Stand: 20.05.2019 17:15 Uhr

70 Jahre Grundgesetz: Was macht die Kunstfreiheit?

von Andrea Schwyzer
Der Wortlaut des Artikel 5 des Grundgesetzes steht - neben anderen Grundrechten - im Berliner Regierungsviertel auf einer Glasscheibe.

Vor 70 Jahren trat das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland in Kraft. In dieser Zeit hat sich Deutschland verändert. Ist das Grundgesetz noch zeitgemäß? Dieser Frage gehen die Kulturredaktionen des NDR in dieser Woche nach. In Artikel 5 des Grundgesetzes steht: "Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung." Reicht diese Formulierung aus? Wie frei ist die Kunst heute? Die Grenzen zwischen Kunst und Politik scheinen zuletzt immer wieder zu verwischen: Stichwort Böhmermann-Debatte oder Aktivitäten des Zentrums für politische Schönheit. Stichwort "Urheberrecht", wenn es um Arbeiten geht, die mit Daten aus dem Internet arbeiten oder mithilfe künstlicher Intelligenzen. Eine Umfrage bei Kunst- und Kulturschaffenden.

Revitalisierung rechtspopulistischer Bewegungen verändert viel

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Barbara Kantel ist die Leiterin des Jungen Schauspiels Hannover.

Da kam diese Interviewanfrage: Können wir über die Kunstfreiheit sprechen und wie sie im Grundgesetz verankert ist? Die erste Reaktion von Barbara Kantel: Sie zögerte. Spürte eine Verunsicherung. Einen kurzen Moment nur. Doch das reichte aus: Die Leiterin des Jungen Schauspiels Hannover fühlte sich ertappt. "Da habe ich mich natürlich gefragt: Was ist passiert? Von wem fürchte ich denn, angegriffen zu werden? Es ist ein Grundrecht. Es steht mir zu. Ich bin eine Bürgerin der BRD. Ich bin Künstlerin und arbeite in einem Kunstbetrieb", sagt sie. "Man kann nicht sagen, dass die Kunstfreiheit immer ein völlig unberührtes Thema war, aber nicht in dem Maße, wie das in den letzten Jahren aufgetaucht ist, und das hat ganz viel mit der Revitalisierung rechtspopulistischer Bewegungen zu tun."

Arbeit von Kulturinstitutionen wird infrage gestellt

Die AfD stelle über die Methode der Kleinen Anfrage die Arbeit von Kulturinstitutionen infrage - von so einer Anfrage betroffen war beispielsweise auch schon das Sprengel Museum in Hannover. Der Grundtenor: "Kunst, die sich politisch verhält, ist nicht förderwürdig", zitiert Barbara Kantel. "Das ist eine Tendenz, die wir vorher nicht hatten, also nicht in diesem Maße. Und diese gefährdet natürlich künstlerisches Schaffen per se, weil ich mich als Künstlerin ja gar nicht anders als politisch verhalten kann.

Initiative "Die Vielen" verteidigt Grundrechte und Kunstfreiheit

Als die Produktion "Endland" angelaufen sei, habe sie E-Mails bekommen: So ein Stück, so eine Geschichte, gehöre nicht auf eine öffentlich geförderte Theaterbühne, stand darin. In "Endland" sind die Grenzen geschlossen und werden militärisch gegen Eindringlinge verteidigt. Nationalisten und Fremdenhasser haben das Sagen. Barbara Kantel wurde nicht persönlich angegriffen, wohl aber die Kunstfreiheit. Trotz einer gewissen Verunsicherung unter den Theaterleuten spürt Barbara Kantel vor allem eine Gegenreaktion: Sie und ihre Kolleginnen engagieren sich etwa in der Initiative "Die Vielen" - sie verteidigen demokratische Grundrechte und die Kunstfreiheit. Noch können sie angstfrei dafür einstehen.

Satire besonders im Fokus seit Anschlägen auf "'Charlie Hebdo"

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Gisela Vetter-Liebenow leitet das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover.

Es gibt aber auch Bereiche, wo Angst durchaus allgegenwärtig ist. Stichwort "Satire": "Es ist tatsächlich so, dass Satire viel stärker im Fokus steht - seit den Anschlägen auf die Redaktion von 'Charlie Hebdo'", sagt Gisela Vetter-Liebenow, Expertin für Karikatur und Satire und Leiterin des Wilhelm-Busch-Museums in Hannover. "Wir haben im Anschluss in einer Ausstellung über die Geschichte der französischen Satire auch Arbeiten von 'Charlie Hebdo' gezeigt."

"Viele verstehen nicht, was Satire ist"

Gisela Vetter-Liebenow erzählt, dass die Eingangstür über die komplette Dauer der Ausstellung bewacht wurde. In unzähligen Vorträgen und Diskussionen rund um die Schau sei ihr klar geworden, dass viele nicht verstehen, was Satire ist und was sie darf: Satire sei eine Kritik, die sich an die Starken, die Mächtigen richte. Sie setze den Finger auf den wunden Punkt - und ja, das tue weh! "Ich muss nicht alles gut finden, was ein Satiriker macht", sagt Gisela Vetter-Liebenow. "Aber in einer Demokratie muss ich es aushalten können."

Kommentar

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An diesem "Nicht-Aushalten-Können", am "Beleidigt-Sein" scheitere die Satire heute immer öfter. Das befreiende Lachen, was die Satire auch auslösen könne, gelinge immer seltener. Das Lachen bleibe uns im Halse stecken, resümiert Gisela Vetter-Liebenow.

Werte müssen verteidigt werden

Grundsätzlich finden beide Frauen, Barbara Kantel und Gisela Vetter-Liebenow, dass das Grundgesetz in puncto Kunstfreiheit kein Update nötig hat. Allerdings müssten die Werte, die in diesem Grundgesetz verankert seien, unbedingt verteidigt werden. "Sie haben immer Menschen, die sich in irgendeiner Form angegriffen fühlen", sagt Gisela Vetter-Liebenow. "Und wenn Sie anfangen, an einer Stelle nachzugeben, dann haben Sie verloren."

Der Artikel 5 des Grundgesetzes zur Presse- und Meinungsfreiheit steht auf einer Glasplatte im Regierungsviertel in Berlin. © picture alliance Foto: Wolfram Steinberg

Update Grundgesetz - Kunstfreiheit

NDR Kultur -

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 21.05.2019 | 06:40 Uhr