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Was genau ist eigentlich die Seele?

Es wird erzählt: Vor einigen hundert Jahren untersuchten Ärzte einen Leichnam. Sie suchten bei ihrer Obduktion auch die Seele - und fanden sie nicht. Und so notierten sie in ihrem wissenschaftlichen Bericht: Es gibt keine Seele. Sie merken schon: Mit der Seele ist das so eine Sache. Man kann sie nicht sehen oder beschreiben. Naturwissenschaftler können darum mit dem Begriff "Seele" nicht viel anfangen. Seele ist für sie eher ein altmodischer Begriff von früher.

Nun fragen Sie mich, einen Pastor, und da fragen Sie genau den Richtigen. Ich müsste es schließlich wissen, ich bin ja "Seel-Sorger". Wissen Sie: In vielen Religionen und Kulturen weltweit wird unterschieden zwischen Leib und Seele. Dahinter steckt diese Ahnung, dass es mehr geben muss als den Körper, der ja krank oder alt werden kann.

Was also ist die Seele? Ein Beispiel. Stellen Sie sich eine Querflöte vor. Es ist ein wunderschönes Instrument. Mit Silberanteil in einer wertvolle Schatulle. Doch die Flöte allein hat noch keinen Nutzen, erst wenn eine Melodie erklingt, erwacht die Querflöte zum Leben. So ähnlich stelle ich mir das Verhältnis von Körper und Seele vor. Allein der Körper macht noch keinen Menschen aus. Er ist wie ein Instrument, das nicht gespielt wird. Erst wenn der Mensch etwas fühlt, denkt, glaubt, hofft, liebt - dann erklingt das Instrument. Die Seele ist dann so etwas wie unsere "Lebensmelodie".

Aber etwas fehlt noch: Der Körper ist das Instrument, die Seele ist die Lebensmelodie - wer ist der, der den Ton erzeugt? Wer bläst in dieses Instrument hinein? Wer gibt dem Menschen eine Seele? Für die Bibel ist die Antwort klar: Das ist der "Geist" Gottes. Er schenkt dem Menschen die Seele. Und das verrät auch das Wort "Geist Gottes". Im Hebräischen, in der Sprache des Alten Testaments, bedeutet es tatsächlich auch "Atem" oder "Wind". Dieser "Lebensatem" Gottes macht den Menschen erst richtig lebendig und gibt ihm eine Seele. Ein Psalm sagt: "Du sendest aus deinen Atem, so werden sie geschaffen, und du machst neu die Gestalt der Erde."

Kein Wunder also, dass in der Bibel viele hundert Mal das Wort "Seele" vorkommt. Zum Beispiel in dem schönen Psalmvers "Lobe den Herren, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat". Und hier wird noch etwas deutlich: Von der Seele ist immer dann die Rede, wenn es um die Beziehung zu Gott geht. Man könnte sagen: Die Seele ist so etwas ist wie der Anknüpfungspunkt zwischen Gott und Mensch. Die Seele ist der Ort der Gottesbegegnung.

Für Naturwissenschaftler mag die Seele ein Fremdwort sein. Für Menschen, die gläubig sind, ist sie eine tägliche Erfahrung, die das Leben bereichert. Darum heißt es in einem Kirchenlied: Du, meine Seele singe, wohlauf und singe schön...

Autor: Jan von Lingen

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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