Szene aus dem Film "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt und Karoline Schuch © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020

"Die Geheimnisse des Totenwaldes": Göhrde-Morde als Podcast

Stand: 02.12.2020 16:30 Uhr

Der Dreiteiler "Die Geheimnisse des Totenwaldes" im Ersten über die Göhrde-Morde von 1989 ist Teil eines crossmedialen NDR Projekts. Anouk Schollähn von NDR 2 war an der Realisation beteiligt.

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Frau Schollähn, worum geht es in "Die Geheimnisse des Totenwaldes"?

Anouk Schollähn: Im Sommer 1989 werden in der Göhrde, einem Staatsforst in Niedersachsen, die Leichen des Ehepaares Reinold gefunden. Es wimmelt von Polizei in diesem Wald - und dennoch werden nur 800 Meter weiter zwei weitere Menschen erschossen. Also vier Morde innerhalb von wenigen Wochen. Die Aufregung ist natürlich groß: Geht da ein Serienmörder rum? Liegt da jemand in der Göhrde auf der Lauer? Alle Ermittlungen werden darauf fokussiert.

Moderatorin Anouk Schollähn und Björn Platz. © NDR Radiokunst Foto: Andreas Rehmann
Für den Dokucast "Die Geheimnisse des Totenwaldes" haben sich Björn Platz und Anouk Schollähn auf die Suche nach Antworten gemacht.

Im Sommer desselben Jahres verschwindet Birgit Meier aus ihrem Haus in der Nähe von Lüneburg, was zunächst als "normaler" Vermisstenfall gewertet wird. Es gibt keine Hinweise darauf, dass das Verschwinden von Birgit Meier mit den Morden in der Göhrde zu tun haben könnte - es gibt aber auch keine Ermittler, die eine mögliche Querverbindung prüfen könnten. Birgit Meier ist aber die Schwester des damaligen LKA-Chefs in Hamburg, Wolfgang Sielaff, und er bittet von Anfang an darum, das Haus seiner Schwester wie einen Tatort zu behandeln. Das passiert aber nicht, weil alle auf die Göhrde fokussiert sind. Es wird fast 30 Jahre dauern, bis Wolfgang Sielaff mit einem eigenen Team sowohl die Untersuchungen zum Mord an seiner Schwester als auch die zu den Göhrde-Morden so weit vorantreibt, dass die Ermittlungen der Polizei wieder anlaufen und die Morde geklärt werden.

Wie sind Sie jetzt darauf gekommen? Haben Sie diese Fälle die ganze Zeit über verfolgt?

Schollähn: Mein Kollege Björn Platz vom Fernsehen hat sich schon sehr lange sehr intensiv mit den Göhrde-Morden und vor allem auch mit dem Fall Birgit Meier beschäftigt und eine sehr lange Fernsehdokumentation darüber gemacht. Da hatten wir schon sehr viel Material, viele Interviews, viele O-Töne. Wir sind aber noch einmal losgelaufen mit der Hoffnung, vielleicht darüber hinaus noch etwas zu finden. Es war sehr erstaunlich, wie viele Menschen, die sich noch nie geäußert haben, es plötzlich in unserem Podcast machen wollten. Die Tochter des Ehepaares Reinold, die noch nie ein Interview gegeben hat, hat auf einmal sehr ausführlich mit uns gesprochen. Und wir haben eine Frau gefunden, die lange Zeit die Geliebte von Kurt-Werner Wichmann war, des mutmaßlichen Mörders. Auch die hat sehr ausführlich mit uns gesprochen.

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Szene aus dem Film "Das Geheimnis des Totenwaldes" mit Matthias Brandt und Karoline Schuch © NDR/ConradFilm, Bavaria Fiction 2020

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Schollähn: Das Fatale daran ist, dass man ihn selber nicht mehr befragen kann. 1993 gab es endlich einen Durchsuchungsbefehl für sein Haus - das hat er mitbekommen, ist ins Auto gestiegen und hatte einen Unfall in Süddeutschland. Man hat bei diesem Unfall eine Waffe in seinem Kofferraum gefunden. Deswegen ist er in U-Haft gekommen und hat sich dort das Leben genommen. Daraufhin sind alle Ermittlungen eingestellt worden, weil gegen Tote nicht ermittelt wurde. Heute weiß man, dass diese fünf Morde - der Mord an Birgit Meier und die beiden Doppelmorde in der Göhrde, ziemlich sicher auf sein Konto gehen. Es kann sein, dass es einen Mitwisser gibt, den großen Unbekannten in diesen ganzen Fällen - aber der schweigt. Es läuft ein Ermittlungsverfahren, bisher allerdings ergebnislos.

Wichmann war ein Narzisst, ein Sadist, ein eiskalter Killer, ein Menschenjäger. Ich habe im Stadtarchiv in Lüneburg hochinteressante Dokumente gefunden, auch aus seiner Schulzeit. Er ist schon als kleiner Junge psychisch auffällig gewesen, immer wieder in Heilbehandlungen gewesen. Es gibt eine Lehrerin, die sich immer wieder an die Eltern wendet, aber es passiert nichts. Ein Psychiater sagt, Wichmann fehle die Willenskraft. Das darf alles keine Entschuldigung sein, um später solche Taten zu begehen, aber man sieht bei diesem Kind die Abbiegespur.

Herausgekommen ist ein großes crossmediales Projekt von Björn Platz und Ihnen. Was ist wann, wo, wie zu hören oder zu sehen?

Schollähn: Es ist bereits alles online veröffentlicht: Man kann schon alles sehen und hören. Wir haben den Podcast gemacht, dass ist die hörbare Version: Neun Teile finden Sie in der ARD Audiothek. Die dreiteilige Spielfilmreihe ist ab heute Abend in der ARD zu sehen - das steht aber auch schon in der Mediathek. Außerdem gibt es eine Dokumentation von meinem Kollegen Björn Platz, und wir haben noch ein Radiofeature gemacht. Das gibt es auch schon online und es wird am 6. Dezember ausgestrahlt.

Was mich etwas umgetrieben hat, ist die Frage, was der Vorteil eines Spielfilms gegenüber einer Dokumentation ist.

Schollähn: Die Fiktion. Wir haben uns sowohl im Podcast als auch in der Dokumentation an die Fakten gehalten: Wir haben nichts beschönigt und nichts weggelassen. Wir haben versucht, im Ton dezent zu formulieren, um keine Meinung vorzugeben und die sprechen zu lassen, die wirklich etwas dazu zu sagen haben. Ich habe inzwischen die drei Spielfilmteile gesehen und finde sie wirklich gut gemacht. Aber wenn man sich sehr lange mit dem Fall beschäftigt hat, sieht man ziemlich genau, was Wahrheit und was Fiktion ist. Aber die sind wirklich sehr nahe an der Realität geblieben - tolle Filme.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 02.12.2020 | 18:00 Uhr