VIDEO: Güstrow erinnert mit 100 Bildern an Helmut Schmidt (3 Min)

40 Jahre nach Besuch: Fotoausstellung über Helmut Schmidt in Güstrow

Stand: 02.10.2021 18:40 Uhr

In der Städtischen Galerie Wollhalle in Güstrow ist am Sonnabend die Fotoausstellung "Helmut Schmidt - 100 Jahre in 100 Bildern" eröffnet worden. Auch der denkwürdige Besuch des ehemaligen Bundeskanzlers im Dezember 1981 in der Barlachstadt wird darin aufgegriffen.

Der Osten lag Schmidt besonders am Herzen, und er war ein großer Bewunderer der Kunst des Güstrowers Ernst Barlach. Dessen Wirkungsstätte und Werke wollte Schmidt vor allem sehen. Mit der DDR-Führung war eigentlich ein dreitägiger Besuch im Dezember 1981 in Güstrow verabredet. Am Ende wurden es knapp drei Stunden. Statt normalen Einheimischen bekam Schmidt bei seinem Aufenthalt in der Stadt nur eigens herbeigeschaffte Parteikader, Hunderte Volkspolizisten und Tausende im Hintergrund agierende Stasi-Leute zu sehen. "Fast in jeder Haustür stand ein - wir nannten es später 'Beuteltier'", erinnerte sich Gerhard Weber im Jahr 2006 anlässlich des 25. Jahrestages des Besuchs. "Die hatten einen Beutel in der Hand - wahrscheinlich Funkgeräte drin. Wir marschierten dann raus, die Straßen praktisch menschenleer, gespenstisch. Und sofort kam ein 'Beuteltier' hinterher."

"Als Schmidt wieder weg war, hatte ich wieder Telefon"

Die Güstrower wurden entweder weggesperrt oder durften ihre Wohnungen kaum verlassen. "Es ging acht Tage vorher damit los, dass unser Telefon abgeschaltet war", erinnert sich ein weiterer Zeitzeuge gegenüber dem NDR. Nach einer Beschwerde bei der Post kamen Techniker und untersuchten die Leitung - sie fanden nichts. "Aber als Schmidt wieder weg war, hatte ich plötzlich wieder Telefon."

Ein anderer Zeitzeuge fuhr damals jedes Wochenende nach Güstrow, um die Schwiegermutter mit Holz und Kohlen zu versorgen. "Doch an diesem Wochenende rief sie an und sagte: 'Es ist unmöglich, dass ihr nach Güstrow kommt. Hier wird schon an der Abfahrt der Autobahn dicht gemacht. Ihr kommt nicht nach Güstrow rein.'" Die Angst saß tief bei Honecker und Co., dass sich in Güstrow ähnliche Szenen abspielen könnten wie elf Jahre zuvor in Erfurt, als Tausende DDR-Bürger dem westdeutschen Kanzler Willy Brandt zujubelten. Und so wurde Güstrow am 13. Dezember 1981 quasi zur Festungsstadt.

Schmidts Leben und Wirken als Mensch, Publizist und Staatsmann

Der Besuch Schmidts in Güstrow ist ein Bestandteil der Ausstellung. Die Episode wird mit Fotos aus dem Güstrower Stadtarchiv vom Besuch 1981 ergänzt. Im Vordergrund steht aber Helmut Schmidts Leben und Wirken als Mensch, Staatsmann und Publizist über fast ein Jahrhundert. Schmidt verstarb 2015 im Alter von 96 Jahren. Zu sehen sind also 100 Fotografien aus knapp 100 Jahren, zusammengestellt von der Hamburger Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, die viele Stationen im In- und Ausland und eben auch in Güstrow nachzeichnen. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 23. Januar 2022 in der Städtischen Galerie Wollhalle in Güstrow.

Weitere Informationen
Helmut Schmidt, Hans Albers und Heidi Kabel (Montage) ©  picture-alliance/KP, dpa Foto: Christian Charisius, KPA, Heinz Unger

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Dieses Thema im Programm:

NDR 1 Radio MV | Mittagsschau kompakt | 02.10.2021 | 12:00 Uhr