Stand: 24.10.2019 23:00 Uhr  - NDR Fernsehen

Abdollahi: "Luxus ist in Deutschland freudlos"

Wie viel Luxus braucht man? Wo und wann beginnt Maßlosigkeit? Der Deutsch-Iraner und Journalist Michel Abdollahi widmet sich in seiner Late-Night-Show "Der deutsche Michel" diesmal dem Thema Luxus.

Ein Kommentar von NDR Moderator Michel Abdollahi

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Der "deutsche Michel" Michel Abdollahi lädt in seiner gleichnamigen Late-Night-Show zu einem etwas anderen Blick auf das Thema Luxus ein.

Wenn es um Luxus geht, bin ich Perser. Da bin ich mir jetzt sicher. Denn diese Deutschen haben mich bei den Recherchen zu meiner Sendung zum Thema "Luxus" wirklich an meine Grenzen gebracht. Der Kunde muss klingeln. Es geht einige Stufen hinunter und auf durchgetretenen Dielen stehen fast leere Glasvitrinen mit Uhrenarmbändern. Der Chef dieses Hamburger Vintage-Uhren-Geschäfts ist freundlich, aber keineswegs zuvorkommend. Und er ist, nach eigenen Angaben, spezialisiert auf Uhren für 200.000 Euro aufwärts. Oh Gott, ist Luxus in Deutschland freudlos.

Ich bin Perser. Ich trinke gerne Champagner, sogar auf der Bühne. Ich trage Lackschuhe, (hoffentlich) gut sitzende Anzüge und liebe Menschen, die gut angezogen sind. Und ich frage mich: Was haben die Deutschen für ein Problem mit Luxus? Während in Ländern wie Frankreich, Italien oder eben dem Iran Luxus als eine Lebensnotwendigkeit angesehen wird - unabhängig vom eigenen Geldbeutel - reden die Menschen in Deutschland etwa so gerne über Luxus wie über Fußpilz.

Luxus verlagert sich von materiellen Gütern zu Erlebnissen

Sie möchten mit den Gästen eines exklusiven Poloturniers auf Sylt darüber sprechen, was für sie der wahre Luxus im Leben ist - für sie, die schon alles haben? Keine Chance. Sie wollen mit den Veranstaltern über ihre High-End-Selbstfindungs-Angebote für Führungskräfte sprechen? Niemals. Eine freundliche Absage, mit einem Hinweis auf Wittgensteins Tractatus: "Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen".

Zumindest hat das Stil. Dabei wäre es für mich als Journalist hochspannend gewesen, über solche Luxuserlebnisse zu sprechen. In wohlhabenden Ländern wie Deutschland verlagert sich ein Teil des Luxus nämlich, wie einige Forscher annehmen, zunehmend weg von materiellen Gütern hin zu teuren "Erlebnissen".

Über den Autor

Michel Abdollahi, geboren in Teheran, ist studierter Jurist und Islamwissenschaftler und lebt seit 1986 in Hamburg. Der Fernsehmoderator arbeitete unter anderem mehrere Jahre als Reporter für das NDR Kulturjournal und moderiert die NDR Sendung "Käptn's Dinner". Für seine Reportage "Im Nazidorf" (Panorama - Die Reporter / NDR) und für seine Straßenaktionen im Kulturjournal erhielt er 2016 den Deutschen Fernsehpreis. Michel Abdollahi hat eine eigene wöchentliche Kolumne - "Der deutsche Schäferhund" - bei COSMO, dem internationalen und interkulturellen Hörfunkprogramm von WDR und Radio Bremen.

Bloß nicht mit "Luxus" in Verbindung gebracht werden

Die Liste derer, die über solche Fragen nicht mit uns sprechen wollten, ist beeindruckend: Der Deutsche Boots- und Schiffbauer-Verband versuchte über Wochen für uns eine Jacht in Europa zu finden, auf der wir drehen können. Leider erfolglos. Zahllose Hersteller von Luxusprodukten - von der Porzellantasse für 500 Euro bis zur Pelzjacke - wollten ihre Produkte in keinem Fall in meiner Sendung sehen, nachdem wir ihnen das Thema gesagt haben.

Das Unternehmensnetzwerk der deutschen "High-End-Branche" war geradezu verstimmt darüber, dass wir sie mit dem Wort "Luxus" in Verbindung bringen wollten. Vielmehr gehe es um "Werte", "Handwerk" und "Kreativität". Ja, so kennen wir sie, die Deutschen, äh, "Handwerks"-Unternehmen wie Porsche, Daimler und Co. Wir haben Armeen von Luxus-Immobilienmaklern angeschrieben. Sie alle versprachen uns zu helfen - und meldeten sich nie wieder. Und spätestens, wenn ein Immobilienmakler nicht zurückruft, läuft irgendetwas ganz, ganz schief.

Prahlende und scheue Reiche

Fachleute, wie der Professor für Kunst- und Designtheorie Thomas Hensel, versuchten es uns so zu erklären: Etwa seit der Finanzkrise gibt es eine Zweiteilung. Einige reiche Menschen prahlen selbstverliebt mit ihrem Luxus vor allem in den sozialen Netzwerken. Andere Reiche scheuen sich umso mehr, ihren Luxus offen zu zeigen. Für die gibt es "stealth luxury" - Dinge, denen man ihren Preis gar nicht mehr ansieht.

Ein Werber verrät mir schließlich ein weiteres Geheimnis. Vor zehn, 15 Jahren war es einfach mit den Luxusprodukten: Die Qualität war besser. Aber heute ist die Qualität von Anzugstoffen, Uhrentechnik oder beispielsweise Koffern so hoch, dass man Geschichten braucht, um die überteuerten Waren an den Mann zu bringen. Geschichten, die Gefühle erzeugen, wie etwa Wodka, der über Diamanten fließt. Das Produkt gibt es in der gleichen Qualität aber längst für uns alle viel preiswerter.

Offener über Wohlstand und Luxus reden

Aber was macht das Schöne an "Luxus" aus - an diesen völlig überflüssigen Dingen, die man sich gerne leistet, wenn man kann? Einfach, weil sie so schön luxuriös sind? Letztendlich drehte ein verrückter deutscher Prinz mit uns in Los Angeles. Er hat sein Geld mit Bordellen verdient. Er ist ausländerfeindlich und betrachtet seine teuren Uhren als Investment in sich als Marke. Das ist sicherlich kein Luxus, der für Deutschland repräsentativ ist.

Wir als Gesellschaft sollten in meinen Augen viel offener über Themen wie Wohlstand oder Luxus reden. Denn ansonsten machen wir Themen größer, als sie sind. Ich glaube, das fördert Mythen, Neid und Missgunst - und es ist vor allem sehr, sehr freudlos.

NDR Fernsehen
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Der deutsche Michel

26.10.2019 00:10 Uhr
NDR Fernsehen

Der Deutsch-Iraner Michel Abdollahi ist Moderator, Journalist, Künstler und Literat. Diesmal erörtert er mit Désirée Nick und Ralf Möller die Frage: Wie viel Luxus brauchen wir? mehr

Dieses Thema im Programm:

26.10.2019 | 00:10 Uhr

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