Ein junges Mädchen sitzt mit gesenktem Kopf vor einer hohen Mauer. © photocase.de Foto: Mr. Nico

"Wut und Verzweiflung dürfen sein"

Stand: 27.07.2021 12:54 Uhr

Was Betroffene der Hochwasserkatastrophe jetzt erleben oder fühlen, lässt sich kaum in Worte fassen. Doch Trauer und Klage dürfen ihren Raum haben.

von Jacqueline Rath

"Es wird schon werden", murmle ich leise. Und merke schon im nächsten Moment, wie blöd dieser Satz war. Eine Freundin hatte mir gerade von ihrer Krebsdiagnose erzählt. Und eigentlich bin ich sprachlos, als mir dieser Satz rausrutscht.

In den Nachrichten haben wir in den letzten Wochen täglich die Bilder der Hochwasserkatastrophe in unserem Land gesehen. Zerstörte Häuser und Straßen, Menschen, die alles verloren haben.

Wir haben Bilder gesehen von betroffenen Politikern, die ihre Hilfe zusagen; Berichte über Menschen, die zum Helfen in die Krisengebiete gefahren sind. Und die Bilder eines großen ARD-Benefiz-Tages am vergangenen Freitag, bei dem unter dem Motto "Wir halten zusammen" Spenden gesammelt wurden, insgesamt kamen 16,5 Millionen Euro zusammen.

Auf den einzelnen Menschen achten

All das ist großartig! Es zeigt eine bundesweite Solidarität mit den Menschen vor Ort. Aber auch hier höre ich den Ruf "Es wird schon werden". Er ist gut gemeint, ohne Frage. Doch bei dem Blick auf die Masse geht der einzelne Mensch allzu oft verloren. Was sie fühlen, wie es den Menschen geht die von heute auf morgen ihr Zuhause oder gar geliebte Menschen verloren haben, dass lässt sich nicht in Bilder oder Worte fassen.

Klagen und Trauern ist erlaubt

Ich finde, die gemeinsame Klage ist genauso wichtig, wie die gemeinsame Hoffnung. Das vor dem „Es wird schon werden“ die Emotionen stehen die Ausdrücken: "Das alles ist einfach ganz größer Mist!" Wut und Verzweiflung dürfen sein. Sie brauchen ihren Raum.

Mir ist das in dem Gespräch mit meiner Freundin deutlich geworden. Unser gemeinsames Schimpfen auf die Krankheit hat ihr gut getan, denn es hat ihr gezeigt, dass ich mich wirklich von ihrem Schicksal anrühren lasse.

"Tröstet einander und einer baue den anderen auf", heißt es in der Bibel. Eine Aufforderung an uns alle, hier, jetzt und heute.

Dieses Thema im Programm:

NDR 90,3 | 28.07.2021 | 09:40 Uhr

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