Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, im Porträt. © dpa Foto: Jonas Klüter

175 Jahre Bühnenverein: Präsident Carsten Brosda im Gespräch

Stand: 26.05.2021 16:48 Uhr

175 Jahre Bühnenverein - dieses Jubiläum wird am Donnerstag im Oldenburgischen Staatstheater begangen - mit einem Festakt, der sich sehen lassen kann. Seit November 2020 ist Carsten Brosda Präsident des Deutschen Bühnenvereins.

Carsten Brosda, Senator für Kultur und Medien in Hamburg, im Porträt. © dpa Foto: Jonas Klüter
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Herr Brosda, am Donnerstag findet der große Festakt statt, und auch heute gibt es reichlich Anlass zum Feiern: Die bundesweite Inzidenzzahl liegt erstmals seit Oktober unter 50, der Duft von Öffnungen liegt also in der Luft. Außerdem unterstützt die Bundesregierung den Start von Kulturveranstaltungen mit 2,5 Milliarden Euro. Knallen bei Ihnen gerade die Korken?

Carsten Brosda: Es ist ein bisschen eine Genugtuung, weil wir daran lange und hart gearbeitet haben. Das betrifft eher meinen zweiten Job als Hamburger Kultursenator, wo wir intensiv mit dem Bundesfinanzministerium überlegt haben, wie eine Hilfe für das Wiederanlaufen des Kulturbetriebs aussehen kann, der noch damit zu kämpfen haben wird, dass man nur eingeschränkt vor Publikum wird spielen können. Man kann die Säle nicht voll machen, hat aber die vollen Kosten. Da ist die Idee eines Wirtschaftlichkeitsbonus, der dabei helfen soll, die nicht verkauften Tickets trotzdem ein Stück weit mit in die Bilanz hineinzuholen, eine sehr gute Möglichkeit wieder ins normale Veranstalten hineinzukommen. Das ist ein wichtiges Signal, über das wir uns sehr freuen.

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Was bedeuten die aktuellen Entwicklungen für Sie?

Brosda: Es ist jetzt landesabhängig und teilweise auch regionalspezifisch unterschiedlich, je nachdem, wie die Inzidenz ist. Aber überall da, wo die Inzidenzen runtergehen und es die Landesverordnungen ermöglichen, fängt das kulturelle Leben, der Betrieb wieder an. In Hamburg haben wir am Freitag die erste Premiere in der Hamburgischen Staatsoper, und an den folgenden Tagen fangen viele andere Theater und Konzerthäuser wieder an zu spielen - vor eingeschränktem Publikum, mit Test und mit Maske im Saal. Hinzu kommt, dass an vielen Stellen über den Sommer Outdoor-Kulturveranstaltungen geplant werden, um zu sagen: Wir wollen uns dem Publikum öffnen, um dann wieder in eine Normalisierung des Geschehens mit Beginn der kommenden Spielzeit zu gelangen.

Wie haben Sie Ihr erstes Halbjahr als Präsident des Bühnenvereins erlebt?

Brosda: Das erste Halbjahr war von sehr intensiver Arbeit geprägt. Die Besonderheit ist, dass ich es tatsächlich geschafft habe, in meiner Amtszeit noch kein einziges Mal in einer Theatervorstellung gewesen zu sein. Das ändert sich jetzt hoffentlich am Freitag.

Wir erleben auch, dass das Theater vor ein paar sehr grundsätzlichen Debatten steht. Diese sind nicht neu: Über die Frage, wie wir mit Machtmissbrauch, mit Vielfalt in den Theaterbetrieben umgehen, haben wir auch vorher schon diskutiert. Der Bühnenverein hat dazu schon 2018 in Lübeck einen wertebasierten Verhaltenskodex vereinbart, aber wir haben anhand neuer Fälle, die in jüngster Zeit aufgetreten sind, gesehen, dass wir da nicht nachlassen dürfen, sondern dass wir den Weg, den wir eingeschlagen haben, weiter gehen müssen. Wir werden bei unseren nächsten Sitzungen hoffentlich vereinbaren, wie wir den Kodex weiterverarbeiten, wie wir dafür sorgen werden, dass der sich auch in die betriebliche Wirklichkeit übersetzt. Und wie wir dafür sorgen, dass Theater nicht nur Inspirationsorte für die Gesellschaft sind, sondern gleichermaßen auch attraktive Arbeitgeber für all diejenigen, die kreativ in künstlerischen Berufen arbeiten wollen. Das ist eine Aufgabe, die auch den Deutschen Bühnenverein angeht. Wir haben auch den Anspruch, dass wir auch weiterhin und verstärkt das Forum für diese Theater-bezogenen Debatten in Deutschland sein wollen. Insofern reißt die Arbeit da nicht ab.

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Was steht ansonsten ganz oben auf Ihrer Agenda? Was braucht es, um den Bühnenverein zukunftsfähig zu machen?

Brosda: Es braucht weiterhin den unbedingten Willen, sich um die Relevanz von kulturellen Impulsen in unserer Gesellschaft zu kümmern. Das spricht sich immer so leicht, aber wie schwer das ist, haben wir im letzten halben Jahr gemerkt, als es uns nicht möglich war, mit künstlerischen Interventionen in den Alltag zu arbeiten, sondern immer nur zu behaupten, dass das, was man tut, wichtig ist, auch wenn man es gerade nicht vormachen kann. Das Entscheidende ist jetzt, allen Mitgliedern dabei zu helfen, wieder Bühnenprogramme, Orchesterprogramme vor Publikum realisieren zu können, und das Zutrauen und die Zuversicht wieder zu stärken, dass man damit etwas Relevantes macht.

Es gehört natürlich auch dazu, sich den "unangenehmen" Themen zu widmen, weil sie notwendig sind. Wie bauen wir das Theater der Zukunft? Wie sorgen wir dafür, dass das attraktive Orte sind, die Vielfalt nicht nur auf der Bühne erlebbar machen, sondern wie schaffen wir es, auch im Zuschauerraum alle anzusprechen, die in einer Stadtgesellschaft unterwegs sind? Wie schaffen wir es, auch hinter der Bühne alle zu beteiligen, die Lust haben, mitzumachen? Wie bilden wir die Vielfalt unserer Gesellschaft auch betrieblich ab, dass sie eine Stärkung und eine Bereicherung der Institutionen wird?

Was macht den Bühnenverein so wichtig und gewichtig?

Brosda: Der Bühnenverein wurde vor 175 Jahren gegründet, vor allen Dingen, weil man die Sache mit den Vertragsverhältnissen ein bisschen besser sortieren wollte. Damals haben sich ein paar Theatermacher darüber geärgert, dass die Schauspieler die Verträge so schnell gewechselt haben. Man wollte den einen oder anderen auch mal länger ans Haus binden und dafür eine Einheitlichkeit haben. Da ist also ein Arbeitgeberverband entstanden und 25 Jahre später die dazugehörige Gewerkschaft, die GDBA, die vor Kurzem auch ihr Jubiläum gefeiert hat. Das heißt, wir reden über ehrwürdige Institutionen, die aber genauso wie die Institution, die sie vertreten, nicht in Tradition erstarren, sondern sich immer wieder modernisieren müssen.

Der Bühnenverein heute ist längst nicht mehr nur Arbeitgeberverband, sondern auch Interessenverband der Bühnen und der Orchester in Deutschland. Er hat die Besonderheit, dass nicht nur die Theater und die Orchester bei ihm vertreten sind, sondern auch die Träger. Die Kulturpolitik, die Städte und Länder sind also Mitglied in dem Verein. Wir haben insofern die einmalige Chance, ein Forum aller derjenigen zu sein, die institutionell Verantwortung für die Bühnen in Deutschland tragen, und gemeinsam die Themen zu bewegen, die uns alle angehen. Insofern blicken wir zum 175. gar nicht so sehr zurück, sondern vor allen Dingen mit einiger Dringlichkeit angesichts der gesellschaftlichen und kulturellen Situation nach vorne, in dem festen Willen, jetzt die Weichen für eine gute Zukunft der Bühnen für die nächsten 175 Jahre zu gestalten.

Das Interview führte Alexandra Friedrich.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 26.05.2021 | 18:00 Uhr