Regula Venske © picture alliance/Daniel Reinhardt/dpa Foto: Daniel Reinhardt

100 Jahre PEN: Präsidentin Regula Venske im Gespräch

Stand: 04.10.2021 15:04 Uhr

Am 5. Oktober 1921 gründete die englische Schriftstellerin Catherine Amy Dawson-Scott den Schriftstellerverband PEN. Präsidentin des Deutschen PEN-Zentrums, das 1924 gegründet wurde, ist aktuell Regula Venske.

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Frau Venske, muss man sich den PEN als Sisyphos vorstellen, der seit hundert Jahren den Stein der Freiheit einen Hang hinaufrollt und dann dabei zusehen muss, wie er donnernd herunterkracht? Denn eigentlich hat man nicht so viel erreicht, oder?

Regula Venske: Natürlich ist es eine Sisyphusarbeit, aber die muss auch getan werden. Man freut sich über das, was man im Kleinen erringt. Aber wenn ein einzelner Autor nach sechs Jahren Gefängnishaft endlich frei ist und bei uns in Deutschland wieder zur Ruhe kommen kann, Frieden finden kann, dann auch wieder schreiben kann, dann finde ich, dass das doch auch ein schöner Erfolg ist. Das mag klein sein in Bezug auf das Weltganze, aber das darf man nicht aus den Augen lassen. Sonst könnten wir uns gleich alle den Strick nehmen.

Amnesty International oder Reporter ohne Grenzen sind in der Stoßrichtung des Menschlichen, des Humanen ähnlich. Wie grenzt sich der PEN gegen diese Organisationen ab?

Venske: Wir müssen uns gar nicht abgrenzen, sondern wir kooperieren auch oft mit anderen Organisationen aus der Zivilgesellschaft. Man kann aber doch in einem bescheidenen Selbstbewusstsein sagen, dass wir zuerst da waren. Der PEN ist die älteste NGO; es ist eine Graswurzelbewegung. Amnesty International ist nach unserem Vorbild gegründet worden, denn der PEN hat sich schon in den 30er-Jahren sehr stark für Autorinnen und Autoren im Exil eingesetzt, die aus Nazi-Deutschland fliehen mussten. 1960 oder 1961 wurde das Writers-in-Prison-Committee gegründet und das beruhte auch auf der Arbeit, die schon geleistet wurde: sich einzusetzen für Autoren, die in Gefängnissen sitzen aufgrund dessen, dass sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausgeübt haben und nicht wegen krimineller Handlungen.

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Der PEN ist seit seiner Gründung per Definition eine neutrale Organisation. Da hieß es mal: "No politics, under no circumstances" - unter keinen Umständen politisch. Ist das eigentlich durchhaltbar?

Venske: Nein, mit diesem Slogan kann man nicht durchs 20. Jahrhundert gehen. Das haben auch die Kollegen damals, spätestens 1933, schon begriffen. Ich glaube, dass John Galsworthy, als er diese Parole ausgab, noch einen anderen Politikbegriff im Kopf hatte: die nationalistischen Gedichte, die zum Beispiel auch deutsche Dichter zu Beginn des Ersten Weltkrieges verfasst hatten. Diese Art des Politischen wollte man im PEN nicht haben, sondern er war eher ausgerichtet auf das Ideal einer Menschheit, die in Frieden und in Gerechtigkeit miteinander lebt.

Der deutsche PEN war - ähnlich wie Deutschland insgesamt - über Jahrzehnte geteilt. 1990 kam es in Deutschland zur Vereinigung - die beiden PEN-Zentren Ost und West haben sich aber erst 1998 wiedervereinigt. Was war da los? Und wie sieht das heute um die deutsch-deutsche Geschichte aus?

Venske: Das ist wirklich spannend. Die Geschichte der deutschsprachigen PEN-Zentren spiegelt wirklich die Geschichte des 20. Jahrhunderts wider. Dieser lange Vereinigungsprozess hat aufgrund der Diskussion um mögliche Mitarbeit mit der Stasi im ostdeutschen PEN so lange gedauert. Man hat auch darüber diskutiert, ob einzelne Kollegen ausgeschlossen werden müssten, was auch in einem Fall der Fall gewesen ist. Die Dissidenten, die inzwischen im westdeutschen PEN waren - Günter Kunert oder Herta Müller - wollten zum Teil nicht mit den alten Kollegen aus dem Ost-PEN in einem Verein zusammen sein. Da hat es heftige Diskussionen gegeben und das hat lange gedauert. Ich bewundere auch die Vorgänger und Vorgängerinnen, die sich dafür eingesetzt haben, diese Vereinigung dann doch irgendwann zustande zu bringen. Das Zusammenwachsen hat natürlich auch noch eine Weile gedauert. Das sind Prozesse, bei denen man vielleicht das eine oder andere Ressentiment überwinden muss oder auch Unkenntnis und Ignoranz. Ich denke aber, dass wir inzwischen gut aufgestellt sind.

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Was sind die nächsten Ziele des PEN, mindestens des deutschen PEN-Zentrums?

Venske: Nach unserer jetzigen Reise nach Polen müssen wir unbedingt diesen Kontakt weiter pflegen und unsere polnischen Kollegen weiter unterstützen. Das brauchen die jetzt von uns. Das betrifft auch uns selber, denn es geht auch um Polen in der EU. Das Wort "Polexit" ist hier des Öfteren gefallen. Es gibt aber im Moment viele große Baustellen: Denken Sie an Afghanistan, an Belarus oder an Myanmar. Es gibt aber auch immer wieder neue Themen - im Moment etwa die kulturelle Aneignung, aber auch die Freiheit der Imagination und der Fantasie. Wir haben in unserer Charta den Satz: "Literatur kennt keine Grenzen." Und natürlich darf auch die Fantasie keine Grenzen kennen. Zu tun gibt es also genug - und da wird uns nicht langweilig werden.

Das Gespräch führte Jürgen Deppe

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Journal | 04.10.2021 | 18:00 Uhr