Stand: 17.06.2020 12:09 Uhr

Philosoph Amartya Sen erhält Friedenspreis 2020

Bild vergrößern
Joachim Dicks arbeitet als Literaturredakteur bei NDR Kultur.

Um 10 Uhr am Mittwochvormittag gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekannt, wer in diesem Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wird. Es ist der indische Wirtschaftswissenschaftler und Philosoph Amartya Sen. Er wird am letzten Tag der Frankfurter Buchmesse den mit 25.000 Euro dotierten Preis überreicht bekommen. Gewürdigt werden unter anderem seine Forschungsarbeiten zu sozialer Ungleichheit. Einschätzungen von NDR Literaturredakteur Joachim Dicks.

Herr Dicks, haben Sie mit dieser Wahl gerechnet?

Joachim Dicks: Nein, ich habe nicht damit gerechnet. Vor allem, weil - soweit ich es überblicke - der Friedenspreis noch niemals an einen bereits ausgezeichneten Nobelpreisträger ging. Bisher hatte man in Frankfurt immer so ein wenig den Ehrgeiz, dass die Wahl des Friedenspreises andere insofern nobilitieren könnte, dass sie dann für einen Nobelpreis in Frage kommen könnten. Das ist ein paar Mal geglückt, zum Beispiel bei Günter Grass, Orhan Pamuk und ein paar anderen. Bei Amartya Sen ist es insofern eine Überraschung, denn der hat alle Preise, die man bekommen kann. Vor allem auch in diesem Jahr, wo es auch viele, viele Themen gibt. Amartya Sen hat von diesen Themen auch viel in seinem Werk, aber man hätte auch noch mehr ein Signal in Richtung Rassismus-Debatte senden können. Mein Lieblingskandidat ist an dieser Stelle seit vielen Jahren Harry Belafonte. Der ist bis heute eine wichtige Stimme gerade bei diesen Fragen. Er hat das ganze 20. Jahrhundert ja auch maßgeblich mit begleitet. Also mir wären ein paar andere Kandidaten nachvollziehbarer erschienen, um das mal vorsichtig auszudrücken.

Links
Link

Amartya Sen erhält Friedenspreis 2020

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr an den indischen Ökonomen und Philosophen Amartya Sen. Damit werden seine Forschungen zu sozialer Ungleichheit gewürdigt. extern

Der Börsenverein begründet seine Wahl unter anderem damit, das sich Amartya Sen seit Jahrzehnten "als Vordenker mit der globalen Gerechtigkeit auseinandersetzt" und dabei immer die "Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit" befördert hat. Was macht denn sein Werk außerdem noch aus?

Dicks: Das ist ein wichtiger Punkt - für mich als Philosophen auch. Ich habe Philosophie studiert und habe während des Studiums immer eine Abwehrhaltung gehabt gegen Theorien, die sich zu sehr im Begrifflichen verankert hatten. Robert Musil hat das in Bezug auf Immanuel Kant so beschrieben, dass das wie ein Bohrer ist, der sich ins Hirn hineinwindet. Und das ist halt bei Amartya Sen sehr früh Programm gewesen. Er hat sich gerade mit auf Begriffen ausgerichteten Philosophien beschäftigt und hat eben Gerechtigkeit nicht nur als Begriff gesehen, sondern auch die pragmatische Seite. Er hat sich immer auch Szenarien ausgemalt, an denen er beschreiben konnte, worum es bei Gerechtigkeit auch geht. Er hat dann auch Bildungsfragen mit eingeworfen. Gesundheitswesen ist ein ganz wichtiger Punkt. Er hat mit der UNO viel zusammengearbeitet. Und macht es auch heute noch. Und dieses Hinaustreten aus dem philosophischen Diskurs in ein pragmatisches, lebenszugewandtes Denken und Handeln finde ich bei ihm hervorhebenswert und das ist auch sicherlich preiswürdig.

Die Verleihung des Friedenspreises am 18. Oktober soll in der Frankfurter Paulskirche stattfinden, allerdings unter den zu dem Zeitpunkt geltenden Gesundheitsbedingungen. Sie waren schon sehr oft bei dieser Veranstaltung dabei. Was denken Sie bei der Vorstellung an eine nur zu einem Drittel gefüllt Paulskirche oder gar Maske tragenden Auditoriums?

Dicks: Es ist ein bisschen gruselig. Es ist ja einerseits toll, dass es dann im Fernsehen übertragen wird. Insofern werden wir uns alle ein Bild davon machen können. Wenn auch sicher nicht so viele Pressevertreter vor Ort sein dürfen. Aber in dieser Kirche selbst - das kann das Fernsehen nicht so vermitteln - da ist dann in dieser ganzen Kargheit der Paulskirche so eine Konzentration auf das gesprochene Wort. Ich möchte mir dieses Bild gar nicht vorstellen. Und ich hoffe einfach, dass es bis dahin anders sein wird und wir diese Bilder und diese Atmosphäre niemals vermittelt bekommen. Es ist an der Zeit, dass sich das wieder ändert.

Dieses Thema im Programm:

Matinee | 17.06.2020 | 11:20 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/Amartya-Sen-erhaelt-Friedenspreis,amartyasen102.html

Mehr Kultur

56:30
NDR Kultur
04:01
Hamburg Journal
02:21
Hamburg Journal