Franziska Machens und Paul Grill bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Maria Stuart" im Deutschen Theater. © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Sebastian Gabsch

Abwechslungsreiches Programm beim Berliner Theatertreffen

Stand: 09.02.2021 17:11 Uhr

Zum diesjährigen Berliner Theatertreffen im Mai wurden wieder einmal bemerkenswerte Produktionen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz eingeladen. Die Theaterkritikerin Eva Behrendt war selbst mehrere Jahre Jurymitglied.

Franziska Machens und Paul Grill bei der Fotoprobe des Theaterstücks "Maria Stuart" im Deutschen Theater. © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Sebastian Gabsch
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Frau Behrendt, sind Sie mit der Auswahl zufrieden?

Eva Behrendt: Sie klingt zumindest ziemlich abwechslungsreich. Ich freue mich auch, dass die Frauenqoute schon zum zweiten Mal übererfüllt worden ist. Es sind sechs völlig neue Inszenierungen für mich dabei, und auf die meisten bin ich auch total gespannt. Zum Beispiel auf die Neuentdeckung Anna Gmeyner - eine Autorin, die im 20. Jahrhundert gelebt hat und zu dieser Zeit gar nicht populär war. Aber jetzt hat Barbara Frey am Burgtheater Wien das Stück "Automatenbüfett" ausgegraben. Das scheint von der Tonlage ein bisschen in Richtung Horváth zu gehen, aber doch ein sehr eigener, die Frauenrollen highlitender Ton zu sein. Außerdem bin ich sehr auf die beiden freien Produktionen gespannt: Am Stück "Scores That Shaped Our Friendship" von Lucy Wilke und Paweł Duduś interessiert mich sehr, wie Lucy Wilke, eine Theatermacherin mit spinaler Muskelatrophie, damit umgeht. An der anderen freien Produktion waren das kleine Berliner Theater Ballhaus Ost, aber auch das Kosmos Theater in Wien und die Münchner Kammerspiele beteiligt. In dem konzeptionellen Projekt geht es darum, dass lauter Namen von Frauen, die in der Geschichte besondere Leistungen oder Funktionen erbracht haben, einfach mal aufgezählt werden. Das ist eine ziemliche Marathonveranstaltung von sieben Stunden, die die Schauspielerin Anne Tismer performt.

Barbara Frey, Lucy Wilke, Leonie Böhm, Anne Lenk - man hört immer wieder ähnliche Frauennamen. Ist die Auswahl, mit der Prämisse "50 Prozent Regisseurinnen" einzuladen, nicht auch ein bisschen vorhersehbar?

Behrendt: Da würde ich widersprechen. Zum einen sind auch die Regisseure Sebastian Hartmann, Christopher Rüping und Stefan Bachmann, die zum Theatertreffen eingeladen sind, mindestens einmal dagewesen. Ich finde den Schnitt von zwei komplett neuen Namen unter insgesamt sechs Frauen eigentlich ganz gut.

Wo stehen wir denn aktuell, wenn es um die Präsenz von Frauen an Theatern geht?

Behrendt: Bei der Pressekonferenz hat Yvonne Büdenhölzer, die Leiterin des Berliner Theatertreffens, noch einmal darauf hingewiesen, dass auch bei den 285 Stücken, die gesichtet worden sind, doch wieder zwei Drittel von männlichen Regisseuren inszeniert worden sind. Dieses Verhältnis scheint sich nicht so schnell verändern zu lassen - wahrscheinlich war es auch ein bisschen kühn gedacht, dass sich das schon innerhalb von zwei Jahren ändern würde.

Der Norden ist "nur" einmal vertreten, mit dem Stück "Reich des Todes". Regie führte Karin Beier, Intendantin vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg. Hätten Sie noch eine norddeutsche Produktion für die Zehner-Auswahl gewusst?

Behrendt: Ganz spontan fällt mir nichts ein. Ich muss aber sagen, dass ich im Laufe dieses Zeitraums, in dem die Theaterjury ausgewählt hat, sehr viel weniger Theater gesehen habe, als das normalerweise der Fall ist. Ich habe in diesem Zeitraum auch nichts aus Hannover oder Bremen sehen können, habe aber gehört, dass da sehr gute Produktionen gelaufen sind. Da gibt es Häuser, die sehr interessante Arbeiten machen, aber so ist es beim Theatertreffen immer: Manchmal ist das Glück einem hold und die nächste Jury entscheidet sich wieder anders.

Mit "Der Zauberberg" am Deutschen Theater Berlin und "Show Me A Good Time" vom Künstlerkollektiv Gob Squad sind zwei Produktionen dabei, die ihre Premiere online gestreamt haben. Wird die Pandemie die Theaterlandschaft bezüglich Online-Formaten längerfristig verändern?

Behrendt: Was sicherlich ein bisschen im Vordergrund steht, ist, dass man versucht, Theater digital zu vermitteln, aber noch nicht unbedingt gezielt für die digitalen Medien zu produzieren. Ich glaube, dieser Unterschied ist langfristig auch entscheidend, weil es auch freie Gruppen gibt, die ganz gezielt Theater mit digitalen Programm machen. Zum Beispiel gab es in letzter die tolle Produktion "werther.live", wo mit sehr viel Text die sozialen Medien bespielt wurden. Solche auf die sozialen Medien und digitale Formate angepassten Produktionen nehmen jetzt besonders Fahrt auf, sind aber immer noch - gerade in den Stadttheatern - in der Minderheit. Man will primär mit Schauspielern arbeiten, und letztendlich ist die Live-Situation mit einer Bühne und einem Zuschauerraum das, worum es im Theater geht.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 09.02.2021 | 18:00 Uhr