Archiv

S

In der Bibel gibt es eine Erzählung, da geht es um 100 Schafe. Da lässt der Hirt 99 Schafe allein zurück, um ein Schaf zu suchen, das sich verirrt hat. Ist das eine Schaf wichtiger als die 99?

Was da in der Bibel erzählt wird, ist schon eine komische Geschichte. Beim ersten Hören klingt sie völlig weltfremd. Welcher Hirt würde schon 99 Schafe stehen lassen, um eins zu suchen? Das wäre verantwortungslos gegenüber der Herde. Außerdem ist die Wahrscheinlichkeit viel zu hoch, noch mehr als nur das eine Schaf zu verlieren. Also lieber 99 schützen und eins abschreiben. Das klingt irgendwie logisch.

Liegt die Bibel also daneben? Nein, denn bei dem, was da im Neuen Testament erzählt wird, stehen sozusagen 99 gewöhnliche Schafe einem ganz besonderen Schaf gegenüber. Es handelt sich also nicht um ein beliebiges Tier. Das Schaf ist besonders, weil es sich verirrt hat. Es hat seine Herde verloren.

Und jetzt kommt Gott ins Spiel. Er ist der Hirt, der kein Schaf seinem Schicksal überlässt. Die Erzählung soll erläutern: Gott geht jedem Schaf nach, das vom Weg abgekommen ist. Ihm ist nicht egal, ob die Herde aus 99 oder aus 100 Tieren besteht. Jedes Schaf  ist einzigartig. Und weil er vom Verlust des einen Tieres so betroffen ist, lässt er die anderen 99 stehen. Von einem Pferch ist hier keine Rede, weil es nicht um die 99 Tiere geht, sondern um das eine, das fehlt. Es ist ebenso wertvoll wie alle anderen 99. Und darum will der Hirt es nicht verlieren, nicht eins von den 100.

Als er es findet, freut er sich riesig. Im Evangelium des Lukas heißt es: "…er ruft seine Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir!"

Und dann folgt in der Bibel die Spitze der Erzählung: "Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über 99 Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren."

Der Satz hat es in sich: Zumal er manchmal so verstanden wird: der Himmel freut sich über einen mehr als über 99. Dabei wird verschwiegen, dass der eine vom Weg abgekommen ist. Er ist in die Irre gegangen. Weil er aber - mit göttlicher Hilfe - zurückgefunden hat, ist die Freude im Himmel so groß. Jetzt ist auch er auf dem richtigen Weg. Also: Gott ist nicht egal, wohin ich gehe. Wenn ich weitab von den anderen meinen eigenen Weg suche, dann muss ich durchaus mit ihm rechnen, denn vielleicht bin gerade ich das 100. Schaf, das ihm in seiner Herde fehlt.

Autor: Andreas Brauns

Aus: "Noch eine Frage, Herr Pfarrer. 111 himmlische Antworten", LVH, 2010.

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kirche/schafe152.html