Im Vordergrund eine US-Flagge, im Hintergrund trauert eine Frau  an einem Grab. © picture alliance / ZUMAPRESS.com | Walter G Arce Sr Grindstone Medi

9/11: Wie ein Land an der symbolischen Verwundung leidet

Stand: 07.09.2021 06:00 Uhr

Die Anschläge vom 11. September 2001 sitzen tief in unserem kulturellen Gedächtnis. Für den Philosophen Peter Sloterdijk ist 9/11 zwanzig Jahre später immer noch ein starkes Symptom mit nachhaltigen Folgen.

Philosoph, Kulturwissenschaftler und Autor Peter Sloterdijk
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von Peter Sloterdijk

Die Erinnerung an jenen Septembertag vor 20 Jahren mit dem blauen Himmel über New York und den mit einem Mal aufsteigenden schwarzen Brandwolken ist bei mir merkwürdig verblasst. Vermutlich, weil die folgenden Jahrzehnte mit ihrem fast permanenten Starkregen an Ereignissen und Themenüberschwemmungen die Bilder überdeckt haben. Vielleicht liegt es auch daran, dass in unserer Zeit innere Bilder schneller vergilben als früher. Ich sehe dunkle Punkte vor den Fassaden der Türme abwärts fallen. Was sie bedeuteten, meinte ich damals zu verstehen. Jeder Punkt war eine Verzweiflung, sie gehörte zu einem Menschen, der plötzlich vor der Wahl gestanden hatte, zu verbrennen oder in den Tod zu fallen.

11. September: Eine Verwundung des kollektiven Narzissmus

Philosoph, Kulturwissenschaftler und Autor Peter Sloterdijk
Der Philosoph und Kulturwissenschaftler Peter Sloterdijk meldet sich oft mit provokanten Thesen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik zu Wort.

Etwas Allgemeineres, Fataleres, war mir fast vom ersten Augenblick an intuitiv deutlich: dass die Amerikaner die Brandstiftung an den beiden Türmen und mehr noch deren Einstürzen als Operationen an ihrem symbolischen Selbst empfinden würden. Und dass sie vermutlich nie mehr über die Verwundung ihres kollektiven Narzissmus hinwegkommen würden. Weil der Angreifer anonym war, musste das Verlangen nach einem Gegenschlag zunächst die Form einer militärischen Gestikulation ins Leere annehmen. Wir wissen heute, dass sie weit über einer Million Menschen in Afghanistan, im Irak und in Pakistan das Leben kostete.

Kreuzzüge ziehen sich durch die US-Politik

Unsere amerikanischen Freunde waren seit Längerem begabte Kreuzfahrer gewesen: Dwight D. Eisenhower beschrieb seine Mission während des Zweiten Weltkriegs als "Crusade in Europe". Andere heilige Kriege hinterließen ihre mentalen Spuren in der US-Politik. Präsident Lyndon B. Johnson hatte 1964 einen "War on Poverty" deklariert. Der unter Präsident Nixon 1971 lancierte "War on Cancer" gab der Feldzugsfreudigkeit der Amerikaner eine neue Richtung. Der gleichzeitig deklarierte "War on Drugs" diente den Republikanern auch als ideologische Finte, um marihuanafreundliche Liberale und heroinaffine Schwarze zu diffamieren. Nach 2001 war klar, die Zukunft würde dem von Präsident Bush jr. deklarierten "War on Terror" gehören - mit seinen angemessenen wie seinen pathologischen Aspekten. Auch Bush sprach spontan von einem "Kreuzzug", musste den Ausdruck aber bald zurücknehmen. Er sollte zur Folge haben, dass auf lange Zeit das Motiv der Sicherheit in den USA, wie in dem verächtlich so genannten "Rest der Welt" den Freiheitsthemen unerbittlich vorgeordnet wurden.

Rache statt rationaler Entscheidung

Was mir schon damals Sorgen bereitete, war die überwältigende Wahrscheinlichkeit für das Einrasten einer Emotionspolitik. In der Momente der Besinnung, der Analyse, der abwägenden Zurückhaltung gegenüber dem Bedürfnis nach Rache, nach der Lizenz zum Zurückschlagen, nach dem Ausagieren von Wut und Kränkung den Kürzeren ziehen würden. Ich nannte das, was so deutlich drohte, wenn ich mich recht erinnere, eine "rechtshemisphärische Politik". Unter Bezug auf Auskünfte der damals jüngeren Gehirnforschung, wonach in der linken Gehirnhälfte die analytischen und diskursiven, in der rechten die synthetischen, emotionalen und bildlichen Kompetenzen lokalisierbar seien.

Die USA leiden bis heute an der symbolischen Verwundung

Das Warten auf die Rückkehr der linkshemisphärischen Tugenden wurde - aufs Ganze gesehen - nicht belohnt. Der 11. September blieb ein Meilenstein - auf dem Weg der Menschheit in Orient und Okzident - auf dem Weg in progressive Enthemmung und Verhässlichung. Dass in den USA nach der Ära Obama ein Phänomen wie Donald Trump auftreten konnte, beweist, wie sehr das Land der eingestürzten Türme weiterhin an der symbolischen Verwundung zu leiden hat, mehr jedoch an der folgenden Selbstvergiftung.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.09.2021 | 18:00 Uhr