Stand: 14.09.2018 16:06 Uhr

Zehn Jahre Finanzkrise: Parallelen zu 1914

Vor zehn Jahren erschütterte der Zusammenbruch der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers die Finanzwelt. Wie konnte das passieren? Wer war schuld? Was wollten wir, was haben wir daraus gelernt? Wie sieht die Welt, und nicht nur die Finanzwelt, zehn Jahre später aus? Pünktlich zum Jahrestag des Zusammenbruchs erscheint das neue Buch des britischen Historikers Adam Tooze: "Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben".

Herr Tooze, wie haben denn zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert? Sie beschreiben das auf 800 Seiten in Ihrem Buch, aber haben Sie eine kurze Antwort darauf?

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Adam Tooze ist Professor für Zeitgeschichte und Direktor des European Institute an der New Yorker Columbia University.

Adam Tooze: Kurz gefasst hat die Krise das Gleichgewicht in der Weltwirtschaft und in Hinsicht auf das Mächtegleichgewicht auf globaler Ebene fundamental verschoben. Es gibt drei Dimensionen: Es hat den Aufstieg Chinas bestätigt und beschleunigt, es hat Europa in eine langanhaltende Krise hineingestürzt, und es hat die amerikanische Führung infrage gestellt. Und das zusammen macht die Veränderung aus, und es hat das Bewusstsein dafür gesteigert, wie instabil die zugrundeliegenden finanziellen und wirtschaftlichen Zusammenhänge sind. Die Wirtschaft ist nicht mehr das Zaubermittel der westlichen Mächte, wie es nach dem Kalten Krieg schien - die wirtschaftlichen Götter waren auf unserer Seite -, sondern wir müssen damit rechnen, dass es auch zu fundamentalen Krisen kommen kann, die die Ordnung des Westens infrage stellen.

Veranschaulichen wir uns die politische Weltlage von 2008: George W. Bush war am Ende seiner achtjährigen Amtszeit und er musste dazu Stellung nehmen. Die Krise tat er ab mit "Turbulenz" - das schreiben Sie gleich zu Beginn Ihres Buches. War diese knappe, unbeholfen Reaktion symptomatisch für Bushs Präsidentschaft?

Tooze: Ja, es ist schwer, das im Nachhinein nicht so zu sehen. Die Finanzkrise ist ja im Grunde die die zweite Krise, die die amerikanische Führung unter der Präsidentschaft von Bush erleidet. Die erste war das Desaster der amerikanischen Außenpolitik in Afghanistan und Irak, und 2007/2008 folgte diese fundamentale Krise des amerikanischen Finanzsystems. Man hatte vor allem bei Bushs Auftritt vor der UNO im Herbst 2008 den Eindruck, dass er wirklich nicht mehr mitkommt.

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Es war auch weltweit eine Bestürzung festzustellen: Die südamerikanischen Länder Brasilien, Argentinien reagierten mit scharfer Kritik. Es gab durchaus Schadenfreude, so aus Russland. Die Europäische Union war entsetzt, Asien ebenso. Die USA waren isoliert. War die Finanzkrise ein weiterer Baustein für das Schwinden der Vorherrschaft einer Weltmacht?

Tooze: Das ist eigentlich die ironische Pointe einer Geschichte der Krise 2008. Es gab in den ersten Phasen der Krise tatsächlich diese abwehrende Haltung aus dem Ausland gegenüber Amerika, es wurde aber innerhalb weniger Wochen klar, dass es eine umfassende Krise des globalen Finanzsystems war. Das heißt, die russischen, die deutschen, die südkoreanischen Banken sind nicht sicher, und die Krise deckt diese Labilität auf, und die einzige Antwort darauf ist die Zentralbank Amerikas, die Federal Reserve, die als einzige Zentralbank in der Lage ist, Dollar zu liefern, nicht nur an die amerikanischen Banken, sondern auch an die Banken Europas und Asiens.

Manche Historiker sprechen von der Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, wenn sie über den Ersten Weltkrieg sprechen, weil so Vieles in der Folge passierte. Sie setzen die Parallele zu 2008 und stellen die Frage: Sind wir schlafwandelnd in die Krise hineingeraten? Eine Formulierung, die auch Christopher Clark gebraucht. Oder haben uns dunkle Kräfte hineingestoßen? Wie ist Ihre Antwort?

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"Crashed. Wie zehn Jahre Finanzkrise die Welt verändert haben" ist im Siedler Verlag erschienen und kostet 38,00 Euro.

Tooze: Ja, ich habe mich ganz bewusst auf Christopher Clarks Buch bezogen, er ist ein guter Freund von mir. Es kam 2014 heraus, mitten in der Folgephase der Krise, und die Beschäftigung mit diesem Thema 1914 schien mir nicht ganz zufällig zu sein. Was mich aber an der Parallele interessiert, ist nicht, dass 2008 etwas mit 1914 gemeinsam hat, sondern dass 2008 in der gleichen Weise unentscheidbar ist. Wir streiten hundert Jahre später immer noch über die tatsächlichen Vorgänge 1914, und das scheint mir eine Parallele zu unserer Situation in Bezug auf die Finanzkrise zu sein. Es ist im Grunde eine unentscheidbare, notwendigerweise umstrittene Geschichte, mit der wir über Generationen hinweg zu tun haben werden.

2008 hatte man vor allem auch die Angst, das Weltfinanzsystem könne vollends kollabieren. Man hatte Panik, das Jahr 1929 könne sich wiederholen. Neben der Frage nach der richtigen Rettungsstrategie kam immer wieder auch die Frage, wie man den Banken-Crash hätte verhindern können. Wäre man heute, auch unter einem Präsidenten wie Trump, im Falle des Falles darauf gerüstet? Woran erkennt der Experte die Krisenfaktoren?

Tooze: Worauf die Beobachtung von Krisentendenzen konzentriert sein muss, sind die Bilanzen der größten Banken, der global tätigen Finanzinstitute. Es gibt zwar keine technischen Veränderungen, es gibt keine strukturelle Umstellung des weltweiten Bankensystems, aber was sich verändert hat, ist unsere Aufmerksamkeit, unsere Beobachtung, unsere Überwachung dieser Bilanzen. Denn in diesen Bilanzen sehen wir die Risiken, die sich zwischen Europa, Amerika und Asien auftun. Dort kann man sie regulieren und da muss der staatliche Eingriff kommen.

Schauen Sie zuversichtlich in die Zukunft?

Tooze: Ich orientiere mich an dem historischen Beispiel des Kalten Krieges: Wir haben diese Krise überlebt, es kam nicht zum totalen Kollaps. Aber wir müssen in Zukunft mit diesem Risiko rechnen, und vor allem müssen wir uns mit der Frage beschäftigen, wie wir politisch damit umgehen, welche Einrahmungen wir für die nötigen Krisenlösungsstrategien finden.

Das Interview führte Claudia Christophersen

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 14.09.2018 | 19:00 Uhr

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