, man hat die Verdrängung, es ist sehr schwer, sich dieser Bürde zu entledigen. Es wurde bisher von der Kirche alles getan, damit das nicht passiert, damit die Opfer vereinzelt bleiben. Ich möchte zum Beispiel, dass auf der Homepage meiner Kirchengemeinde ganz klar steht: Pfarrer Niedermeier war sexuell übergriffig. Der Fall ist bekannt, es wurde bei ihm Kinderpornografie gefunden - was machen wir jetzt?

Das heißt, von diesem Wendepunkt, von dem Kardinal Marx gesprochen hat, ist die Kirche noch sehr weit entfernt?

Mayer: Vielleicht ist die Kirche dem Wendepunkt nähergekommen, aber ich fürchte, sie weiß noch nicht so richtig, was das bedeutet. Ich glaube nicht, dass das so schnell geht - wenn es überhaupt funktioniert. Und wenn es funktioniert, dann nur mit Druck von außen.

Das Interview führte Katja Weise

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 25.09.2018 | 19:00 Uhr

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