Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto

Stand: 07.12.2020 17:33 Uhr

Das Bild des Kniefalls von Willy Brandt 1970 vor dem Ehrenmal für die jüdischen Aufständischen des Warschauer Ghettos ging um die Welt. Ein Gespräch mit dem Historiker Heinrich August Winkler.

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Herr Winkler, Sie waren in den USA, als Willy Brandt in Warschau auf die Knie ging. Wie haben Sie dort das Ereignis miterlebt?

Heinrich August Winkler: Ich war damals als "German Kennedy Memorial Fellow" an der Harvard Universität in Cambridge, Massachusetts, auch mit anderen Deutschen. Wir haben die Berichte aus Warschau nicht direkt über das Fernsehen mitbekommen, sondern mit leichter Verzögerung über die Zeitungen. Aber als der "Spiegel" wenige Tage später mit dem Titelbild des knienden Willy Brandt in Warschau erschien, verbreitete sich eine eigentümliche Stimmung im Raum. Die Amerikaner beglückwünschten die Deutschen für diese symbolische Geste, die in der Tat einschloss, dass ein deutscher Bundeskanzler, der selbst eine lupenreine Vergangenheit hatte, stellvertretend für die Deutschen die Verantwortung für eines der entsetzlichsten Menschheitsverbrechen der Geschichte auf sich nahm. Das hat auch unsere amerikanischen Freunde damals ungeheuer beeindruckt.

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Willy Brandt am Rednerpult beim SPD-Parteitag am 13. Oktober 1972 © picture alliance / Klaus Rose

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Dieser Kniefall wurde in Deutschland nicht so positiv aufgefasst, aber er war auch in Polen umstritten. Was waren die Befürchtungen der Kritiker?

Winkler: Es gab vielfache Befürchtungen der polnischen Führung. Zum einen waren viele der Meinung, der Kniefall fand vor dem falschen Denkmal statt, und man hätte das, wenn überhaupt, lieber vor dem Denkmal für den Warschauer Aufstand von 1944 gesehen. Da spielte sicherlich auch der verbreitete Antisemitismus eine Rolle. Ein Kniefall vor dem Denkmal für die Opfer des Aufstandes im Warschauer Ghetto war etwas, was den Ostblock-Regierungen keineswegs zupass kam. Auch in der DDR wurde dieses Ereignis verschwiegen. Man zeigte nur Bilder, in denen man das Gesicht von Willy Brandt sah - aber nicht, dass er kniete. Das galt deswegen als gefährlich, weil damit das Feindbild Deutschland zutiefst infrage gestellt wurde. Denn dieser Kniefall brachte auch zum Ausdruck, dass hier ein verantwortlicher deutscher Politiker für das neue Deutschland einsteht, das mit dieser Vergangenheit gebrochen hat und einen Neuanfang sucht.

Die Delegation mit Willy Brandt ist im Dezember 1970 nach Polen gereist, um den Warschauer Vertrag zu unterzeichnen. Ein Medienereignis und auch ein umstrittenes Unterfangen - warum?

Winkler: Da ging es um nicht mehr und nicht weniger als um die heiß umstrittene Anerkennung der deutschen Ostgrenze an Oder und Neiße. Es ging um die Normalisierung der Beziehungen zwischen der Bundesrepublik und der Volksrepublik Polen und eine deutliche Stellungnahme, dass es eine gewaltsame Korrektur von Nachkriegsgrenzen nicht geben dürfe. Das war eine Bestätigung dessen, was wenige Monate zuvor im Vertrag mit der Sowjetunion im Moskauer Vertrag geregelt worden war. Also ein Teil jenes Gesamtpakets von Ost-Verträgen, zu dem auch das Viermächteabkommen über Berlin und schließlich der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag zwischen der Bundesrepublik und der DDR gehörte.

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Die Annäherung von Ost und West zeigte sich normalerweise in Form von Verträgen. Wie wichtig war eine solch emotionale Geste zu diesem Zeitpunkt - 25 Jahre nach Kriegsende? War die Aussöhnung überhaupt nur aufgrund dieser Geste möglich?

Winkler: Nein, nur als Teil eines Neuansatzes, einer Politik des Gewaltverzichts, der Aussöhnung mit Staaten, einer ganz anderen Gesellschaftsordnung. Da wurden Tabus gebrochen, die das Ereignis auch innenpolitisch so umstritten machten. 25 Prozent der Westdeutschen waren 1970 gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als deutsche Ostgrenze. Damals gab es Parolen wie "Willy Brandt an die Wand" und "Verzicht ist Verrat". Auch die beiden Regierungsparteien FDP und SPD hatten erst seit 1966 erkannt, dass eine Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze die Voraussetzung dafür war, dass man auf eine Minderung der innerdeutschen Spannungen mit der Aussicht auf eine Überwindung der nationalen Spaltung hoffen könne. Es war also ein hoch umstrittenes Ereignis, und es gehörte ungewöhnlicher Mut dazu, dies zu machen, und gleichzeitig die Verantwortung für den Holocaust zum Ausdruck zu bringen. Das kam alles zusammen.

Willy Brandt nahm auf seine Polen-Reise unter anderem die Schriftsteller Günter Grass und Siegfried Lenz mit - beide Unterstützer seiner Politik, beide aus der Kultur, nicht aus der Politik. Das war damals sehr unüblich. Was bezweckte Brandt damit?

Winkler: Es war in der Tat auch die Einbeziehung - im Falle von Siegfried Lenz - eines geborenen Ostpreußen, der die Brandt'sche Ostpolitik unterstützte. Das war eine ganz bewusste Umwerbung der meinungsbildenden Intelligenz und hatte eine enorme Wirkung - wie überhaupt die sozialliberale Koalition sich auch in hohem Maße auf die Unterstützung der Kulturschaffenden angewiesen fühlte. Eine derart enge Beziehung zwischen Literatur und Politik hat es in der Geschichte der Bundesrepublik davor und danach nicht mehr gegeben.

Das Interview führte Andrea Schwyzer.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 07.12.2020 | 18:00 Uhr