Stand: 11.04.2019 18:32 Uhr

Bluttests für Schwangere: "Eine Geisterdiskussion"

Der Bundestag hat darüber beraten, ob ein Bluttest für Risikoschwangere in den Katalog gesetzlicher Kassenleistungen aufgenommen werden soll. Ein Test, der höchste Treffsicherheit verspricht, wenn es darum geht, die Wahrscheinlichkeit für ein Down-Syndrom beim ungeborenen Kind zu berechnen. Geht es bei dieser Frage "nur" um eine Kassenleistung, die künftig bezahlt werden soll? Oder geht es nicht vielmehr um eine ethische Grundsatzentscheidung? Fragen an der Pränataldiagnostiker Alexander Scharf.

Herr Scharf, geht es tatsächlich "nur" um die generelle Bezahlung oder geht es um weit mehr als um die Frage, wer die Rechnung zahlt?

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Alexander Scharf ist Präsident des Berufsverbandes niedergelassener Pränatalmediziner.

Alexander Scharf: Bisher hat sich unsere Gesellschaft darauf verständigt - und das Ganze ist gedeckt durch das Gendiagnostikgesetz, welches genetische Reihenuntersuchungen verbietet -, dass Reihenuntersuchungen mit der Zielsetzung, nach genetischen Merkmalen zu fahnden, nicht zulässig ist. Das Ganze ist schon mal vor 10 bzw. 15 Jahren komplett von unserer Gesellschaft durchdekliniert worden. Es ist eine Illusion, zu glauben, dass bisher die Suche nach genetischen Merkmalen über die Fruchtwasseruntersuchung erfolgt ist. Wir haben mit dem kombinierten Nackentransparenztest ein hoch performantes Suchverfahren genau für diesen Bereich - und noch für viel mehr, weil wir da Ultraschall und Merkmale aus der Plazenta kombinieren. Dieses Verfahren wurde, als es vor 20 Jahren eingeführt wurde, von unserer Gesellschaft als Kassenleistung bewusst als abschlägig beschieden, weil nach genetischen Merkmalen gesucht wird. Das ist also alles nicht neu. Und die Darstellung, dass die Fruchtwasseruntersuchung jetzt plötzlich ersetzt würde, ist eine Verkürzung, die sachlich unzutreffend ist und den Kern der Frage in keinster Weise trifft. Insoweit ist auch die ganze Diskussion aus meiner Sicht eine Geisterdiskussion, weil es an der gelebten vorgeburtlichen diagnostischen Realität völlig vorbeigeht.

Sie sind Pränataldiagnostiker und sprechen aus der Praxis. Mit welchen Fällen werden Sie konfrontiert?

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Scharf: Ich werde mit Fällen konfrontiert, wo mit guten Gründen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür besteht, dass ein Kind ein Problem haben könnte. In der zweiten Ebene geht es darum, zu sortieren, ob das Kind entgegen der Anfangsvermutung gesund ist, oder ob einer der seltenen Fälle vorliegt, wo wir tatsächlich ein Problem haben - ob auf der körperlichen Ebene und/oder auf der genetischen Ebene. Körperliche Fehlbildungen und genetische Erkrankungen sind in einem hohe Maße miteinander verschränkt. Das lässt sich auch analytisch nur schwer voneinander trennen.

Spielen wir das kurz durch: Eltern lassen den Bluttest machen. Das Ergebnis: Down-Syndrom. Die Entscheidung fällt: Schwangerschaftsabbruch. Müssen Eltern sich dann moralisch schlecht fühlen, diesen Test gemacht und die diese Entscheidung getroffen zu haben?

Scharf: Das ist etwas, was jede Schwangere und jedes werdende Elternpaar grundsätzlich betrifft und was nicht durch die Frage, ob das eine Kassenleistung wird, die individuelle Entscheidung des Paars beeinflusst. Die Frage ist, ob die Gesellschaft sich dazu entscheidet, die Kosten für so eine Untersuchung als unspezifische allgemeine Maßnahme zu übernehmen. Vor 20 Jahren hat sich die gleiche Frage schon mal gestellt und wurde damals als abschlägig beschieden, und es hat sich im Grunde nichts geändert. Es ist nur ein neues Testverfahren eingeführt worden, und dieses Verfahren ist hoch selektiv. Es geht hier um das Down-Syndrom und es ist kein Diagnoseverfahren, sondern ein Testverfahren. Deswegen ist auch die Verkürzung, dass das die Fruchtwasseruntersuchung ersetzt, sachlich völlig falsch. Wir bekommen über die Fruchtwasseruntersuchung eine Fülle von Informationen, die dieser Test nicht liefert. Aber die ethische Diskussion ist immer eine höchst private.

Aber weil die Diskussion jetzt an der Bezahlung der gesetzlichen Krankenkassen festgemacht wird, müssen wir vielleicht doch die Rolle der Krankenkassen hinterfragen. Ist das, was die Kassen zahlen, dann der Leitfaden für das, was ethisch in unserer Gesellschaft erlaubt ist?

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Scharf: Ich gehe mit Ihnen konform - die ethische Frage ist eine ganz komplexe, die sehr fein abgewogen behandelt werden muss. Die Entscheidungsgrundlage, auf der dieser Test nun Kassenleistung werden soll, ist eine rein gesundheitsökonomische - das ist aber zu kurz geworfen. Ein Aspekt, der bisher noch nicht zu Ende dekliniert ist, ist ein ganz anderer: Dem Grunde nach kann man mit den Proben, die bei solchen Untersuchungen gewonnen werden und die auch gespeichert und gelagert werden können, auch an ganz anderen Stellen im Genom forschen. Das ist Material von einem ungeborenen Individuum, was sich noch nicht selbst artikulieren kann und was ein Recht hat auf informationelle Selbstbestimmtheit. Und die Frage der Datensicherheit ist an dem Punkt noch überhaupt nicht adressiert. Wir haben hier also einen Türöffner, und wir haben eine Situation, die über das Gesundheitstagespolitische hinaus enorme Implikation hat. In meinen Augen ist die Diskussion an dem Punkt viel zu kurz gegriffen.

Wo setzen wir die Grenze? Wo beginnt Behinderung? Gerade reden wir über das Down-Syndrom, das so stark abweicht, dass es eben im Wortsinn eine Behinderung ist. Was ist mit anderen Merkmalen? Ein Herzfehler, ein fehlender Fuß, eine Augenfarbe - wo gehen wir hin?

Scharf: Ich stimme Ihnen zu. Pränatalmedizin ist im Erkrankungsfalle eine höchst komplexe, diffizile Sache und die Entscheidung darüber, was dem erkrankten Kind und den Eltern zumutbar ist, ist etwas höchst Individuelles. Unsere Gesellschaft tut gut daran, wenn sie sich da nicht paternalistisch oder maternalistisch durch aktives Zutun in diese Individualität einmischt.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Alexander Scharf © Alexander Scharf

Bluttests für Schwangere: "Eine Geisterdiskussion"

NDR Kultur - Journal Gespräch -

Sollen Bluttest für Risikoschwangere in den Katalog gesetzlicher Kassenleistungen aufgenommen werden? Ein Gespräch mit dem Pränataldiagnostiker Alexander Scharf.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 11.04.2019 | 19:00 Uhr

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