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von Jan von Lingen

"Mein Sohn ist vor vielen Jahren in eine gefährliche Sekte geraten. Ich habe alles versucht und habe sogar die Organisation verklagt. Doch jetzt hat sich mein Sohn von mir losgesagt und hat behauptet, er sei durch die Wiedergeburt nur zufällig in unserer Familie geboren worden. Was kann man eigentlich dagegen tun?"

Fragen Sie mich als evangelischer Theologe? Dann würde ich antworten: Die Lehre der Wiedergeburt, die ihrem Sohn so wichtig ist, widerspricht allem, was wir aus der Bibel wissen. Denn nach christlichem Verständnis hat der Mensch nur einmal zu leben.

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Eine Person sitzt mit auf den Händen gestüztem Kopf in einem dunklen Raum am Tisch.

Natürlich haben Sie das Recht, ihrem Sohn das zu sagen. Und natürlich dürfen Sie ihn auch auf die Schattenseite seines neuen Glaubens aufmerksam machen: Keine Sekte hat das Recht, Menschen von Freunden und Verwandten zu trennen. Kein Guru darf mit Psychotricks Mitglieder klein und abhängig machen. Keine Glaubensgemeinschaft darf den Anspruch erheben, sie allein kenne den Weg zum Heil. Ich verstehe darum ihren Lebenskampf und Ihre Klage vor Gericht.

Doch als evangelischer Pastor bin ich auch Seelsorger. Und da denke ich nicht nur an die Sekte und ihren Sohn, sondern auch an Sie, lieber Hörer. Jahrzehnte haben Sie gekämpft, haben sich vielleicht sogar verkämpft - mit dem Ergebnis, dass Ihr Sohn sich jetzt von ihnen losgesagt hat. Das passt in seine neue Religion. Er fühlt sich nur als eine "Inkarnation", die mehr oder zufällig in ihre Familie hineingeboren wurde. Doch Sie bleiben nun zurück Das schmerzt natürlich furchtbar. Trotzdem ist spätestens jetzt - so denke ich - der Zeitpunkt gekommen, an dem Sie Ihren Sohn ziehen lassen müssen. Er ist ja längst erwachsen geworden. Er hat sich entschieden. Er geht seinen eigenen Weg.

Für Sie ist es aber an der Zeit, wieder mehr auf sich selbst zu achten. Denn manchmal spiegelt sich die Geschichte: Wie die Kinder geraten auch die Eltern durch diese ständige Beschäftigung in die Abhängigkeit der Sekte. Wie die Kinder geraten auch Angehörige in die Gefahr, sich zu isolieren, weil andere sie und ihren Kampf einfach nicht mehr verstehen können. Passen Sie auf, dass diese Auseinandersetzung nicht ihr ganzes Leben bestimmt. Darum glaube ich, dass es für Sie an der Zeit ist, ihren Sohn gehen zu lassen.

Akzeptieren Sie seinen Weg, auch wenn Sie ihn nicht verstehen und schon gar nicht gut heißen können. Halten Sie trotzdem Kontakt und sagen Sie ihm: Du bist mein Kind und ich bin für Dich da. Und wenn Ihr Sohn vielleicht - wer weiß - eines Tages zurück kommen möchte, wird er allein sein und kaum noch Freude außerhalb der Sekte haben. Aber dann sind Sie da und können helfen: Familie, Eltern und Geschwister.

Mehr aus dieser Sendereihe lesen Sie in: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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