Stand: 24.09.2018 15:03 Uhr

Altona: Viel Applaus für Kempowski-Saga

von Daniel Kaiser

Das Altonaer Theater ist erfolgreich in das Kempowski-Projekt gestartet. Theaterchef Axel Schneider bringt alle neun Bände der Familiengeschichte "Deutsche Chronik" in vier Teilen auf die Bühne. Jetzt am Wochenende hatten die ersten beiden, "Aus großer Zeit" und "Tadellöser & Wolff", Premiere.  

Das Ensemble des Altonaer Theaters auf der Bühne.

Altonaer Theater zeigt "Deutsche Chronik"

Hamburg Journal -

Das Altonaer Theater bringt das Mammutwerk "Deutsche Chronik" von Walter Kempowski auf die Bühne. Aus neun Romanen werden vier Theaterabende - jeweils rund dreieinhalb Stunden lang.

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Das Experiment ist gelungen. Theaterchef Axel Schneider trifft exakt den Kempowski-Ton. Neun Schauspieler wirbeln in Dutzenden Rollen über die Bühne und lassen alle Figuren aus dem Kempowski-Universum lebendig werden. In rasend schnellen Kostümwechseln spielt sich das Ensemble durch die Familiengeschichte mit Urlaub, Picknick, Hochzeit oder Front und kalauert mit dem Vater (Dirk Hoener) bei Niederschlag den Familienwitz: "Der Regent, Dirigent, das regent." 

Große Politik und kleine Familie  

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Aus den vielen kleinen Alltags-Episoden wird ein Mosaik, eine ganze Geschichte - in Frieden und Krieg.

Man feiert mit den Kempowskis Weihnachten, wenn es für die Mutter (Anne Schieber) als Geschenk Klammern für das Zusammenhalten von Kohlrouladen gibt: "Genau die, die ich mir immer gewünscht habe." Man spürt, wie an den Veteranen-Stammtischen der Weimarer Republik der Zorn auf den Versailler Vertrag wächst und wie der Nationalsozialismus langsam in die Tischgespräche und in die Treffen mit Freunden einsickert. Aus den vielen kleinen Alltags-Episoden wird ein Mosaik, ein Sittengemälde, eine ganze Geschichte - in Frieden und Krieg. 

Eine ganz normale deutsche Familie  

Beklemmend ist inszeniert, wie Soldaten des Ersten Weltkriegs auf das Publikum zumarschieren und einer nach dem anderen fällt. Auch die Nächte im Rostocker Luftschutzbunker im Zweiten Weltkrieg, wenn die Einschläge immer näher kommen, sind so präsent, als säße man mittendrin. Die lauten und leisen Einzelheiten verdichten sich sehr schnell zu einem ganzen Bild, in dem das Politische und das Private zusammenfallen. Kempowski erzählt aus dem Leben einer ganz normalen deutschen Familie (in den ersten beiden Theaterabenden vom Kaiserreich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs) mit Liebe, Politik, Klatsch und skurrilen Figuren - wie sie in jeder Familie vorkommen.  

Chopin auf dem Luftklavier 

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Detlef Heydorn (im Rollstuhl) spielt den kauzigen Opa Kempowski.

Man kann sich nicht sattsehen an Opa Kempowski (herrlich kauzig: Detlef Heydorn) im Rollstuhl, der Witze erzählt, die die Kinder nicht verstehen, aber trotzdem viel zu laut lachen, weil sie sich Geld fürs Kino erhoffen, an der ultra-strengen Klavierlehrerin (in dieser und allen anderen schrägen Rollen des Abends wunderbar: Katrin Gerken), die dem kleinen Walter die Finger verbiegt und auf einem Luftklavier Chopin herbeizaubert, und am Dänen Sörensen (Tobias Dürr - auch als Star-Tenor und Angeber-Soldat ganz stark), der in die Familie einheiratet.

Lebendiges Grammofon  

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Johan Richter spielt den Erzähler Walter Kempowski und meint am Anfang der Vorstellung: "Wir haben uns einiges vorgenommen."

Der Abend auf der abschüssigen, meist leeren Bühne steckt immer wieder auch voller witziger Ideen: So wird Ute Geske (mit viel, viel komischem Talent) einmal zum lebendigen menschlichen Grammofon: Sie steht da mit dem Finger auf der sich drehenden Schellackplatte und beginnt, im Kempowski-Wohnzimmer "Ich wollt', ich wär' ein Huhn!" zu singen. Die Spielfreude und das Timing aller Beteiligter sind beglückend. Philipp Spreen als junger Karl Kempowski und Nadja Wünsche als seine Frau - Walters Eltern also - erzählen die Vorgeschichte einer Liebe, die nicht so recht in Gang kommen will, sehr plastisch und unterhaltsam. 

Kempowski als Conférencier  

Walter Kempowski

Walter Kempowskis Jahrhundertwerk

NDR 90,3 - Kulturjournal Spezial -

Die Geschichte einer hanseatischen Familie über drei Generationen ist heute wieder von großer Aktualität.

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Herausragend ist aber Johan Richter, der - jungenhaft mit Hornbrille - den Erzähler gibt: Walter Kempowski, der am Anfang des Stücks mit einem Schuber mit der gesamten "Deutschen Chronik" auf die Bühne kommt und meint: "Wir haben uns einiges vorgenommen." Er moderiert von Szene zu Szene, spielt auch selbst mit. Besonders ergreifend ist sein Monolog über die Flucht als blutjunger Soldat aus Berlin. Herrlich komisch ist es, wenn er beim Gang durch die Familiengeschichte mimisch mit seinen Vorfahren bei deren ersten Küssen kommuniziert.  

Gelungener Start ins Mammut-Projekt 

Theaterintendant Axel Schneider hat Mut bewiesen. Ihm ist hier etwas Wunderbares gelungen. Mit Tempo, aber ohne Eile und mit viel Phantasie nimmt er die Zuschauer mit auf eine bunte, ehrliche, niemals langweilige Kempowski-Reise. Das ist Privattheater von seiner besten Seite.

"Die Kempowski-Saga" im Altonaer Theater

Altona: Viel Applaus für Kempowski-Saga

Das Kempowski-Projekt am Altonaer Theater ist gestartet. Alle neun Bände der Familiengeschichte "Deutsche Chronik" kommen auf die Bühne - eine bunte, nie langweilige Kempowski-Reise.

Art:
Bühne
Datum:
Ende:
Ort:
Altonaer Theater
Museumstraße 17
22765   Hamburg
Preis:
16 bis 37 Euro
Kartenverkauf:
Kartentelefon: 040/39 90 58 70
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Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal | 24.09.2018 | 19:00 Uhr

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