Stand: 17.03.2019 14:29 Uhr

"Arturo Ui": Wie das Umfeld einen Diktator gebiert

von Janek Wiechers
Die Geschichte um Arturo Ui spielt im Hafenmilieu im Chicago der 30er-Jahre.

1941 schrieb Berthold Brecht sein Theaterstück "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui". Es gilt als eine Parabel über den Aufstieg Adolf Hitlers. Brecht verlegt die Handlung in das Gangstermilieu von Chicago, wo der skrupellose Mafia-Boss Arturo Ui durch Brutalität und Dreistigkeit zum Diktator wird. Ermöglicht wird der Aufstieg des kriecherischen Emporkömmlings durch sein opportunistisches Umfeld. Diese Mechanismen sind aktueller denn je. Und so erstaunt es angesichts weltweit erstarkender Autokratien nicht, dass derzeit Theatermacher Brechts Stoff vermehrt auf die Bühnen bringen. Am Samstagabend feierte das Stück am Großen Haus des Staatstheaters Braunschweig Premiere. Es ist die dritte Regiearbeit von Intendantin Dagmar Schlingmann seit ihrem Antritt vor anderthalb Jahren.

Mord, Angst und Intrigen vor schummriger Kulisse

Die Handlung des Stücks entfaltet sich in Schlingmanns Inszenierung werkgetreu im Gemüsehändlermilieu und in der Unterwelt von Chicago. Das Bühnenbild zeigt eine sich permanent verändernde Szenerie aus Lagerhäusern, Treppen und Spundwänden. In einer Kulisse, die einen schummrigen Industriecharme entfaltet, wirkt der Gangster Arturo Ui. Mit Intrigen, Mord und Brandstiftung, mit Hinterlist und Angst gelingt es ihm nach und nach, Gemüsehändler, Polizei und Justiz zu unterwandern und das Territorium seines verbrecherischen Handels zu erweitern. Weil sich ihm niemand rechtzeitig entschieden entgegenstellt, und viele auf seinem Weg eigene Vorteile wittern, kann Ui zu einem unangefochtenen Verbrecherkönig werden. "Warum konnte ich das alles schaffen, was meint ihr?", fragt Ui auf der Bühne und antwortet gleich selbst: "Weil ich fanatisch glaube an die Sache. Dass ich zum Führer bestimmt bin. Und so müsst ihr auch an mich glauben."

Schauspieler: "Handlung lässt sich überall verorten"

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Die Regisseurin will zeigen, wie aktuell Brechts Stück auch heute noch ist.

Verkörpert wird Arturo Ui in der Braunschweiger Inszenierung von Schauspieler Cino Djavid. Die Figur, die er verkörpert, ist ein miesgelaunter, unangenehmer Fiesling, ein ausgemachter Unsympath, schwankend zwischen Boshaftigkeit und Lächerlichkeit. "Ich glaube, dass der eine gewisse Bauernschläue besitzt und auf den richtigen Moment wartet, um dann zuzuschlagen", sagt Djavid. Ui sei größenwahnsinnig ohne Ende. Er stehe für Dreistigkeit, Frechheit, Verlogenheit, Maßlosigkeit und für Schamlosigkeit. Und so sei Brechts Arturo Ui exemplarisch dafür, was derzeit an vielen Orten der Welt geschehe, meint der Schauspieler. Zwar sei die Handlung des Stücks in den 1930er-Jahren angesiedelt, die universelle Handlung sei aber prinzipiell überall zu verorten, so Djavid.

Regisseurin: "Ein Arturo Ui fällt nicht vom Himmel"

Tatsächlich ist es die Intention der Regisseurin, zu zeigen, wie aktuell Brechts Stück auch heute noch ist. Schlingmann nimmt eigenen Angaben zufolge einen enormen Rechtsruck in der Gesellschaft wahr - und zwar nicht nur in Deutschland, sondern auch in Amerika, Brasilien, Ungarn und Polen. So wie der Vorgang im Stück erzählt werde, könne er immer wieder passieren, so Schlingmann. Jemand wie Arturo Ui falle nicht vom Himmel, sondern werde von einem gesellschaftlichen Umfeld geboren.

Die Rolle der Angst

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Immer wieder stäuben sich die Schauspieler Mehl aus dem "Angst"-Eimer ins Gesicht.

Bei diesem Prozess spielt Angst eine große Rolle, die von autokratischen Kräften weltweit bewusst eingesetzt wird. Wie ein alles zersetzendes, schleichendes Gift kriecht sie in die Seelen der Menschen und überdeckt schließlich Zweifel und Zivilcourage. In Schlingmanns Inszenierung wird die Angst symbolisch eingesetzt: Das ganze Stück hindurch sind weiße Plastikeimer mit der schwarzen Aufschrift "Angst" im Bühnenbild platziert. Immer wieder greifen die Schauspieler hinein, um sich mit darin enthaltenem Mehl Gesicht und Körper weiß einzureiben.

Solides Regietheater mit humoresker Überzeichnung

Mit viel Verve geht das Schauspiel-Ensemble den Brecht’schen Stoff an. Mit sichtlichem Spaß am Text, der noch immer erstaunlich modern wirkt. Arturo Ui am Staatstheater Braunschweig ist solides Regietheater, das trotz so manch humoresker Überzeichnung, was von Brecht durchaus so gewollt war, nie vollends ins Alberne abgleitet. Dem sichtlich motivierten Ensemble schenkte das Publikum am Premierenabend viel Applaus.

"Arturo Ui": Wie das Umfeld einen Diktator gebiert

"Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" hat in Braunschweig Premiere gefeiert. Das Stück beleuchtet, wie eine Diktatur entstehen kann. Immer mit dabei: Ein Eimer voll Angst.

Datum:
Ende:
Ort:
Staatstheater Braunschweig
Am Theater
38100   Braunschweig
Telefon:
Kartentelefon: (0531) 123 45 67
Preis:
9,50 bis 38,00 Euro
Hinweis:
Regie: Dagmar Schlingmann
Bühne: Sabine Mader
Kostüme: Inge Medert
Musik: Alexandra Holtsch
Dramaturgie: Claudia Lowin
Vermittlung: Theresa Meidinger
Schauspieler: Cino Djavid, Robert Prinzler, Luca Füchtenkordt, Roman Konieczny, Klaus Meininger, Tobias Beyer, Heiner Take, Mattias Schamberger, Vanessa Czapla, Gertrud Kohl, Joshua Seelenbinder, Clemens Krause, Isabell Giebeler, Georg Mitterstieler, Roman Konieczny
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassikboulevard | 17.03.2019 | 14:20 Uhr