Stand: 29.04.2019 09:20 Uhr

Anna von Villiez erinnert an Klara Oppenheimer

von Lenore Lötsch
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Klara Oppenheimer (* 06.11.1867 in Paris † 17.05.1943 im KZ Theresienstadt) kämpfte nicht nur für die eigene Karriere, sondern für die Gleichberechtigung aller Frauen.

"Recht tue, so wird's dir auch weiter an Freundschaft und Achtung nicht fehlen!" Diese Zeilen schreibt die Mutter von Klara Oppenheimer der 13-Jährigen ins Poesiealbum. Doch es zeigt sich schnell: Was Recht ist, davon hat die Würzburgerin eine andere Vorstellung als ihre Mutter. Und dass es für die 1869 geborene Klara Oppenheimer zunächst eben kein Recht auf das Ablegen des Abiturs gibt, ist eine Grenze, die diese nur schwer akzeptieren kann, erzählt die Historikerin Anna von Villiez: "Ich denke, sie hat wirklich versucht, die Grenze nach vorne zu versetzen. Denn sie hat sich nicht damit begnügt, Lehrerin zu werden, sondern hat dann noch mit Mitte 30 das Abitur draufgesetzt, als es eben möglich war. Sie war eine Pionierin und konnte eigentlich gar nicht wissen, wie das Abenteuer ausgeht."

Anfeindungen im Medizinstudium

Das "Abenteuer" ist mit Anfeindungen und Beschimpfungen verbunden. Als sich Klara Oppenheimer mit fast 40 Jahren entschließt, ein Medizinstudium in Würzburg zu beginnen, ätzt die Klinikervereinigung über sie und ihr Alter. Doch die Studentin setzt sich gegen die Diskriminierungen zur Wehr, wendet sich mit einer Klageschrift an den Senat der Universität. Sie will ihr Recht.

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Die Historikerin Anna von Villiez arbeitet am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf.

Anna von Villiez arbeitet am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin am Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) in Hamburg. Über die damalige Situation von Ärztinnen sagt sie: "Es gab eine hohe Frauenfeindlichkeit. Die ersten Ärztinnen hier am Universitätskrankenhaus durften nicht mitessen im Ärztekasino, die durften noch nicht einmal ans Telefon gehen. Bei einer Ärztin wurde sogar unter der Tür durchgeschossen. Also die Ärztinnen wurden am Anfang richtig bekämpft."

Kampf für die eigene Praxis und die Gleichberechtigung aller Frauen

Die Kämpfe, die Klara Oppenheimer ausficht, scheinen auch 100 Jahre später noch zu viele für ein einziges Leben: Sie schließt ihr Medizinstudium ab, promoviert, will eine eigene Praxis und nicht - wie ihre Kommilitoninnen - als mithelfende Ehefrau in der Praxis des Ehemanns arbeiten. Klara Oppenheimer kämpft aber nicht nur für die eigene Karriere, sondern für die Gleichberechtigung aller Frauen: Sie engagiert sich im Verein "Frauenheil", der sich einsetzt für die "Förderung höherer Bildung des weiblichen Geschlechts und der Erwerbstätigkeit der auf eigenen Unterhalt angewiesenen Frauen".

1919 am Ziel

1919 ist Klara Oppenheimer am Ziel: Sie hat sich eine eigene Kassenzulassung für ihre Kinderarztpraxis in Würzburg erstritten, sie kann erstmals als Frau an der Wahl zur verfassunggebenden Nationalversammlung teilnehmen. Genau jetzt möchte man als Nachgeborene die Zeit anhalten.

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Denn 1933, da wird aus der Ärztin und Frauenrechtlerin in der Wahrnehmung der Machthabenden nur noch eines: die Jüdin Klara Oppenheimer. Schon 1933 verliert sie ihre Kassenzulassung. Ein Versuch, in die Schweiz auszuwandern, gelingt nicht. Die 75-jährige wird 1942 nach Theresienstadt deportiert und stirbt dort ein Jahr später.

Lange ist sie in Deutschland vergessen. Erst in den 1980er-Jahren erinnert man sich an die Pionierin aus Würzburg, die Rechte für Frauen einforderte und erkämpfte - so ganz anders, als ihre Mutter es ihr im Poesiealbum empfahl.

Heute Bewunderung, damals Häme

Anna von Villiez schmerzt es, dass Klara Oppenheimer für die Medizinstudierenden im Jahr 2019 - mehr als 60 Prozent sind weiblich - nicht mehr als eine Fußnote ist. Denn auch ihr Kampf war es, der die Türen zu den Universitäten öffnete, gibt von Villiez zu Bedenken. "Heutzutage guckt man mit Bewunderung auf das Leben von Klara Oppenheimer zurück, aber damals hat sie ja keine Bewunderung bekommen, sondern Häme. Sie musste sich streiten und sie wurde als unnormal bezeichnet und als zu fordernd. Und ihre Weitsichtigkeit zu sagen: Das ist der Weg und da muss es lang gehen, das finde ich wahnsinnig beeindruckend!"

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | NDR Kultur Wissen | 30.04.2019 | 09:20 Uhr

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