Stand: 08.09.2020 18:09 Uhr

Analphabetismus: "Situation ist besser geworden"

Rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland gelten als gering literalisiert, können nur eingeschränkt oder überhaupt nicht lesen und schreiben. Das ist das Ergebnis der LEO-Studie 2018 - der umfassendsten repräsentativen Studie zu Literalität von Erwachsenen in Deutschland. Verantwortlich für diese Untersuchung ist Anke Grotlüschen, Professorin für Lebenslanges Lernen an der Universität Hamburg.

Frau Grotlüschen, Sie arbeiten in Ihrer Studie mit den Begrifflichkeiten der "eingeschränkten bzw. geringen Literalität" - was meinen diese Worte genau?

Anke Grotlüschen © picture alliance/dpa Foto: Christoph Soeder
"Wir haben festgestellt, dass der Bestand von Personen geringer Literalität in Deutschland nachgelassen hat", sagt Anke Grotlüschen.

Anke Grotlüschen: Dass jemand imstande ist, seinen Namen, seine Adresse und einen einfachen Satz zu lesen und zu schreiben, aber zusammenhängende Texte nicht mehr sinnentnehmend lesen kann und sie auch nicht schreibt.

Was sind die wichtigsten Erkenntnisse Ihrer Untersuchung?

Grotlüschen: Wir haben festgestellt, dass der Bestand von Personen geringer Literalität in Deutschland nachgelassen hat. Das ist ein positiver Befund, die Situation ist besser geworden. Auch das Bildungssystem hat sich positiv entwickelt. In der aktuellen Corona-Situation sind diese Personen aber viel stärker betroffen als andere, insbesondere weil sich die Welt durch Corona massiv digitalisiert hat.

Auf welche Lebensbereiche wirkt sich die geringe Literalität am meisten aus?

Grotlüschen: Wir haben Auswirkungen in allen Bereichen. Wir haben nach finanzieller Literalität gefragt, wie gut Menschen mit Geld umgehen können, wie gut sie Abwägungen und informierte Entscheidungen treffen können. Das geht natürlich schlechter, wenn man nicht im Internet recherchieren kann oder wenn man mit Onlinebanking nicht zurecht kommt - alles verlagert sich ins digitale Leben. Da werden Menschen abgehängt, oder sie müssen mehr Geld bezahlen.

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Kommunikation, das Zwischenmenschliche spielt sich zunehmend online ab. Was bedeutet das für die Menschen geringer Literarisierung? Sind die da auch benachteiligt und isolierter als andere?

Grotlüschen: Der Smartphone-Bereich ist bei Menschen mit geringer Literalität relativ ähnlich ausgeprägt wie bei anderen. 80 Prozent der Betroffenen benutzen ein Smartphone und versenden normale WhatsApp-Nachrichten mit Abkürzungen und Emoticons. Das Abgehängt-Werden passiert eher beim Computer und im Bereich des kritischen Hinterfragens. Wenn es um die Bedienung einer Stellen-, Wohnungs- oder Partnerbörse geht, brechen diese Werte ein - da sind die Leute stärker abgehängt. Wenn es darum geht, Nachrichten von Fake News zu unterscheiden, muss man fast immer das Kleingedruckte lesen oder überprüfen, wo das herkommt. Das ist schwieriger, wenn man nicht gut lesen und schreiben kann.

Die politische Teilhabe haben Sie in Ihrer Studie auch explizit mit einbezogen. Was sind da Ihre wichtigsten Erkenntnisse?

Grotlüschen: Ich war entsetzt, dass diese Menschen relativ wenig Informationen bekommen. Das kleine Flugblatt von der benachbarten Kirche oder Ähnliches, das kommt viel seltener im Briefkasten von gering Literarisierten an - warum auch immer. Sie werden auch wenig von Freunden und Bekannten mitgenommen - ob zum Elternabend, zum Kita-Fest oder zum lokalen Flohmarkt. Das ist also sehr niedrigschwellig, noch deutlich vor dem, was man als große Politik bezeichnen würde. Da sind Menschen tatsächlich ganz schön abgekoppelt.

Sie sind jedoch genauso informiert wie andere: Sie informieren sich übers Radio, übers Fernsehen oder über Online-Videos, aber sie trauen sich kaum zu, in einem Gespräch eine eigene Meinung zu äußern und Stellung zu beziehen, weil sie sich nicht zutrauen, politische Belange hinreichend verstanden zu haben.

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Bund und Länder haben das Problem erkannt und wollten es angehen: 2016 wurde die Nationale Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung mit verschiedensten Projekten ausgerufen - seitdem sind vier Jahre vergangen. Sind wir auf einem guten Weg? Was muss noch passieren bis 2026?

Grotlüschen: Wir haben mit Sicherheit das Thema geöffnet. Es geht nicht mehr dezidiert ums Lesen und Schreiben als Solches, sondern es geht um finanzielle, digitale, politische Grundbildung. Gesundheit spielt natürlich auch eine große Rolle, und das spiegelt sich in den Projekten, die zurzeit innerhalb der Dekade gefördert werden, wieder. Das ist sehr erfreulich und damit sind wir einen guten Schritt vorangekommen.

Was aber noch passieren muss, ist ein vernünftiges Zusammenbinden von Migrationspolitik und Alphabetisierungspolitik, weil viele eine andere Erstsprache haben, obwohl sie in Deutschland groß geworden sind. Wir machen ganz viel für Neuzugewanderte und Geflüchtete und können dadurch, wenn wir die beiden Bereiche zusammenbinden, vernünftiges Personal einstellen. Man braucht mehr Leute, die dauerhaft beschäftigt sind und nicht nur Honorarkräfte und Solo-Selbständige, die im Moment selber in Kurzarbeit geraten sind. Es fehlt also eine professionelle Infrastruktur vonseiten der Lehrenden.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 08.09.2020 | 18:00 Uhr