Im Vordergrund mehrere Gartenzwerge, dahinter ein älterer Mann beim Rasenmähen © picture alliance / dpa Foto: Bodo Marks

Alman Memes: "Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannen-Set"

Stand: 23.03.2021 13:08 Uhr

In den sogenannten "Alman-Memes" machen sich die Instagrammer Sina Scherzant und Marius Notter über vermeintlich typisch deutsche Eigenschaften und Traditionen lustig. "Alman" ist das türkische Wort für "Deutsche".

von Anina Pommerenke

Der amerikanische Rapper Eminem hält einen gelben Bleistift in der Hand und schreibt konzentriert einen Brief. Das ikonische Bild stammt aus dem Musik-Video "Stan" aus dem Jahr 2000. Während Eminem im Video einen Brief an einen manischen Fan schreibt - ist nun ein neuer Text über dem Bild zu lesen: "Verehrte Nachbarn, erneut kam es zu Ruhestörungen durch Glasentsorgung nach 22 Uhr. Halten Sie sich nicht an die Ruhezeiten, sehe ich mich gezwungen, die Hausverwaltung einzuschalten."

Der tätowierte Rüppel-Rapper als "deutsche Kartoffel", die sich über seine Nachbarn ärgert. Wer diesen Kontrast erkennt und schon mal Probleme mit seinem Nachbarn gehabt habt, muss darüber vermutlich schmunzeln. Hinter Memes wie diesem stecken Sina Scherzant und Marius Notter. Die beiden erreichen mit ihrem Instagram-Profil "Alman Memes 2.0" über 600.000 Follower: "Je krasser das Bild eine Emotion auslöst oder darstellt, desto besser wird das Meme. Und immer wenn man das Gefühl hat, dass möglichst viele Leute sich darin wiederfinden oder die Situationen kennen, dann funktioniert es eigentlich am Besten."

Alman-Memes: Spiegel für die Gesellschaft

Die beiden haben die Figuren Achim und Annette Ahlmann erfunden, auf die sie möglichst viele vermeintlich deutsche Eigenschaften projizieren: Die beiden sind pünktlich, schauen Fußball, trinken Bier, stehen auf Tupperdosen, beobachten ihre Nachbarn und natürlich sammeln sie Treuepunkte, um das Pfannen-Set abzustauben.

Was ist ein Meme?

Unter einem "Meme" versteht man in der Netzkultur eine Kombination aus Bild und Text, die in der Mischung eine bestimmte Pointe ergibt. Das Wort "Meme" leitet sich aus dem Griechischen ab von "mimema" und heißt so viel wie nachgeahmte Dinge/imitieren. Meist geht es bei Memes um aktuelles, Wortwitze oder gesellschaftliche Themen.

Mit ihren Memes wollen sie der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten: ihre Spießigkeit und Angst vor Veränderungen. Verständnis haben sie nicht, wenn sich jemand von den Memes angegriffen oder beleidigt fühlt, "weil uns das ehrlich gesagt eher ein bisschen bestärkt in dem, was wir tun. Und wenn wir sehen, dass Leute sich davon getriggert fühlen oder darauf reagieren, dann haben wir eher das Gefühl, was richtig zu machen."

Roman zum Instagram-Account: "Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannen-Set"

Vom Erfolg des Accounts bestärkt haben die beiden nun auch einen Roman geschrieben, der die Geschichte von Achim und Annette Ahlmann in einer beschaulichen Kleinstadt weiterspinnt. Dabei treiben die beiden das "Deutsch-Sein" so auf die Spitze, dass es manchmal fast schon ein bisschen weh tut:

"Ordentlich in Weiß und Hellgrau gestrichene Doppelhaushälften prägten das Ortsbild in diesem Teil Hildenbergs. Vor jeder Haustür befand sich ein kleines Rechteck, das die meisten Bewohner mit einer adretten Mischung aus sorgsam gemähten Grünstreifen, Kies-Formationen und kleinen Büschen in Tontöpfen gestaltet hatten. Wer es noch etwas flippiger mochte, stellte noch einen Steinfrosch, eine bunte Glaslibelle auf einem Stab oder eine kleine Holzbank in einer grellen Farbe dazu. Damit niemand auf die Idee kam, dass eine solche Bank mehr als nur der Zierde dienen könne, wurden darauf gerne verschiedene Kantenhockerfiguren platziert."

Alman-Memes: mal witzig, mal subversiv, mal peinlich

Sina Scherzant, Marius Notter: "Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannen-Set" (Cover) © Rowohlt
In dem Roman "Noch 3 Treupunkte bis zum Pfannen-Set" will das Autorenteam vom ganz normalen "Kleinstadt-Wahnsinn" erzählen.

Doch sollte man in einer Gesellschaft, in der jeder vierte einen Migrationshintergrund hat, wirklich noch vermeintlich typisch urdeutsche Stereotype reproduzieren? Sina Scherzant meint: "Für mich ist es gar nichts Erstrebenswertes in diese Formate reinzupassen und trotzdem haben wir viele Leute mit Migrationserfahrung, die dann bei uns in die Kommentare reinschreiben: Die Almanisierung hat schon funktioniert, mein Vater oder meine Mutter sind schon so - oder ich bin genauso. Letztendlich schließt es dann doch keine Leute aus."

Gelegentlich tut es gut, sich mit den eigenen Kulturstandards auszueinanderzusetzen, sich zu hinterfragen und dann vielleicht doch selbstironisch zu erkennen. Die Alman-Memes verführen auf ihre ganz eigene Art dazu: mal witzig, mal subversiv und manchmal sind sie auch ein bisschen peinlich.

Buch-Tipp

Mehr von Achim und Annette Ahlmann im Buch "Noch 3 Treuepunkte bis zum Pfannen-Set" von Sina Scherzant und Marius Notter,
Erschienen im Rowohlt-Verlag zum Preis von 10 Euro.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 23.03.2021 | 14:20 Uhr