Ein Ortschild mit dem Namen Lankow im Kreis Gadebusch © Kirche im NDR Foto: Sarah Oltmanns

Zwangsumsiedlung Lankow: Kein Gras wächst über Schuld und Reue

Sendedatum: 17.06.2021 07:50 Uhr

Unter der "Aktion Ungeziefer" führte das Ministerium für Staatssicherheit ab 1952 Zwangsumsiedlungen in der DDR durch. Betroffen war auch der kleine Ort Lankow wegen seiner Nähe zur innerdeutschen Grenze.

von Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt

"Lankow, Kreis Gadebusch, Bezirk Schwerin", steht auf dem gelben Ortsschild, ein ganz normales Ortsschild in Mecklenburg. Aber hinter dem Schild gibt es keinen Ort. Keine Häuser, keine Straßen, keine Menschen. Seltsam, dachte ich. Und habe nachgelesen, was es mit diesem Ort auf sich hat.

"Aktion Ungeziefer": Zwangsumsiedlungen in der DDR

Früher gab es hier einmal ein Dorf mit Bauernhäusern, Familien und Kindern. Für eine Weile sogar eine kleine Schule. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Geflüchtete hier ein neues Zuhause. Aber ab dem Jahr 1952 wurden Menschen aus Lankow, die den damaligen DDR-Behörden als unliebsam erschienen, zwangsweise von dort wegtransportiert und umgesiedelt. Wie in Lankow geschah das zeitgleich an vielen Orten, die auf DDR-Seite nah an der innerdeutschen Grenze lagen. Diese erste Zwangsumsiedlung durch die Staatssicherheit trug den menschenverachtenden Namen "Aktion Ungeziefer". Später folgte noch eine solche Aktion, und die letzten Ortsansässigen  zogen schließlich freiwillig fort. Dann wurde das kleine Dorf Lankow völlig eingeebnet.

Der Schweriner Dom  Foto: Jutta Brüdern
AUDIO: Morgenandacht auf NDR 1 Radio MV (2 Min)

Ortschild von Lankow hält die Erinnerung lebendig

Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt. © Marcelo Hernandez, Nordkirche Foto: Marcelo Hernandez
Gott will, ... , dass Menschen in Frieden miteinander leben, sagt Landesbischöfin Kristina Kühnbaum-Schmidt.

Der Ort ist verschwunden, aber was dort geschah, das ist in der Erinnerung vieler lebendig. Auch das Unrecht, das Menschen dort angetan wurde. Das Ortsschild hält die Erinnerung daran wach. Damit Vorbeikommende aufmerksam werden und fragen und Menschen erzählen, was sie erlebt haben. Was sie noch immer schmerzt. Damit wir miteinander reden und Worte finden für das, was einmal war. Damit kein Gras wächst über Schuld und Reue. Sondern damit wir miteinander Frieden finden und Versöhnung. Denn Gott will, darauf vertraue ich und das glaube ich, dass Menschen in Frieden miteinander leben. Daran denke ich heute, am Morgen des 17. Juni 2021.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Die Morgenandacht | 17.06.2021 | 07:50 Uhr

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