Stand: 24.09.2020 12:58 Uhr

Altonaer Theater: Spielen in Corona-Zeiten

Das Altonaer Theater startete Mitte September mit dem Stück "Gott" des Strafverteidigers und Bestsellerautors Ferdinand von Schirach in die Saison. Kulturredakteurin Annette Matz von NDR 90,3 befragte ihn, wie es ist, Theater unter Corona-Bedingungen zu machen.

Ein lächelnder Mann mittleren Alters vor einem Fenster: Axel Schneider, Theaterleiter des Hamburger Altonaer Theaters, des Harburger Theaters und der Hamburger Kammerspiele  Foto: Lahola
Theaterleiter Axel Schneider hofft auf Lockerungen bei den Corona-Vorgaben für Theater.

Axel Schneider: "Ich gebe zu, dass die Atmosphäre im Saal nicht die gleiche ist. Wir haben das, glaube ich, aber ganz geschickt löst. Auf jedem Platz, der nicht besetzt werden darf, war ein Autor platziert - unter dem Motto: "Wir spielen Bücher". Da war also ein Schild für einen Autor. Und da kam einer und sagte: "Ich habe zum ersten Mal im Leben nimmt Thomas Mann gesessen! Jedenfalls, das wurde dann auch mit Humor aufgenommen."

Dann gibt es nach einer Premiere normalerweise eine Premierenfeier. Erst kommt die Aufregung, die große Anspannung, dann die Premiere. Und dann feiert man. Das fällt ja jetzt alles flach.

Videos
Ein Schauspieler als Pastor im Altonaer Theater.
3 Min

Ferdinand von Schirachs "Gott" im Altonaer Theater

Ein gesunder Mann möchte sterben - darf er das? Und wer entscheidet es? Diese Frage verhandelt das Stück "Gott" nach Ferdinand von Schirachs Roman. Im Altonaer Theater war Premiere. 3 Min

Schneider: Wir haben eine Premierenfeier gemacht. In enger Zusammenarbeit mit dem technischer Leiter und dem Gastronomen haben wir die Premierenfeier durchführen können. Ich weiß, dass haben einige Theater nicht gemacht haben. Aber es ist alles regelkonform gewesen, möglich gewesen. Und im Grunde verhält man sich dann ja auch irgendwann wie in einem Restaurant. Wenn sie den Platz erreicht haben, dürfen sie da auch die Maske abnehmen.

Nur die Umarmungen fallen weg.

Schneider: Ich habe gelernt, dass man sich in einem bestimmten Körperradius voneinander wegdrehen kann und - mit Maske - aneinander vorbei spucken kann. - Da wir das ja nicht wirklich tun, bleibt auch nichts (lachen).

Also, eine Art Corona-Umarmung.

Also okay, schön auf den Punkt gebracht!

Theatersitze © picture alliance / dpa Foto: Patrick Pleul

AUDIO: Hygieneauflagen verkomplizieren den Theateralltag (4 Min)

Sie dürfen ja viel weniger Plätze besetzen, als sie könnten. Sind Sie denn jetzt immer ausverkauft? Oder ist ihre Erfahrung auch, dass sich manche Zuschauer noch nicht so richtig wieder ins Theater trauen?

Schneider: Das ist ein wichtiges Thema. Wir haben zum Beispiel in Altona 960, im Kammerspiel 140 Plätze. Es kommt hinzu, dass wir niemals auf hundert Prozent kommen werden, weil viele, die einzeln sitzen wollen, trotzdem einen Doppelplatz belegen. Ich glaube, wir waren in der Premiere in Altona bei 129, und es war sozusagen ausverkauft, aber eben nicht jeder Platz besetzt. Selbst die, die nicht die besetzt werden konnten. Das ist auch der Preis dieser Abstandsregeln und dass sich die Menschen sicher fühlen wollen. Wir können niemanden zwingen, sich neben einem fremden Menschen zu setzen und das dürften wir ja auch gar nicht. Also, von da bleiben auch dann noch mal Plätze frei.

Die zweite wichtige Sache ist natürlich, dass es auch Bedenken gibt, die ich auch verstehen kann. Aber, ich würde im Moment fast überspitzt sagen: Man ist nirgendwo so sicher wie im Theater. Ich kenne mich in diesem Bereich, glaube ich, inzwischen unfreiwilliger Weise sehr aus. Ob nun in einer Bahn, im Restaurant, auch zu Hause, wo man ja auch immer wieder Gäste empfängt, gehen wir lockerer mit den Auflagen um, als wir im Moment gerade im Theater. Daher ist diese Botschaft wichtig, dass man, auch wenn man zur Risikogruppe gehört, glaube ich, diesen Schritt machen darf, machen sollte. Die Menschen, die bei uns waren, haben das auch alle bestätigt.

Also, Theater ist ein sicherer Ort. Welche Perspektive würden Sie sich wünschen? Was sollte jetzt am besten als Nächstes passieren?

Schneider: Die Abstandsregeln im Saal sollten etwas gelockert werden - immer unter der Auflage dessen, was im Moment als Erfahrungswerte und auch wissenschaftlich herausgefunden wird, selbstverständlich unter Einhaltung aller Vorgaben, die es gibt. Es soll jetzt niemand das Gefühl haben, wir wollen einfach in erster Linie schnell lockern. Nein! Aber, sagen wir mal wieder im Schulterschluss mit den Behörden, wenn man sich das erlauben kann, sollte man das auf jeden Fall tun und auf jeden Fall auch die sehr, sehr hohen Standards auf der Bühne ein bisschen lockern.

Ein Zwei-Personen- oder Drei-Personen-Ensemble, das ist eine 'Schicksalsgemeinschaft', wo man ja nun wirklich leichtens nachvollziehen könnte, wer wen angesteckt haben könnte. Nach wie vor sind die Regeln streng und verkomplizieren den Spielfluss und die Arbeitsbedingungen. Da habe ich die große Hoffnung, dass uns geholfen wird, möglichst bald.

Das Gespräch führte Annette Matz, Kulturredakteurin bei NDR 90,3.

Weitere Informationen
Das Publikum an der Staatsoper Hamburg sitzt im Corona-Abstand vor der Uraufführung von "Ghost Light" © NDR Foto: Annette Matz

Corona-Neustart in Hamburgs Kultur

Neustart mit Maske und Abstand: Theater, Oper, Kino und Museum müssen sich wegen der Corona-Pandemie radikal umstellen. Wie funktioniert das und welche Perspektiven gibt es? mehr

Sitzplätze in einem Kino sind sind mit Zetteln mit aufgedrucktem angedeuteten Corona-Virus-Symbol abgesperrt. © picture alliance/dpa Foto: Julian Stratenschulte

Kultur trotz Corona - Neues Spiel

Wie funktioniert der Neustart in der Kultur, welche Perspektiven gibt es? Das ist auch das Thema der aktuellen NDR Debatte. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | Kulturjournal Spezial | 23.09.2020 | 20:00 Uhr