Stand: 17.07.2020 18:05 Uhr

70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland

Der Zentralrat der Juden in Deutschland ist die wichtigste Vertretung der jüdischen Gemeinden in der Bundesrepublik. Er wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Josef Schuster, seit 2014 Zentralratspräsident, spricht über die Geschichte dieser Organisation, über ihre Gegenwart und über ihre Zukunft.

Herr Schuster, 1950 - fünf Jahre nach dem Ende der Schoa, der systematischen Vernichtung von Juden in Nazi-Deutschland - wurde der Zentralrat der Juden ins Leben gerufen. Wie ist es dazu gekommen?

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster © picture alliance / AP Photo Foto: Michael Probst
Josef Schuster ist seit 2014 Zentralratspräsident - außerdem Vizepräsident des World Jewish Congress und des European Jewish Congress.

Josef Schuster: Die Überlegung 1950 war eine völlig andere als die Überlegungen der Arbeit des Zentralrats heute. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges haben sich in zahlreichen Orten in Deutschland jüdische Menschen zusammengefunden, die nach der Befreiung aus den Konzentrationslagern zunächst gar nicht wussten, wohin. Sie hatten kein Dach über dem Kopf und stammten zum Teil aus den Gegenden, zum Teil aus Osteuropa und waren durch die Befreiung der KZs gestrandet.

Die Frage war dann: Wie können diese Menschen weiter existieren? Viele von ihnen hatten die Überlegung weiter zu wandern und zu emigrieren Richtung Israel und Übersee. Der Zentralrat, der 1950 als Interessenvertretung der jüdischen Menschen in Deutschland gegründet wurde, sah es als seine wichtigste und vornehmste Aufgabe an, diesen Menschen bei diesen Punkten Hilfestellung zu leisten. Darüberhinaus aber auch das politische Sprachrohr bei anstehenden Verhandlungen mit der Bundesregierung zu sein - Stichwort: Wiedergutmachung.

Im Geburtsjahr des Zentralrats lebten nur noch rund 15.000 Juden in Deutschland - heute ist die jüdische Gemeinde mit mehr als 150.000 Jüdinnen und Juden die drittgrößte in Europa. Das hätten sich die Gründer damals sicher nicht träumen lassen. Wie sieht die Gemeinschaft in Deutschland heute aus?

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Teilnehmer der Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" des Zentralrats der Juden in Deutschland stehen am 14.09.2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin. © picture alliance/dpa Foto: Maja Hitij

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Schuster: Die Gründungsväter haben sich eine dauerhafte Existenz jüdischen Lebens in Deutschland überhaupt nicht vorstellen können. Insoweit war der Zentralrat eher als ein Provisorium geplant. In den 70er-Jahren kam es dann auch in der eigenen Denke zu einem Wandel - das war unter dem damaligen Vorsitzenden Werner Nachmann, der als erster offen artikulierte, sich bewusst für dauerhaft jüdisches Leben in Deutschland einsetzte. Eine Position, die insbesondere im Ausland in jüdischen Kreisen alles andere als populär war. Im Land der Täter konnte man sich auch in den 70er-Jahren jüdisches Leben eher schwer oder gar nicht vorstellen.

Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Kontingentflüchtlingsgesetz, also einer Möglichkeit, jüdischen Menschen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine Einreise nach Deutschland zu ermöglichen, wuchs die jüdische Gemeinschaft auf den heutigen Stand. Es wurden neue jüdische Gemeinden gegründet, und die 1989/1990 bestehende Sorge, dass es aus demografischen Gründen bald nur noch ganz wenige jüdische Gemeinden geben wird, hat sich erst einmal verflüchtigt, und jüdisches Leben ist seit 1990 quer durch Deutschland deutlich sichtbarer geworden.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster © picture alliance / AP Photo Foto: Michael Probst

AUDIO: 70 Jahre Zentralrat der Juden in Deutschland (7 Min)

Welche Aufgaben hat der Zentralrat heute, und was sind die drängendsten Themen?

Schuster: Die Aufgabe des Zentralrats nach dem Thema der Integration - die ist inzwischen weitgehend abgeschlossen - ist die politische Vertretung der Interessen jüdischer Gemeinden auf Bundesebene, insbesondere gegenüber der Bundesregierung. Und wenn wir Entwicklungen erleben wie in den letzten Jahren, wo antisemitische Äußerungen und Taten sowohl in der Anzahl als auch in der Ausprägung leider zugenommen haben, dann ist das ein Punkt, wo es immer wieder gilt, den Finger in die Wunde zu legen. Wenngleich ich es nicht als die Aufgabe des Zentralrats sehe, gegen Antisemitismus zu kämpfen, denn Antisemitismus betrifft zwar primär Juden, ist aber eine Problematik der gesamten demokratischen Gesellschaft.

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus RIAS hat 2019 1.253 antisemitische Vorfälle nur in Berlin, Brandenburg, Bayern und Schleswig-Holstein gezählt. Macht Ihnen das Angst, wenn Sie diese Zahlen hören?

Schuster: Es beruhigt zumindest nicht. Angst ist ein Begriff, den ich nicht gern verwende. Es macht auf jeden Fall Sorge. Ich habe nicht das Gefühl, dass die Anzahl der Menschen mit antisemitischem oder judenfeindlichem Gedankengut zugenommen hat. In Statistiken sind es seit Jahrzehnten immer etwa 20 Prozent der Menschen, die Vorbehalte gegen Juden haben. Wir erleben aber, dass diese 20 Prozent sich immer mehr trauen, das zu sagen, was sie offensichtlich lange Zeit nur gedacht haben. Eine Rolle dabei spielt sicherlich das Internet - da kann man Thesen viel leichter kommunizieren. Eine Rolle spielt aber auch, dass wir in der Politik, insbesondere von Funktionären einer Partei, Sätze hören wie: "Mahnmal der Schande" oder "Notwendige Wende der Erinnerungskultur um 180 Grad". Wenn namhafte Funktionäre einer im Bundestag und in allen Länderparlamenten vertretenen Partei solche Sätze von sich geben, dann animiert das auch. Die nächste Stufe ist, dass aus Worten Taten folgen, und das sind Dinge, die wir im letzten Jahr leider erlebt haben - in Halle, in Hanau oder beim Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Lübcke.

Das Gespräch führte Alexandra Friedrich.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 17.07.2020 | 19:00 Uhr