Stand: 04.01.2019 19:09 Uhr

Armin Nassehi: "Wir brauchen Leute, die einordnen"

Ach, gäbe es noch Jean-Paul Sartre oder wenigstens Günter Grass! Das Klagelied ist oft gesungen, es steht für die Sehnsucht nach einer Zeit, in der Intellektuelle kräftig Einfluss darauf nahmen, was auf der Agenda stand und wie Debatten verliefen. Vielleicht sollte man, statt den Verlust zu bejammern, zum Beginn dieses neuen Jahres den Blick mal nach vorne richten. Es ist ja nicht so, dass die Figur des Intellektuellen ausgestorben wäre; aber ihr Erscheinungsbild, ihre Funktion haben sich gewandelt - und auch die Foren ihres Auftritts. Was also sollten und können sie beitragen, die Intellektuellen, zu diesem Jahr 2019? Fragen an den Soziologen Armin Nassehi, Herausgeber des Kursbuchs, Autor zeitdiagnostischer Bücher, Intellektueller par exzellence, der sich öffentlich einmischt und zugleich akademisch fest angedockt ist als Lehrstuhlinhaber an der Uni München.

Herr Nassehi, werden Intellektuelle das Jahr 2019 besser machen, als es ohne sie würde?

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Der Soziologe Armin Nassehi

Armin Nassehi: Das ist eine schwierige Frage. Der Segen besteht darin, dass man es nicht testen kann, weil man die Intellektuellen nicht ausstellen kann. Insofern werden wir das nie erfahren. Aber ernsthaft gesprochen: Wir brauchen natürlich in der Öffentlichkeit Sprecher, die entscheidungsentlastet sind. Das ist die große Gabe, die Leute, die man Intellektuelle nennt, haben: Dass sie nicht als politische Partei reden oder als jemand, der operative Entscheidungen treffen muss, sondern als Beobachter. Wenn es gut läuft, werden sie es besser machen; wenn es schlechter läuft, werden sie doch wiederum nur Partei sein, im Kulturkampf eine bestimmte Position einnehmen. Der Intellektuelle müsste in der Lage sein, einen Schritt zurück zu treten und zu erklären, worin die Konflikte bestehen, anstatt Konfliktpartei zu sein.

Die alten Schemata von rechts und links, konservativ und progressiv, greifen nicht mehr recht. Das haben Sie selbst mit einiger Wirkung beschrieben. Nun gehen wir in ein Wahljahr, und viele sehnen sich nach den alten Konfrontationslinien zurück. Was lässt sich daraus für Intellektuelle ableiten? Tatsächlich nur: Lage analysieren, Ergebnisse mitteilen und es hübsch dabei belassen? Oder doch - in vielleicht neuen, unbekannten Formen - eingreifen?

Nassehi: Jeder Beruf hat ja so seine seine Illusionen - seine positiven Illusionen. Also: Die des Intellektuellen, bei dem man heute eher von einem wissenschaftlich gebildeten Experten sprechen sollte, besteht vielleicht darin, dass sich in den Köpfen der Menschen etwas ändert, wenn sie mit einem anderen Blick konfrontiert werden. Es geht nicht nur darum, einfach nur Konflikte darzustellen, sondern darum, den Blick ein wenig zu verändern. Wir wissen oft nicht, wer die "Guten" und wer die "Bösen" sind. Das ist jedoch etwas, was den Intellektuellen oder den Experten ausmacht: Dass er tatsächlich in der Lage ist, engagiert davor zu warnen, sich zu schnell auf einen Punkt festzulegen. Ich würde sagen, dass das eine wichtige Funktion ist. Und da unterscheidet es sich auch gar nicht so sehr von den Zeiten, die sie gerade vorhin beschworen haben, als man tatsächlich diese wenigen, übrigens meistens Männer, nennen konnte, die in der Lage sind, über die Zeit das Wichtige und Richtige zu sagen.

Sie sagen, meistens sind Männer im Spiel, wenn die "großen alten Zeiten" beschworen werden. In der jüngeren Vergangenheit hatte eine so unabhängige Denkerin wie die Philosophin Hannah Arendt wieder Konjunktur. Wolfram Eilenbergers Buch "Zeit der Zauberer" - allerdings auch über vier männliche, anspruchsvolle Großphilosophen der 1920er Jahre - ist ein Bestseller geworden. Kann der gemeine Intellektuelle, die gemeine Intellektuelle 2019 daraus etwas lernen? Vielleicht weniger Klein-Klein, dafür mehr große Linien? Und vor allem: Ernsthaftigkeit?

Nassehi: Die große Linie ist natürlich ein riskantes Geschäft, weil man da nicht genau hingucken muss. Große Linien können wir viel einfacher, als bisweilen an den konkreten Problemen zu arbeiten. Ich würde eher erwarten, dass wir uns einlassen sollten auf die Widerständigkeit dieser Welt. Vielleicht ist es das, was die Intellektuellen heute tatsächlich machen müssen. Wenn Sie an so jemanden wie Jean Paul Sartre denken, den Sie vorhin genannt haben, dann sind das natürlich Leute, die gewissermaßen versucht haben, das Ganze zu repräsentieren. Heute müsste man wahrscheinlich eher davor warnen, dass man so etwas Ganzes überhaupt noch benennen kann. Das waren damals Zeiten, in denen man Themen überhaupt erst in die Agenda bringen musste. Heute ist eigentlich fast alles sagbar. Was wir heute brauchen, sind Leute, die einordnen. Ich komme noch mal auf die Widerständigkeit der Welt zurück: Was wir doch zurzeit erleben, ist, dass wir normativ relativ genau wissen, was wir wollen - relativ genau wohlgemerkt. Aber wie man dort hinkommt, das ist vielleicht etwas, wofür wir heute diese Form von Expertise brauchen. Hannah Arendt war vielleicht eine der wenigen, die tatsächlich in der Lage waren, Politik zwar in großen Linien zu beschreiben, aber auch "klein" zu arbeiten - und zu zeigen, was das Handlungsmächtige an politischem Handeln ist. Das ist schon eine bestimmte Form von Intellektualität. Es ist kein Zufall, dass wir heute stärker über Hannah Arendt nachdenken, als das vor ein paar Jahren noch der Fall gewesen ist.

Es ist interessant, dass sich das unter den Bedingungen einer Aufmerksamkeitsökonomie im digitalen Zeitalter so entwickelt; einer Aufmerksamkeitsökonomie, die eher die steile These prämiert, mit der man in der polarisierten Debatte auffallen kann. Müssen Intellektuelle das vielleicht gar nicht bedienen, um gehört zu werden? Ist das ein Missverständnis, dem manche erliegen?

Nassehi: Das könnte ein Missverständnis sein, weil polarisierte Debatten haben wir zurzeit mehr als genug. Man kann fast sagen, dass wir uns in Zeiten eines Kulturkampfes bewegen und vielleicht versteht man die Aufmerksamkeitsökonomie ganz falsch, wenn man glaubt, dass man dabei helfen kann, auf einer Seite dieser Konflikte zu stehen. Das heißt nicht, dass man bei den Konflikten nicht Partei sein darf - aber schon, einen Schritt zurückzutreten und sich zu fragen: Worüber streiten wir uns eigentlich?

Wir gehen mit einem ganz interessanten Debattenfall in das neue Jahr hinein, über den wir auch noch reden sollten, zumal wenn wir an die Europawahl im Mai denken: Einer der engagiertesten intellektuellen Fürsprecher eines vereinten Europas, Robert Menasse, der für seinen Roman "Die Hauptstadt" 2017 den Deutschen Buchpreis bekam und in Essays und auf Podien für die Europäische Republik wirbt, ist im Gespräch, weil er nicht nur im Roman, sondern wohl auch in nicht-fiktionaler Rede erwähnt hat, dass Walter Hallstein, Gründungspräsident der Europäischen Kommission, seine Antrittsrede in Auschwitz gehalten habe. Das stimmt aber offenbar nicht. Auch hat Menasse Sätze aus einer tatsächlichen Hallstein-Rede zitiert, die darin so nicht enthalten sind. Er entschuldigt sich dafür morgen in einem Beitrag für die Zeitung "Die Welt". Was halten Sie davon, ist das die Freiheit des Dichter-Intellektuellen, der Partei nimmt für seine Sache? Oder geht das zu weit?

Nassehi: Das geht viel zu weit. Das ist die gedehnte Wahrheit, die wir auf der anderen Seite des politischen Spektrums eigentlich immer sehr scharf kritisieren. Das ist natürlich ein Bärendienst, den Menasse hier der Sache Europas erwiesen hat. Aber es ist vielleicht auch eine Konsequenz - und zwar eine Konsequenz aus dem Ansatz, über Europa nachzudenken, als handele es sich dabei nur um ein Bekenntnis und ein Wert-Problem. Man kann sehr große Linien über das Ende des Nationalstaats und die Überwindung des Nationalstaats ziehen. Das ist noch die Frage, ob das überhaupt stimmt, ob das das Europäische Projekt ist. Aber selbst wenn es das wäre, kann man das nicht einfach behaupten, sondern müsste sich fragen: Wie kann man eigentlich mit solch einem Satz politische Wahlen gewinnen? Zum Beispiel Europawahlen. Das ist ein schönes Beispiel für die große normative Rede ohne jeglichen Zusammenhang mit konkreten operativen Fragen.

Alles, was wir jetzt besprochen haben, zusammengenommen: Können Sie, mit Augenzwinkern gefragt, so etwas wie den Tugendkatalog für wirkungswillige Intellektuelle 2019 formulieren?

Nassehi: Vielleicht, sich selbst nicht zu überschätzen. Wir Intellektuellen sind Leute, die gerne vor einem weißen Blatt Papier sitzen und sich eine Welt zusammenbauen, in der die einzelnen Sätze so zueinander passen, dass die Welt dann funktioniert. Die wirkliche Welt ist manchmal etwas widerständiger. Wenn wir in der Lage sind, diese Widerständigkeit auf den Begriff zu bringen, haben wir schon eine ganze Menge erreicht.

Das Interview führte Ulrich Kühn

 

 

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.01.2019 | 19:00 Uhr

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