Stand: 04.10.2019 16:57 Uhr

Vom König zum Bettler - Der Mythos Rembrandt

Vor 350 Jahren starb Rembrandt van Rijn - bis heute weltberühmt unter seinem Vornamen: Rembrandt. Sein Werk schmückt die bedeutendsten Museen rund um den Globus. Auch das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle beherbergt mehr als 300 Radierungen Rembrandts. Leiter des Kupferstichkabinetts ist Andreas Stolzenburg.

Herr Stolzenburg, Rembrandt ist ja nur ein Maler von etlichen des Goldenen Zeitalters: Aber er war und ist der Superstar dieser Zeit. Warum?

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Andreas Stolzenburg ist Leiter des Kupferstichkabinetts der Hamburger Kunsthalle.

Andreas Stolzenburg: Rembrandt hat eine ganz andere Art von Malerei in das Goldene Jahrhundert gebracht, das natürlich schon vor ihm begonnen hat. Er hat einen ganz anderen Pinselstrich gehabt. Er hat sich anderen Motiven gewidmet und war viel freier als viele seiner Künstlerkollegen. Er war vor allen Dingen auch eine schillernde Figur: immens reich geworden durch seine Malerei, aber auch sehr tief gefallen. Er ist am Ende seines Lebens bettelarm gewesen.

Wie kam er zu diesem Malstil? War er ein Genie?

Stolzenburg: Der Genie-Begriff trifft auf Rembrandt zu. Er hat bei holländischen Malern wie Jacob van Zwanenburg und Pieter Lastman gelernt und über Lastman die italienische Malerei in sich aufgenommen. Er selber hat Italien nie besucht, aber durch die Beobachtung neuer Motive aus seiner Umgebung hat er sich ganz anders verhalten als andere Künstler, die aus dem akademischen Lehrbetrieb kamen. Er hat sehr aus sich selbst heraus geschöpft und sich über viele Konventionen hinweggesetzt.

In Ihrer Sammlung gibt es eines seiner berühmtesten Selbstporträts. Das zeigt ihn als verhältnismäßig jungen Mann mit einem verschmitzten, vielleicht sogar ein bisschen durchtriebenen Lächeln. Deutet das schon darauf hin, dass dieser Mann etwas von der Welt, von dem Markt verstanden hat? Wusste er, wie er seinen Gulden zu machen hat?

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Stolzenburg: Ich finde es sehr spannend, dass es auch sehr viele Selbstbildnisse gibt, wo er sich wie ein König oder Kaiser mit einem Säbel darstellt. Gleichzeitig war auf einigen auch nicht weit von einem Bettler entfernt. Zwischen diesen beiden Polen ist auch sein Leben anzusiedeln. Er hat sich finanziell, auch mit dem Kauf eines Hauses, komplett übernommen. Er ist als Unternehmer an seine Grenzen gestoßen. Aber auch dieses Auf und Ab in seinem Leben hat zu diesem Mythos Rembrandt eine ganze Menge beigetragen.

Rembrandt ist berühmt geworden als Maler - wie hat er sich die Fähigkeit des Radierens zugelegt?

Stolzenburg: Das Radieren als grafische Technik hat er sich weitgehend selbst beigebracht. Aber in so rasender Geschwindigkeit und in so einer Meisterlichkeit, dass er als der Radierer der gesamten Kunstgeschichte schlechthin gelten kann. Die knapp 300 Motive, die er geschaffen hat, haben es ihm ermöglicht, seine Malerei breiter unter die Menschen zu bringen - und zwar nicht nur in Holland, sondern europaweit. Es wurden auch Radierungen bis nach Sizilien verkauft, sodass er seine Bildwelt dadurch wie ein Marketingstratege sehr gut verbreiten konnte, was auch die Nachfrage in anderen Techniken wie der Malerei gesteigert hat.

Und dafür hat er eine eigene Malerwerkstatt gegründet und hat einige Kopisten auf seiner Lohnliste gehabt. War Rembrandt also doch nicht so einzigartig, wenn es scheinbar Menschen gab, die genauso gut malen konnten wie er?

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Stolzenburg: Viele Werke seiner Schüler gingen auch als Werke des Meisters durch, weil sie so gut ausgebildet waren. Das ist ja auch eine gewisse Leistung. Er selber hat diese Bilder nicht als seine eigenen aufgegeben. Aber die Schüler haben immer versucht, in der Art des Meisters zu arbeiten, um die Bilder gut verkaufen zu können.

Das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle beherbergt über 300 Stiche von Rembrandt. Wie ist die Kunsthalle an dieses gewaltige Konvolut herangekommen?

Stolzenburg: Diese Sammlung der Rembrandt-Grafiken ist zu 90 Prozent so alt wie die Kunsthalle selber. Wir feiern in diesem Jahr 150-jähriges Jubiläum, und diese Rembrandt-Grafiksammlung wie auch die Altmeisterzeichnungen von Raffael, Leonardo, Michelangelo, auch Rembrandt- und Dürer-Zeichnungen, stammen alle aus der Sammlung des dänischen Kunsthändlers Georg Ernst Harzen, der in Hamburg Altona geboren war. Der hat per Testament 1863 seine Sammlung der Freien Hansestadt Hamburg vermacht - insgesamt 30.000 Zeichnungen und Druckgrafiken, darunter gut 250 Radierungen Rembrandts, die er sich im frühen 19. Jahrhundert systematisch zugelegt hatte. Dieses Vermächtnis war einer der Hauptgründe, dass die Bürger Hamburgs sich zusammengetan haben, um die Kunsthalle zu bauen. Und aus dieser Sammlung können wir immer wieder schöpfen.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Ein Selbstporträt Rembrandts ©     picture alliance/Heritage-Images

Vom König zum Bettler - Der Mythos Rembrandt

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Das Kupferstichkabinett der Hamburger Kunsthalle beherbergt mehr als 300 Radierungen Rembrandts, der vor 350 Jahren gestorben ist. Ein Gespräch mit dem Leiter Andreas Stolzenburg.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.10.2019 | 19:00 Uhr

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