Stand: 11.09.2020 18:09 Uhr  - NDR Kultur

20 Jahre NSU-Terror: "Die Wunden schließen sich nicht"

Enver Simsek © picture alliance / dpa Foto: Bernd Thissen
Enver Şimşek war das erste bekannte Opfer des NSU.

Am 11. September 2000 hörte er auf zu atmen: Enver Şimşek - das erste bekannte Opfer des selbsternannten "Nationalsozialistischen Untergrunds", NSU. Der türkische Blumenhändler war Ehemann und Vater einer Tochter und eines Sohnes, die elf Jahre warten mussten, bis sie die Gründe für den Mord erfuhren. Die CDU-Politikerin Barbara John setzt sich seit 2011 als Ombudsfrau für die Belange der Hinterbliebenen der vom NSU Ermordeten ein.

Frau John, Ihr Anliegen als Ombudsfrau ist es, den Familien der zehn Opfer des NSU eine Lobby zu geben, ihrer Stimme Gehör zu verschaffen, wegzugehen von dem ewigen Fokus auf Täter und Helfer. Wie ist Ihr Eindruck heute: Kommt die Perspektive der Betroffenen immer noch zu kurz?

Barbara John, Beauftragte der Bundesregierung für die Opfer der Neonazi-Mordserie. © dpa bildfunk Foto: Britta Pedersen
Barbara John hat 2014 das Buch "Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen" veröffentlicht.

Barbara John: Ja, in dem Sinn, dass zum Beispiel in Neuseeland anders verfahren wird: Dort hat Ministerpräsidentin Ardern nach dem fürchterlichen Anschlag in Christchurch gesagt, dass der Name des Täters für sie nich existiert. Die Neuseeländer kennen den Namen nicht oder wollen ihn nicht hören. Sie haben ihn aus dem öffentlichen kollektiven Gedächtnis getilgt. Bei uns wird immer noch sehr stark über die Täter gesprochen, deren Namen jeder kennt. Aber wenn man zum Beispiel die Namen der zehn Familien oder der 25 Opfer aus Köln nennt, weiß kein Mensch Bescheid. Das ist bei uns ganz anders, aber möglicherweise haben wir da eine andere Haltung. Ich finde jedenfalls das Verhalten in Neuseeland interessant: Täter gehören nicht in das kollektive Gedächtnis - aber die Opfer, denen müssen wir zur Seite stehen, und zwar immer dann, wenn sie uns brauchen.

In der "Zeit" hat Außenminister Heiko Maas einen Gastbeitrag über Enver Şimşek geschrieben: "Einer von uns" lautet die Überschrift. Er starb, so Heiko Maas, "weil er nicht als einer von uns galt. Weil er keiner 'aus unserer Mitte' war. Obwohl er bereits 14 Jahre in diesem Land lebte, blieb Enver Şimşek für zu viele von uns 'der Türke'. Das ist und bleibt unser großes Versäumnis, unsere Schuld." Sind wir schon angekommen bei "einer von uns", nähern wir uns dem an - oder entfernt sich unsere Gesellschaft eher wieder davon?

John: Nein, ich glaube nicht, dass wir uns entfernen. Ich bin schon sehr lange in der Arbeit. Ich habe angefangen, an der Universität Lehrer in Deutsch als Zweitsprache auszubilden, bin 1981 unter Weizsäcker Ausländerbeauftragte geworden und arbeite jetzt noch ehrenamtlich in vielen Kommissionen mit. Das Verhältnis zu den Menschen, die zu uns eingewandert sind, hat sich enorm verbessert. Es ist selbstverständlicher geworden, dass die Gesellschaft bunt und divers ist. Das ist jedem nicht nur klar, sondern das wird auch akzeptiert. Das heißt nicht, dass es - gerade mit der Flüchtlingsfrage - keine Auseinandersetzungen gibt. Aber das liegt nicht daran, dass da Menschen kommen wollen, sondern es liegt an der Art, wie Deutschland zerstritten ist und und Europa auch, wie sie keinen Weg finden, eine Flüchtlingspolitik zu formulieren, der die Gesellschaft in Deutschland vertrauen kann und die sie mitträgt. Das ist immer noch nicht gelungen, und das ist eine große Aufgabe.

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Sie haben 2014 ein Buch herausgegeben, in dem sie erstmals die Perspektive der Opfer und der Angehörigen in den Fokus gerückt haben: "Unsere Wunden kann die Zeit nicht heilen". Sie hatten vermutlich Kontakt zu den Familien in diesen Tagen. Wie offen sind die Wunden noch?

John: Die Wunden schließen sich nicht. Die Hinterbliebenen, die Opfer haben lebenslang damit zu tun. Das heißt aber nicht, dass sie sich jeden Tag damit beschäftigen. Das Gegenteil muss bei ihnen der Fall sein. Mein Mitarbeiter und ich merken immer, wenn wir mit ihnen zusammen sind, dass sie endlich davon weg wollen, als Opfer in dieser Republik zu leben, angesprochen zu werden, sich entsprechend dargestellt zu werden. Sie brauchen die Rückkehr - und das ist ihnen auch gelungen - in die Normalität des Alltagslebens. Sie haben Familien, ältere Angehörige, sie haben Arbeitsplätze, Freunde, sie wollen miteinander zusammen sein. Und sie wollen sich mit den Menschen, die sie umgeben - egal, ob das ihre Freunde aus der eigenen Community sind oder andere -, unbefangen über die Dinge unterhalten, die sie bewegen. Das ist wichtig für sie.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Enver Simsek © picture alliance / dpa Foto: Bernd Thissen

AUDIO: 20 Jahre NSU-Terror: "Die Wunden schließen sich nicht" (7 Min)

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NDR Kultur | Journal | 11.09.2020 | 18:00 Uhr