Pastorin Petra Bahr. © Evangelische Kirche / Patrice Kunte Foto: Patrice Kunte

3G, 2G, Impfpflicht: "Wir führen diese Diskussion zu spät"

Stand: 19.11.2021 18:53 Uhr

Es ist ein Dilemma: Einerseits steigen die Corona-Infektionszahlen in rasender Geschwindigkeit - andererseits soll in neun Tagen die "epidemische Lage" auslaufen. Ein Gespräch mit Petra Bahr vom Deutschen Ethikrat.

Frau Bahr, im Juli haben Sie sich dagegen ausgesprochen, ungeimpften Menschen weniger Freiheiten einzuräumen als geimpften. Das wird jetzt mit 2G-, 3G- und 2G+-Regelungen aber immer mehr Realität. Ist das ein Fehler?

Petra Bahr: Es ist eher die Tatsache, dass so eine Pandemie extrem dynamisch ist und man leider sehr schnell lernt, dass bestimmte Einschätzungen falsch waren. Denn das Tragische an der Debatte um 2G, 3G und um die Impfpflicht ist ja, dass wir diese Diskussion im Grunde zu spät führen. Wir hätten sie deutlich früher führen müssen und auch können. Denn die Warnungen standen ja im Raum.

Sind Sie für eine Impfpflicht, mindestens für Menschen, die mit vulnerablen Gruppen zu tun haben oder diesen angehören?

Bahr: Für bestimmte Bereiche, wo Menschen keine alternativen Räume haben - Pflegebedürftige, Kranke, Behinderte oder kleine Kinder -, befürworte ich eine Impfpflicht. Allerdings muss man aufpassen, dass man sie nicht für einzelne Berufe, sondern für einzelne Bereiche fordert. Denn auch jemand, der in der Küche einer großen Pflegeeinrichtung hilft, müsste davon auch betroffen sein. Bei einer generellen Impfpflicht bin ich deswegen so skeptisch, weil rechtliche Impfpflichten auch Sanktionen nach sich ziehen. Eine moralische Impfpflicht ist etwas anderes - darüber kann ich als Ethikerin auch reden. Die lässt sich darin begründen, dass es beim Impfen zwar um eine harte Einschränkung der eigenen Freiheit geht, aber andererseits Meinungsfreiheit andere potenziell schädigen kann. Da stehen zwei Güter gegeneinander, und in einer Pandemie ist die vermeintlich eigene Entscheidung eigentlich keine private, weil sie Folgen für die anderen hat.

Weitere Informationen
Ein Stapel gelber Impfpässe. © picture alliance / Geisler-Fotopress Foto: Christoph Hardt/Geisler-Fotopres

Fragen und Antworten: Booster-Impfung in MV

Wie und wo wird in Mecklenburg-Vorpommern "geboostert"? Und was gibt es für Erst- und Zweitimpfungen zu beachten? Hier finden Sie Antworten. mehr

Aber kommen da nicht zwei Sachen zusammen: die individuelle Selbstbestimmung und das Recht auf körperliche Unversehrtheit? Das sind zwei sehr schwerwiegende Argumente, oder?

Bahr: Das sind in der Tat schwerwiegende Argumente, weswegen eine generelle Impfpflicht nur dann ernsthaft in Erwägung gezogen werden kann, wenn es keine schonenderen und weniger einschneidenden Mittel gäbe. Die einzige Alternative wäre ein Lockdown für alle. Damit wären auch die Freiheit und die Rechte der Geimpften beschnitten, denen man gesagt hat, dass sie ihre Freiheiten dann behalten dürften und nicht wieder in einen Lockdown gehen müssten. Ein Lockdown für alle hätte noch viel größere soziale, wirtschaftliche und persönliche Folgen. Erst dann wird man diese Abwägung treffen können.

Die Beschränkungen, die es in den vergangenen Monaten gegeben hat, haben Existenzen gekostet, sowohl von Veranstaltern als auch von vielen Künstlerinnen und Künstlern. Das sind zwei hohe Güter, die da gegeneinander stehen: die Gesundheit der Allgemeinheit, aber auch das Existenzrecht vieler einzelner. Wie ist das aufeinander abzustimmen?

Bahr: Das Schwierige daran ist, dass man das nicht messen oder wiegen kann, sondern alle haben unterschiedliche Betroffenheiten. Das waren nicht nur die Künstler und Künstlerinnen, die vor den Grenzen ihrer Existenz standen, sondern wir gefährden auch Bildungsbiografien. Weltweit sind die Bildungschancen von Mädchen innerhalb von anderthalb Jahren massiv schlechter geworden. Wir greifen auch in die psychische Gesundheit ein, wir wissen, dass es vielen Kindern überhaupt nicht gut geht. Und das alles muss zusammen erwogen werden und auch gesellschaftlich debattiert werden. Gleichzeitig müssten bei einer Triage Ärztinnen und Ärzte entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss, weil wir keine Behandlungsmöglichkeiten mehr hätten. Das würde unsere Gesellschaft wirklich auseinanderreißen, in ganz anderer Weise als die Rede von der Polarisierung, die wir jetzt schon führen. Diese Debatte finde ich deswegen so falsch, weil es nur wenige sind, die diese Freiheit beanspruchen.

Es gibt auch relativ viele, die man mit den Impfkampagnen, die sehr angebotsorientiert sind, überhaupt nicht erreicht hat, weil die Art, wie wir Menschen ein Impfangebot machen, oft sehr weit weg ist von ihrer Lebensrealität.

Weitere Informationen
Eine Frau mit Mund- und Nasenschutz schlägt ihre Hände vors Gesicht. © picture alliance / BSIP | IMAGE POINT FR / LPN

Corona-Studie: "Die Menschen haben diese Krisenrhetorik satt"

Für eine neue Diakonie-Studie wurden Menschen zu ihrem Lebensgefühl in der Corona-Pandemie ein Jahr lang begleitet. Ein Gespräch. mehr

In der kommenden Woche soll die "epidemische Lage von nationaler Tragweite" auslaufen. Richtig oder falsch?

Bahr: Das ist eine politische Frage und keine ethische. Und als Ethikerin frage ich immer: Wie schaffen wir es, möglichst schnell Regeln verbindlich zu machen, an die sich dann möglichst alle halten, die plausibel sind, die stimmig sind und auch jeweils angemessen ihrem Kontext gegenüber. Gleichzeitig wundere ich mich im Moment, dass ganz viele Menschen sagen: "Der Staat hat ja noch nichts entschieden, und deswegen mache ich alles wie bisher." Es ist ganz einfach, auf bestimmte Freiheitsmöglichkeiten jetzt schon zu verzichten und bestimmte Veranstaltungen nicht mehr zu besuchen oder digital zu machen. Es gibt einen merkwürdigen Hiatus zwischen der Wut gegenüber dem vermeintlichen Versagen und Zögern des Staates und der Erwartung, dass der Staat mir erklären muss, wie ich mich in der Pandemie zu verhalten habe.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Weitere Informationen
Angela Merkel (CDU) und Olaf Scholz (SPD) geben nach der Ministerpräsidentenkonferenz zur Corona Pandemie im Bundeskanzleramt eine Pressekonferenz.  Foto: John Macdougall/AFP-Pool/dpa

Corona-News-Ticker: Bundesweite Einschränkungen für Ungeimpfte

Nach einem Beschluss von Bund und Ländern wird die 2G-Regel bundesweit ausgeweitet, auch auf den Einzelhandel. Silvester gilt ein Böllerverbot. Mehr Corona-News im Live-Ticker. mehr

Geimpfte in Norddeutschland

Corona-Impfquote: Aktuelle Zahlen zu den Impfungen im Norden

Wie viele Menschen in Norddeutschland haben bislang eine Corona-Impfung erhalten? Aktuelle Zahlen zur Impfquote. mehr

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 16.11.2021 | 18:00 Uhr

Übersicht

Drucker bei der Arbeit © dpa

Journal

Was gibt es Neues auf dem Buchmarkt? Wo laufen besondere Inszenierungen und spannende Ausstellungen? Welche Kinofilme sind sehenswert? Das Journal verrät es. mehr