Der Wissenschaftler und Autor Stefan Weidner © picture alliance / dpa | Friso Gentsch

Islamwissenschaftler Stefan Weidner über 9/11 und seine Folgen

Stand: 17.08.2021 06:00 Uhr

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis heute spürbar? Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner mit einem Essay.

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von Stefan Weidner

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wurden Koranübersetzungen zu Bestsellern. Viele glaubten, im heiligen Text der Muslime den Grund für den Hass auf den Westen zu finden. Doch die Erklärungskraft der Religion für die Anschläge ist gering.

Fragwürdige Bündnisse mit despotischen Regimen

Die Ursachenforschung fängt besser bei der Großmachtpolitik des Kalten Krieges an. Damals gingen die USA fragwürdige Bündnisse mit despotischen Regimen in der islamischen Welt ein, um die Verbreitung des Kommunismus einzudämmen. Dem Westen wurde deshalb von vielen Arabern eine Mitschuld an der politischen Stagnation in ihren Ländern gegeben, zumal der Sozialismus in der arabisch-islamischen Welt sehr populär war.

Essay-Reihe: Was kam nach Nine Eleven?

Seit den Anschlägen auf die silbernen Türme am 11. September 2001 in New York hat sich das Weltgeschehen folgenreich verändert und neugeordnet. Wie ist dieses Ereignis bis heute, zwanzig Jahre später, spürbar? Welche Bilder haften im emotionalen und kulturellen Gedächtnis? Wie ist die Chiffre "9/11" heute zu deuten? Mit diesen Fragen und Gedanken beschäftigen sich Schriftsteller*innen und Wissenschaftler*innen unserer Zeit. Exklusiv für uns haben sie sich geäußert, zu unterschiedlichen Aspekten, mit jeweils eigener Schwerpunktsetzung.

Als der Sozialismus nach 1989 keine Rolle mehr spielte, war der politische Islam für viele Menschen die einzige Ideologie, die eine Verbesserung der Lebensverhältnisse und Widerstand gegen die als ungerecht erlebten Regierungen versprach. Dazu zählten auch die mit dem Westen verbündeten Monarchien und Emirate auf der arabischen Halbinsel. 15 der 19 Attentäter von 9/11 stammten aus Saudi-Arabien.

Osama Bin Laden als Drahtzieher der Anschläge

1989 endete auch der Afghanistankrieg. Der Westen hatte dort die radikalislamischen Mudjahedin in ihrem Kampf gegen die Sowjetunion unterstützt. Nach dem Sieg gegen die Sowjets sahen sie in der letzten verbliebenen Großmacht, den USA, ihren neuen Feind. Aus dem Milieu der Afghanistankämpfer stammte auch der saudische Bauunternehmersohn Osama Bin Laden, der Drahtzieher der Anschläge von 9/11. Nach seiner Rückkehr aus Afghanistan legte er sich mit dem saudischen Regime an. Er wurde ausgewiesen und ging nach Afghanistan zurück, wo jetzt die Taliban an der Macht waren. Von dort plante er seinen Terrorkrieg.

Nach dem Fall der Berliner Mauer herrschte im Westen die Überzeugung, den Rest der Welt nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können. Wer sich sträubte, wie Kuba, Iran oder Nordkorea, wurde isoliert. Die islamische Welt galt zwar als rückständig und unterentwickelt; in wirtschaftlicher Hinsicht war sie jedoch gut in die westliche Ordnung integriert, vor allem dank ihres Ölreichtums. Nach 9/11 schien der politische Islam ein vergleichsweise leichter Gegner zu sein, gegen den sich das militärische Abenteuer lohnte.

Sicherheit ist durch "Krieg gegen den Terror" nicht gewachsen

Osama Bin Laden wurde 2011 getötet und die Djihadisten in Irak und Afghanistan auf dem Schlachtfeld besiegt. Aber sie kehrten wieder. Die letzten zwanzig Jahre haben gezeigt, dass sich die Probleme in der islamischen Welt nicht mit militärischen Mitteln lösen lassen. Auch unsere Sicherheit ist durch den "Krieg gegen den Terror" nicht gewachsen, vielmehr nahmen Terror und Fluchtbewegungen zu.

Bei der Ursachenforschung muss auch der Kolonialismus in Betracht gezogen werden. Von Napoleons Ägyptenfeldzug 1798 bis zum Zweiten Weltkrieg beherrschten die europäischen Großmächte weite Teile der islamischen Welt und beuteten sie aus. Die europäische Politik war von Überlegenheitsdenken und Rassismus geprägt, und der Widerstand dagegen wurde in Europa als Widerstand gegen Zivilisation und Moderne diskreditiert.

Auseinandersetzung zwischen Westen und Islam aufarbeiten

Um diesem Vorwurf entgegenzutreten, versuchten die Muslime, den Islam zu reformieren. Zugleich machten sie ihn dadurch zu einer modernen politischen Ideologie, deren Ziel es war, den ideologischen und in manchen Ländern auch den bewaffneten Kampf gegen die europäischen Mächte aufzunehmen. Mit dem traditionellen Islam hat dieser modernisierte, politisch-ideologische Islam nur oberflächliche Gemeinsamkeiten. Daher kann der Koran den Terror nicht wirklich erklären, auch wenn die Terroristen ihn zitieren.

Die Auseinandersetzung von Westen und Islam seit 9/11 beruht auf einer problematischen und zugleich geteilten Vergangenheit. Sie muss von beiden Seiten als gemeinsame verstanden, aufgearbeitet und bewältigt werden. Wenn wir die aktuellen Debatten über Rassismus und Kolonialismus in diesem Sinn verstehen lernen, sind wir auf dem richtigen Weg. Der Rückblick auf 9/11 hilft dabei.

Stefan Weidner (*1967) ist Islamwissenschaftler, zuletzt erschien sein Buch "Ground Zero. 9/11 und die Geburt der Gegenwart".

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NDR Kultur | Journal | 17.08.2021 | 18:00 Uhr