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Mich beschäftigt sehr die Scheidung unseres Gemeindepastors. Darum würde ich gerne wissen: Darf ein evangelischer Pastor sich eigentlich scheiden lassen? Widerspricht das nicht seinem Amt?

So eine Frage bewegt viele Menschen in einer Gemeinde. Irgendwann macht es die Runde: "Der Pastor, der Pfarrer lässt sich scheiden." Aber schon dieser Satz ist nicht ganz richtig: Denn zu einer Scheidung gehören ja immer zwei. Es müsste heißen "Der Pastor und seine Frau lassen sich scheiden" - und genau da fängt das Problem an. Wer kann über das Leben eines Ehepaares urteilen? Darüber hat niemand zu befinden. Das geht mich nichts an.

Auf der anderen Seite haben Sie recht: Es geht um die Scheidung eines Pastor, damit ist dies von öffentlichem Interesse - zumindest in einer Gemeinde. Darum folgt manchmal auf eine Scheidung auch eine Versetzung des Pfarrers - meist in Abstimmung mit dem Kirchenvorstand der Gemeinde. Oft ist dies ein sehr schmerzhafter und umstrittener Prozess.

Natürlich sollen Geistliche Vorbilder sein und bleiben. Die Ehe ist noch immer ein Leitbild der Kirchen. Sie werden sicher ihre Ehe nach bestem Wissen und Gewissen geführt haben. Aber manchmal stehen Pastorinnen und Pastoren im Konflikt: Auf der einen Seite ihr Glaube und ihre Vorbildfunktion, auf der anderen Seite die "Wahrhaftigkeit". Soll ich meine Ehe weiterführen, damit die Gemeinde zufrieden ist - ich aber immer unglücklicher werde? Auch ein Pastor oder eine Pastorin hat das Recht, mit sich selbst stimmig zu leben.

Nach evangelischem Verständnis steht das Scheitern einer Ehe einem geistlichen Amt nicht im Weg. Denn die Ehe ist für evangelische Christen kein Sakrament - wie in der katholischen Kirche. Die Ehe ist vielmehr ein "weltlich Ding", so hat es Martin Luther formuliert. Und auch wenn es darum geht, nach besten Wissen und Gewissen eine Ehe zu führen - das Seelenheil hängt nicht daran, ob dies gelingt. Vielmehr gehört zu unserem Christensein, dass Gott auch unser Scheitern annimmt. Und dort, wo Menschen in unserem Umfeld eine Scheidung durchleben, ist es nicht unser Recht, den Stab über sie zu brechen. Vielmehr sollten wir sie begleiten.

Das gilt auch für Pastorinnen und Pastoren, die sich scheiden lassen oder bereits geschieden sind. Sie haben oft viel für ihre Kirche getan. Nun beginnt für sie eine schwierige Zeit - sich trennen, alleine leben, das Scheitern verarbeiten. Dann ist es an der Zeit, dass die evangelische Kirche etwas für sie tut. Auch wenn dies nach einem Pfarrstellenwechsel in einer neuen Gemeinde sein sollte...

Autor: Jan von Lingen

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

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