Stand: 27.06.2019 18:53 Uhr

Große Vielfalt bei den Literaturtagen in Klagenfurt

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt hat das Wettlesen begonnen: 14 Autorinnen und Autoren sind dabei, darunter acht Frauen. Am Sonntag werden wir erfahren, wer in diesem Jahr den mit 25.000 Euro dotierten Ingeborg-Bachmann-Preis bekommt. Die Journalistin Cornelia Zetzsche hat die ersten Lesungen und die anschließenden öffentlichen Diskussionen der Jury verfolgt.

Frau Zetzsche, wie war Tag eins? Fünf Frauen haben gelesen.

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Cornelia Zetzsche hat die ersten Lesungen in Klagenfurt verfolgt.

Cornelia Zetzsche: Man könnte eigentlich sagen: Es war ein Frauentag - ein 8. März Ende Juni. Frauen sind diesmal - übrigens erstmals in Klagenfurt - in der Mehrzahl. Das Los wollte es, dass gleich fünf Autorinnen am ersten Tag dran waren. Es war nicht nur die äußere Kulisse, sondern sie brachten auch weibliche Themen und Figuren ins Spiel. Katharina Schultens zum Beispiel sprach von einem Matriarchat im Jahr 2184 - Orwell lässt also grüßen, 200 Jahre nach "1984". Science-Fiction ist sonst eher von Männern besetzt, aber bei Katharina Schultens war deutlich, dass sie auf der Spur von Ursula Le Guin ist, der amerikanischen Fantasy- und Science-Fiction-Autorin aus den 60er- und 70er-Jahren. Das war ziemlich überraschend und sehr kryptisch.

Dann folgte Sarah Wipauer aus Wien und erzählte die Geschichte einer Frau, die gesellschaftlich ins Abseits gedrängt und zum Gespenst wird - und sich später rächt mit einem Loch auf der Raumstation Hirschstetten. Eine Gespenstergeschichte fast wie ein Märchen erzählt, aber mit einer Raumstation - sehr verwirrend.

Der Lesetag endete mit einer Mutter, einer Großmutter und ihrer Lebenslüge von der Unentbehrlichkeit. Das war ein entbehrlicher Abschluss - aber ansonsten waren es spannende weibliche Themen und eine sehr große thematische, stilistische Vielfalt.

Mit dabei war auch Julia Jost, die in Hamburg lebt. Sie hat heute auch gelesen. Wie war ihre Performance?

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Zetzsche: Das Kärntener Publikum hat mit großer Heiterkeit auf ihren Text reagiert. Julia Jost hat sich dargestellt als eine rasant beschleunigte Leserin, und ihre Szenerie führte in die österreichische Provinz, womöglich nach Kärnten. Es war eigentlich eine Geschichte von großer Grausamkeit, von ewigen Opfern, von ewigen Tätern, vom hochgeistlichen Missbrauch, vom braunen Sumpf in Österreich. Aber die Rasanz, die Sarkasmen und das Spiel mit Klischees machten daraus doch ein komisches Stück. Das kam beim Kärntener Publikum sehr gut an, auch bei den meisten Juroren. Mir ging es eher wie Jurorin Insa Wilke, die zu viel Vorhersehbares bemängelte, zu viele Klischees.

Dafür wurde Katharina Schultens zu recht völlig uneingeschränkt bejubelt. Die Lyrikerin aus Berlin, die sprachlich deutlich mehr riskierte, die eine Science-Fiction-Story sprachlich aufs Feinste komponierte und diesen feinen Moosteppich mit religiösen, mit botanischen, mit gesellschaftlichen Motiven verwob, mit Varianten, die immer wiederkehren wie bei einem Teppich. Ein eigentlich kryptischer, hermetischer Text von zwei homosexuellen Paaren offenbar, die in einer Welt leben, wie wir sie nicht verhindert haben, sagen sie, und die nun im Jahre 2184 künstliche Mädchen produzieren. Aber das alles hochmusikalisch, rätselhaft, mit sehr gegenwärtigen Fragen. Ein sehr interessanter Zukunftstext. Die Jury suchte ihn zu enträtseln, und mir hat das weitergeholfen, denn das ist ein Fragment aus einem Roman, sehr schwer verständlich und sicher nicht gut verkäuflich.

Das heißt, Ihnen hat die Jury geholfen. Es ist ja immer wieder diskutiert worden, ob das so sein muss, denn die Texte werden öffentlich diskutiert, direkt im Anschluss an die Lesung. Da war dann manchmal auch schon von Tribunal die Rede. Das haben Sie offensichtlich sehr anders empfunden.

Zetzsche: Die Jury versuchte schon lange von diesem Image des Tribunals abzukommen, das seit Jahren passé ist und dass sich trotzdem wahnsinnig hartnäckig hält. Am ersten Tag fehlte vielleicht das funkelnde Sprachgold, es fehlten vehemente Streits, es fehlten Sätze, die man sich sofort merkt. Erstaunlich ruhig und völlig in der Defensive war ausgerechnet Ex-Poetry-Slamerin Nora Gomringer. Aber ich fand, dass alle anderen äußerst gut präpariert, eloquent und sachlich diskutiert haben. Man mag das Funkeln vermisst haben, aber ich sehe den Wettbewerb längst als eine Autorenwerkstatt, eine Zusammenkunft von lauter Fachleuten, die zeigen, wie Texte gebaut sind, wie Textkritik funktioniert, nach welchen Kriterien. Man sieht den Juroren bei der Verfertigung ihrer Gedanken zu, und das finde ich lehrreich und unterhaltsam. Es muss ja nicht immer Blut fließen.

Das Gespräch führte Katja Weise

Cornelia Zetzsche © Bayerischer Rundfunk

Große Vielfalt bei den Literaturtagen in Klagenfurt

NDR Kultur -

Bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt hat das Wettlesen begonnen. Die Journalistin Cornelia Zetzsche hat die ersten Lesungen verfolgt.

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NDR Kultur | Journal | 27.06.2019 | 19:00 Uhr

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