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Immer wieder wird von einem 'menschenwürdigen Leben auch am Lebensende' gesprochen. Meine Frage lautet: Was versteht die Kirche unter 'menschenwürdigem Leben' - vor allem in der letzten Phase des Lebens, in der viele Personen anscheinend nichts mehr spüren oder mitkriegen?

Sie haben mir Ihre Geschichte erzählt und ich habe sie vor Augen. Sie besuchen regelmäßig einen Angehörigen, der im Sterben liegt. Sie sehen, wie lange dieser Mensch schon leidet, ohne Hoffnung auf Besserung. Und Sie stellen die Frage: Ist das ein menschenwürdiges Leben, wenn ein Mensch nichts mehr spürt – wie bei einer schweren Bewusstseinseintrübung oder einem Wachkoma? Es klingt jetzt sehr einfach, wenn ich antworte: Ja! Solange ein Mensch lebt, behält er seine Würde, selbst wenn wir meinen, er habe sich längst von uns verabschiedet. Und wissen wir wirklich, ob der Sterbende nicht doch merkt, wenn ich seine Hand halte?

Der sterbende Mensch steht unter einem besonderen Schutz, und zwar unabhängig davon, ob er etwas spürt. Denn die Würde des Menschen ist unantastbar, sagt das Grundgesetz in Artikel eins. Und Jesus fordert uns in der Bergpredigt auf, Kranke und Sterbende zu begleiten: "Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan."

Aber klingt das nicht sehr theoretisch? Auf Intensivstationen und in Pflegeheimen gibt so viel menschliches Leid: Vereinsamung im Sterbebett. Unsägliche Schmerzen. Wachkoma über Jahre. Jeder wünscht sich einen sanften Tod, aber die Realität sieht anders aus. 95 Prozent der Bevölkerung sterben nach einer längeren Krankheit. Gut, dass es schmerzlindernde Medikamente gibt und immer mehr Hospize. Viele Menschen opfern ihre Freizeit, um als Hospizhelfer am Sterbebett zu wachen. Und es ist wichtig, dass ich rechtzeitig eine Patientenverfügung hinterlege. Mit meiner Unterschrift mache ich deutlich, wie ich medizinisch behandelt werden möchte. Und wenn Ärzte nach bestem Wissen und Gewissen zu dem Schluss kommen, dass keine Besserung eintritt, sondern ich im Sterben liege und alle Geräte das Sterben nur verlängern würden, dann darf ich festlegen: Ich möchte nicht künstlich beatmet oder durch eine Magensonde ernährt werden. Ich möchte in Frieden und in Würde sterben. Das Recht hat jeder Mensch.

Zum "würdigen Sterben" gehört für mich als Seelsorger noch etwas dazu. Martin Luther hat einmal in einer Predigt gesagt: "Keiner wird für den anderen sterben, sondern jeder in seiner eigenen Person mit dem Tod kämpfen. Darauf muss sich ein jeder getrost gefasst machen."

"Getrost gefasst machen" auf diesen Kampf mit dem Tod - wie das geht? Luther predigt: Wir müssen "gerüstet" sein. Und dazu gehört nicht nur das Testament oder vielleicht der bewusste Abschied von der Familie. Luther meint, wir sollen die "Hauptstücke" des Glaubens kennen wie das Vaterunser und das Glaubensbekenntnis. Was das bedeutet, hat mir eine alte Frau gezeigt, die ich auf der Intensivstation begleitete. Sie war fast nicht mehr ansprechbar. Aber bei Psalm 23 konnte sie jedes Wort leise mitsprechen: "Der Herr ist mein Hirte." So glauben zu können - auch das gehört für mich zu einem "menschenwürdigen" Sterben.

Autor: Jan von Lingen

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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