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Kirche und Staat - wie eng ist das Verhältnis eigentlich? Wer redet wem wo rein?

Das Verhältnis Staat - Kirche ist geprägt durch die lange und enge Geschichte, die beide verbindet. Im Jahr 380 unterzeichnete der Kaiser des oströmischen Reiches ein Dekret, in dem festgelegt wurde: Das Christentum ist ab sofort Staatsreligion. Die Kaiser des römischen Reiches verstanden sich als von Gott eingesetzte Herrscher. Sie waren die Herren der Welt. Nach dem Untergang des römischen Reiches übernahm der Bischof von Rom diese Rolle.

Alle Fürsten hatten ihm die Füße zu küssen, so forderte Papst Gregor VII im 11. Jahrhundert. Im Hochmittelalter stellte sich der Papst in geistlichen und weltlichen Fragen als Gebieter über Könige und Völker. Dies ließ sich jedoch ab dem 14. Jahrhundert immer weniger durchsetzen. Die Kirche verlor mehr und mehr an Einfluss.

In Deutschland lässt sich heute das Verhältnis zwischen Staat und Kirche als arbeitsteilige Partnerschaft beschreiben. Geregelt ist es im Grundgesetz und in vielen Einzelverträgen auf Länderebene: So genannten Konkordaten mit dem Vatikan oder Kirchenverträgen mit Landeskirchen. Sie regeln z.B. wie Ministerpräsidenten in einigen Bundesländern zustimmen müssen, bevor in der Kirche ein Bischofsamt neu besetzt wird.

Im Grundgesetz wurde vor 60 Jahren das Selbstbestimmungsrecht der Kirchen festgeschrieben. Ein Kompromiss, der sich schon in der Weimarer Verfassung findet. Er besagt: "Die Religionsgemeinschaften ordnen und verwalten ihre Angelegenheiten selbstständig innerhalb der Schranken des für alle geltenden Rechts." (Art. 140 GG). Die Kirchen unterliegen nicht der Rechtsaufsicht des Staates, sofern es ihre eigenen Belange betrifft. So wird den Kirchen u.a. zugestanden, als Arbeitgeber einen eigenständigen Weg gegenüber den Beschäftigten zu beschreiten. Die Kirchen gelten auch als Gesellschaften öffentlichen Rechts. Diese nicht unumstrittene Rechtsform gibt ihnen die Möglichkeit, Steuern von ihren Mitgliedern zu erheben, die in Deutschland vom Staat eingezogen werden.

Im Grundgesetz ist auch so etwas wie eine positive Religionspflege des Staates geregelt. Da geht es um Religionsunterricht an Schulen und um die Besetzung theologischer Lehrstühle an Hochschulen. Hier hat die Kirche ein Mitspracherecht und kann ihre Zustimmung verweigern, wenn sie die eigene Lehre gefährdet sieht.

Das Verhältnis Staat - Kirche ist zwiespältig: Die Kirchen sind eng verflochten mit den bestehenden politischen und ökonomischen Systemen. Da sind aber auch viele Christen, die genau diesen Systemen kritisch gegenüberstehen und nach Alternativen suchen. Und nach einer Kirche, die weniger verflochten ist mit der Macht.

Autor: Andreas Brauns

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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