Annette Pehnt © picture alliance Foto: Sven Simon

Annette Pehnt: "Das lebendige Gespräch über Literatur fehlt"

Stand: 27.11.2020 18:00 Uhr

Im Frühjahr ist Annette Pehnts Roman "Alles was Sie sehen ist neu" erschienen, wenige Tage vor dem ersten Lockdown. Es gab keine Lesungen, keine Buchmesse, die Literaturhäuser mussten schließen. Zudem lehrt Pehnt an der Uni Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus - aber auch da ist die momentane Situation schwierig.

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Frau Pehnt, wie geht es Ihnen derzeit?

Annette Pehnt: Das ist eine komplizierte Situation. Am Anfang hatte ich echten Leidensdruck, vor allem was mein eigenes Buch betraf und wie es ins große Schweigen abgerutscht ist. Aber ich finde, dass sich inzwischen auch einiges herausgebildet hat. Wir haben uns relativ gut berappelt, zumindest an der Uni, und auch der Literaturbetrieb versucht, so weit es irgendwie geht, andere Formate zu finden und Sachen nachzuholen oder sie medial anders aufzubereiten. Das macht mich nicht zufrieden, und es macht mich auch ungeduldig, aber ich finde, dass man nicht resigniert vor sich hin dümpeln muss. Das machen auch die wenigsten, so wie ich das wahrnehme.

Nachdem das Frühjahrsprogramm untergegangen ist, hat man für den Herbst einen "zweiten Frühling" angekündigt. Nun musste dieser auch ausfallen, und auch um das nächste Frühjahr sieht es nicht besonders gut aus. Darbt der Literaturbetrieb gerade?

Annette Pehnt, Alles was Sie sehen ist neu © Piper Verlag
"Alles was Sie sehen ist neu" ist im Piper Verlag erschienen und kostet 18,00 Euro.

Pehnt: Ja, klar. Aber er ist auch sehr erfinderisch. Ich war gestern Abend im Literaturhaus Frankfurter und da werden die Lesungen gestreamt. Das ist als Ersatzformat nicht das Gleiche, denn das lebendige Gespräch über Literatur fehlt schon. Das große Diskutieren über die neuen Bücher findet nicht statt. Ich hätte auch nicht gedacht, dass dafür Präsenz so wichtig ist, dass es in unseren digitalen Zeiten noch so wichtig ist, herumzureisen und in den Buchhandlungen zu lesen und zu diskutieren. Ich merke jetzt, dass ein riesiger Teil dieses öffentlichen Gesprächs einfach wegbricht.

Ihr Handwerk ist ohnehin ein sehr einsames Geschäft geworden. Hat sich für Sie jetzt irgendetwas geändert? Fühlt sich das anders an, jetzt vor dem leeren Blatt Papier zu sitzen als noch vor einem Jahr?

Pehnt: Wenn ich ehrlich bin, habe ich überhaupt keine Zeit, vor dem leeren Blatt Papier zu sitzen, weil ich eben an der Uni Hildesheim das Literaturinstitut leite - da gibt es keine Mußestunden fürs Schreiben. Deswegen habe ich diesen Vergleich nicht. Ich glaube aber nicht, dass die Kollegen, die nur mit Schreiben beschäftigt sind, das jetzt so einfach finden. Es ist ja nicht so, dass jetzt, wo alles andere wegbricht, sie das machen, was sie sowieso immer machen, aber mit noch mehr Ruhe. Denn man ist ja trotzdem beschäftigt mit Existenzsicherung, dem Broterwerb. Ich glaube, das beschäftigt viele von uns, und die Energien, die das absorbieren, fließen bei vielen nicht unbedingt ins Schreiben.

Sie sind nicht nur Schriftstellerin, sondern lehren auch Schreiben an der Uni Hildesheim. Wie funktioniert das in diesen Tagen?

Pehnt: Wir haben ab dem Lockdown im Frühjahr sehr schnell komplett auf digitale Lehre umgestellt, und das machen wir jetzt immer noch. Von daher sind wir voll im Betrieb, alles läuft regulär, aber eben online. Ich bin überrascht, dass das so gut funktioniert. Wir sind am Anfang alle ins kalte Wasser geworfen worden, und ich dachte: Wie soll man an Texten arbeiten, wenn man nicht zusammensitzt und die Köpfe rauchen? Aber man kann sich auch virtuell zusammensetzen, und die Studierenden lassen sich auch darauf ein. Natürlich geht dabei auch sehr viel verloren, aber wir sind trotzdem alle miteinander gut im Gespräch und können die Seminarformate auch gut umdenken - besser als ich erwartet hatte.

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Pehnt: Das denke ich schon. In Hildesheim ermutigen wir, die Gegenwart schreibend wahrzunehmen, und wenn man das tut, ist das Thema einfach unumgänglich. Es gibt schon jetzt sehr viele Texte, die sich in irgendeiner Weise damit beschäftigen. Wir haben einen Blog auf unserer Homepage eingerichtet, wo die Studierenden ihre Texte einstellen können und sich damit daran abarbeiten. Das ist wichtig in dieser Zeit. Ob daraus Romane werden, muss man dann sehen. Das ist eine noch nie dagewesene Situation, die auch etwas Science-Fiction-Haftiges hat, und das lädt schon dazu ein, damit schreibend etwas zu machen. Ich glaube, man muss sich schon darauf einstellen, dass da einiges kommen wird.

Worauf können wir uns überhaupt einstellen? Sie haben den literarischen Nachwuchs vor sich und können ungefähr beurteilen, was da in den nächsten Jahren auf uns zukommt.

Pehnt: Woran bei den jungen Schreibenden ganz viel gearbeitet wird, ist das Autofiktionale, also Schreiben, das sich in irgendeiner Weise mit der eigenen Lebensform auseinandersetzt, mit der eigenen Wahrnehmung - authentisch, aber gleichzeitig auch sehr politisch. Die jungen Leute haben ein sehr geschärftes politisches Bewusstsein und fragen sich am Beispiel ihres eigenen Lebens nach der Herkunft, nach der politischen Situation und nach gesellschaftspolitischen Fragen - aber gerne im Blick auf die eigenen Fragen. Ich mache die Erfahrung, dass im Moment weniger freifabulierende Romanprojekte entstehen.

Können Sie sich erklären, warum das so ist?

Pehnt: Das ist eine schwierige Frage. Es könnte damit zu tun haben, dass wir sowieso in einer Kultur der Selbstbefragung leben, dass wir uns ständig selbst inszenieren, zum Beispiel in den sozialen Medien, und das auch in die Literatur transportieren. Vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass die gesellschaftlichen Fragen, wie etwa Klimawandel, so groß sind, dass man sie nur beschreiben kann, wenn man sie auf die eigene Wahrnehmung herunterbricht. Aber das könnte man eigentlich auch fiktional tun, und ich weiß nicht, warum das im Moment weniger passiert. Da muss man noch weiter drüber nachdenken.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 27.11.2020 | 18:00 Uhr