Stand: 07.04.2020 19:00 Uhr  - NDR Kultur

Andreas Platthaus auf den Spuren Thomas Manns

von Benedikt Scheper

2016 ging es weltweit durch alle Medien und vor allem deutsche Kulturliebhaber lechzten fast vor Freude. Denn Deutschland hatte die kalifornische Villa gekauft, in der Thomas Mann mit seiner Familie von 1941 bis 1952 gewohnt hatte. In den 40er-Jahren war das moderne Haus in Pacific Palisades das Zentrum deutscher Exilanten. Nun steht es jedes Jahr einigen Stipendiaten zur Verfügung. Einer von ihnen - Andreas Platthaus, Leiter des Literatur-Ressorts der Frankfurter Allgemeinen Zeitung - hat nun ein Tagebuch über seinen viermonatigen Aufenthalt vorgelegt: "Auf den Palisaden. Amerikanisches Tagebuch".

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In "Auf den Palisaden. Amerikanisches Tagebuch" berichtet Andreas Platthaus von seinem Aufenthalt in Thomas Manns kalifornischer Villa.

Dort, wo Thomas Mann seinen bedeutendsten Roman "Doktor Faustus" geschaffen hat, selbst schreiben zu dürfen, ist ein Privileg. Jede Zeile des "Amerikanischen Tagebuchs" erzählt das. Als erster Stipendiat darf Andreas Platthaus im Schlafzimmer des ehemaligen Hausherrn nächtigen - der Neidfaktor für Mann-Anhänger ist also garantiert. Die literarische Qualität leider nicht.

Das deutsche Exil an der US-amerikanischen Westküste

In vier Kapiteln - eines für jeden Monat - beschreibt Andreas Platthaus fast minutiös seinen Aufenthalt. Jeder Tag - ein neuer Abschnitt. Das führt mitunter zu Langeweile. Aber dem Autor gelingt es gut, das Gefühl dieses besonderen Ortes, Pacific Palisades, zu vermitteln.

Große Anwesen hinter hohen Hecken. Davor breite Straßen, die allesamt nach pittoresken Dörfern der alten Welt benannt sind. Bis auf illuminierte Palmen - kein Kitsch, sondern kalifornische Realität, Nachbarn wie Steven Spielberg inklusive. Einerseits begibt sich Platthaus auf Spurensuche heutiger und damaliger Anwohner, wie Adorno, Feuchtwanger und Co. Dabei lässt er im genau richtigen Maß Sekundärliteratur im Text aufblitzen - für interessierte Leser ein Gewinn. Andererseits nimmt der FAZ-Journalist auch die politische Lage pointiert unter die Lupe.

"Leider glauben auch halbwegs gescheite Menschen rund um die Welt wieder fest an die Problemlösungskraft des Nationalen, und Donald Trump mag nicht für sie alle ihr Präsident sein, aber er ist ihr Prophet. Er ist Jahrgang 1946, ein Nachkriegskind, während Elizabeth II. und Thomas Mann den Krieg erlebt und damit auch erlitten haben. Sie haben daraus dieselben Schlüsse gezogen, und die Stimme der Queen trägt die Überzeugung von Thomas Mann weiter bis in unsere Zeit. Es wird generationenbedingt nicht mehr lange solche Echos geben. Wenn sie verhallt sind, bleibt nur noch Gebrüll. Trumps Amtsvorgänger Barack Obama pflegte im Sommer seine Lektüreliste zu veröffentlichen. Liest der jetzige amerikanische Präsident überhaupt Bücher?" (S. 205)

Ein Ort der Vergangenheit und Gegenwart

Mal kritisiert Platthaus die Metro von Los Angeles, mal reist er an die verregnete Ost-Küste, um sich in Archiven seinem eigentlichen Buch-Projekt über den Künstler Lionel Feininger zu widmen.

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Blick vom Garten auf die Villa des Schriftstellers Thomas Mann in Pacific Palisades.

Der Text von Anfang bis Ende ist ein Netz unzähliger Details. Manche sind durchaus interessant, andere eher irrelevant: etwa, dass Partnerbesuche im Thomas Mann House "nur zeitlich eingeschränkt erlaubt" sind. Auch die Faszinationskraft der erörterten US-Zollbestimmungen hält sich aus Lesersicht in Grenzen. Doch trotz aller Längen gelingt es, den oder eher die "Leuchttürme des deutschen Exils an der (US-)Westküste" atmosphärisch dicht zu kartografieren. Platthaus zeigt, was Vergangenheit und Gegenwart des Ortes einem Besucher bis heute vermitteln können.

"Vier Monate im Haus von Thomas Mann in Pacific Palisades - das verändert den Blick auf Amerika und Deutschland gleichermaßen. Erfahrungen mit der Auseinandersetzung innerhalb einer Demokratie, wie die Familie Mann sie in der McCarthy-Ära gemacht hat, sind mit einem Mal wieder zu aktuellen Bezugspunkten für Bürger der Vereinigten Staaten geworden […]. Obwohl ich auf den Spuren des deutschen Exils gewesen bin, ist mir das globale gesellschaftliche Versuchslabor, das Los Angeles darstellt, immer deutlicher geworden. Was hier geschieht, steht überall bevor. Und ich stieß auf Künstler oder Autoren, die schon vor langer Zeit ein Amerika vorausgesehen haben, wie wir es nie für möglich gehalten hätten, aber nun erleben. Ich bin ein Alteuropäer, der die Neue Welt gesehen hat."

Die hat Platthaus gut reflektiert. Jedoch lauten Buchtitel und Anspruch der Stipendiaten: "Auf den Palisaden". Auf denen hat dieser Autor nicht gestanden. Dafür muss der geneigte Leser doch lieber in Thomas Manns Reden-Sammlung "An die gesittete Welt" blättern.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.04.2020 | 19:00 Uhr

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