Stand: 09.01.2017 16:46 Uhr

Die Gefahren der permanenten Smartphone-Nutzung

Smartphones gibt es schon seit Ende der 1990er Jahre. Erst die Einführung des iPhone 2007 ließ den Markt für diese Handys explodieren. Smartphones haben nicht nur die mobile Kommunikation, sie haben unser aller Leben revolutioniert. Der Informatikprofessor Alexander Markowetz hat mit der "Menthal"-App das Verhalten von mehr als 300.000 Smartphone-Nutzern erforscht.

NDR Kultur: Herr Markowetz, das Smartphone feiert Geburtstag. Es gibt kaum noch jemanden, der keins hat. Es ist also eigentlich ein Feiertag, oder?

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Alexander Markowetz hat das Buch "Digitaler Burnout" geschrieben.

Alexander Markowetz: Natürlich ist es ein Tag zum Feiern. Diese Geräte haben in unglaublicher Zeit unglaublich viel möglich gemacht. Sie sind in Nischen vorgedrungen - es sind Sachen, die uns gar nicht mehr auffallen. Früher hatte jeder einen Fotokopierer zu Hause - das gibt es nicht mehr. Es wird nichts mehr fotokopiert - ich schicke Ihnen das schnell rüber.

Trotzdem haben Sie vor gut einem Jahr das Buch veröffentlicht: "Digitaler Burnout. Warum unsere permanente Smartphone-Nutzung gefährlich ist". Warum ist sie denn gefährlich?

Markowetz: Die Frage ist: Wie fühlt sich Deutschland im Umgang mit dem Smartphone? Die Deutschen fühlen sich mitunter gestresst, unter Druck gesetzt, nicht mehr Herr der Lage. Bei den vorhergehenden Mediendiskursen - vom Roman bis zum Computerspiel - war man sich immer sicher, dass man selber die Krönung der Schöpfung ist und nach einem nur noch Idioten kommen. Das war immer ein Fingerzeig auf die nächste Generation. Bei der Smartphone-Diskussion war das überhaupt nicht so. Sie wollten tatsächlich über sich selber reden: Wieso mache ich denn das am laufenden Band? Wieso kann ich das so schlecht liegen lassen? Wieso muss ich nachts noch chatten? Das hatte für uns arroganten Deutschen so viel Reflexion und Selbstkritik - das war absolut erstaunlich.

Sie sprechen in dem Buch von einem sehr hohen Suchtpotential. Worin besteht das? Suchtstoffe können nur welche werden, wenn es auch die gibt, die sie begierig konsumieren. Ist da nicht eher die Kritik an uns selbst zu richten?

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Die erschreckenden Folgen der Erreichbarkeit

Was hat eine ständige Erreichbarkeit für Auswirkungen? Der Wissenschaftler Alexander Markowetz hat die Handynutzung von 60.000 Menschen untersucht - und alarmierende Erkenntnisse gewonnen. mehr

Markowetz: Von stoffgebundenen Süchten sprechen wir hier sicherlich nicht, sondern es sind eher Verhaltensstörungen, am ehesten zu vergleichen mit einem Geldspielautomaten. Es muss immer etwas klicken, dann kommt eine Überraschung - ist das was, hat er mir geantwortet? - und dann wird Dopamin ausgeschüttet. Das wiederholt sich. So kann man zehn Stunden vor dem Geldspielautomaten verbringen oder einen halben Tag lang klicken. Der Großteil der Bevölkerung hat keine Sucht und wird auch nie in der Sucht landen. Zwei bis drei Prozent der Menschen haben Suchtprobleme. Aber das viel größere Problem sind die 30, 40, 50 Prozent der Menschen, die keinerlei Suchtkriterien erfüllen, die sie auch nie erfüllen werden, die aber trotzdem nicht so gut funktionieren, wie sie funktionieren könnten, oder die nicht so glücklich sind, wie sie sein könnten.

Die dritte Frage, die sich bei Ihnen ein bisschen versteckt hat, ist: Richtet sich das an uns selber? Die Antwort ist ein klares "Jein". Aber wer sind wir selber? Die Smartphone-Nutzung besteht aus - wie anderes auffälliges Verhalten auch - unterbewussten Automatismen, die wir uns antrainiert haben, und das Ganze ist nur unterbewusst zu durchbrechen. Es ist ähnlich wie beim Rauchen: Ich muss es rational verstanden haben, dass es schlimm ist - es mir aber abzutrainieren, das ist eine völlig andere Kiste. Die unterbewussten Automatismen zu brechen und umzuprogrammieren - da hängt ein ganzes Welt- oder Menschenbild hinten dran, was sich in den letzten 20 Jahren umorientiert hat.

Wenn wir es herunterbrechen, können wir doch sagen, dass das Smartphone eigentlich elementare Kulturtechniken fördert: das Lesen, die Kommunikation untereinander. Das ist doch ein großartiger Fortschritt.

Markowetz: Jein, das ist schwierig. Die Kommunikation ist in unserer Kultur ein durch und durch positiv besetzter Begriff. Das beginnt schon im Kindergarten: Ihr sollt nicht mit der Schippe hauen, sondern ihr sollt lernen, über eure Probleme zu reden. Die Wahrheit ist, dass das nicht funktioniert. Man kann gar nicht ununterbrochen mit so vielen Menschen kommunizieren, wie wir das tun. Die Analogie dazu ist das Essen - das kommt von der Generation unserer Großeltern, die zum Essen gesagt hat: Wenn du es siehst, nimm es mit. Iss es, sonst isst es jemand anders. Blind mitnehmen, es gibt nie genug. Das ist diese Kultur, die wir auch bezüglich Kommunikation noch haben: immer gut. Und die Wahrheit ist: Es ist nicht gut. Erstens werden wir merken, dass der Großteil der Kommunikation völliger Unsinn ist, zwischen Gerede und gegenseitiger Ablenkung. Und selbst dann werden wir merken: Nur das Schlechte weglassen, alleine von dem Guten ist immer noch viel zu viel. Und da brauche ich Strategien, um mich in diesem Raum von 'viel zu viel' irgendwie auf ein Maß zu beschränken, das ich überhaupt handhaben kann, mit meinen kognitiven Fähigkeiten.

Das Interview führte Jürgen Deppe.

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